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Horror von Guillermo Del Toro #1 | CRONOS (1993)

Regisseur Guillermo Del Toro mag seine ganz eigenen Variationen auf klassische Filmmonster. In seinem 1993er Frühwerk Cronos bekommen wir es mit einem Vampir zu tun, der nur wenige Merkmale des klassischen Blutsaugers aufweist. Bei Del Toro wird ein mexikanischer Antiquitätenhändler durch einen Skarabäus zum Mann mit Blutdurst, nur um hierdurch ewiges Leben zu erlangen.

In Del Toros erster Spielfilm-Regiearbeit geht es um jenen Skarabäus, der von einem Alchemisten im Jahre 1536 entworfen wird, der dann bei einem Unfall in 1937 ums Leben kommt. Offenbar hat das Relikt dafür gesorgt, dass dieser Mann einige Jahrhunderte überleben konnte. In der Gegenwart findet der alternde Antiquitätenhändler Jesús Gris (Federico Luppi) das inzwischen 450 Jahre alte Artefakt. Während er es genauer untersucht, fährt der Skarabäus seine spinnenartigen Beinchen aus und rammt sie in Jesús’ Körper.

Danach ändert sich dessen Leben drastisch. Auf einmal verschwinden die Falten aus seinem Gesicht, seine Haare werden wieder dichter und er fühlt sich viel gesünder, jünger und fitter als jemals zuvor. Dafür entwickelt er aber auch einen Durst nach Blut, den er zuerst abstoßend findet, sich ihm aber schon bald hingibt. Nur seiner stummen Enkelin Aurora (Tamara Shanath) fällt auf, dass sich ihr Großpapa verändert hat. Sie beginnt sich Sorgen um ihn zu machen.

Cronos
Jesús Gris (Federico Luppi) lässt sich von dem Skarabäus aussaugen.

Derweil zeigt sich Ron Perlman (der später für Hellboy und Blade 2 mit Del Toro weitere Filme drehte) in einer seiner ersten Rollen als amerikanischer Laufbursche und Neffe eines im sterben liegenden Geschäftsmannes (Claudio Brook). Sie sind hinter dem Cronos-Skarabäus her und empfinden es als äußerst unangenehm, dass ihr Objekt der Begierde sich in Jesús festgesetzt hat.

Ron Perlman ist nicht das einzige Indiz dafür, dass hier ein Guillermo Del Toro am Werke ist. Auch wenn es sich um seinen ersten Film handelt, lassen sich schon reichlich Motive finden, die den Filmemacher später so sehr charakterisieren sollen. Wenn wir zu Beginn die Geschichte des Alchemisten zu sehen bekommen, entführt uns Del Toro bereits in eine günstige Variante seines späteren Crimson Peak-Anwesens. Es ist eine gruselige Gothik-Villa, die uns in die Horrormärchen Atmosphäre taucht, die Pans Labyrinth so stark gemacht hat.

Darüber hinaus taucht Cronos ganz tief in Metaphern ein. Der Antiquitätenhändler – eine Berufung, die schon für das alt-angestaubte steht – heißt Jesús und bekommt damit eine biblische Bedeutung. Die Auferstehung nach dem Tode und ein neues Leben durch den Skarabäus. Dieser bekommt durch das Storytelling von Del Toro einen Hauch von biblischer Geschichte mit.

Das Insekt im Inneren der Cronos-Apparatur ist wie ein Moskito in einem Bernstein eingeschlossen. Ein Moskito, der über Wasser wandelt wie einst Jesus Christus. Ein Moskito, der Hunderte von Jahren in einem solchen Bernstein eingeschlossen sein kann, danach aber trotzdem weiterlebt, wie nach einer Wiedergeburt. Guillermo Del Toros Cronos arbeitet ganz nahe an solchen biblischen Bildern, übertragen auf sein kleines Vampir-Horror-Insekt.

Cronos
Ron Perlman in CRONOS von Guillermo Del Toro.

Cronos ist nicht nur eine Form der Vampir-Geschichte, sondern auch die klassische “Be careful what you wish for”-Story, bei der sich der alternde Antiquitätenhändler zuerst in seiner neuen Jugend verliert, nur um dann via Metamorphose wahrlich zu einem Monster zu werden, das sich selbst sein größter Widersacher ist. Somit ist Cronos auch gleich noch ein bisschen Body-Horror, als hätte David Cronenbergs 1986er Die Fliege hier als Vorlage gedient.

Unter all dem liegt aber der eigentliche Horror verborgen: bei Cronos handelt es sich um eine Geschichte, in der alte Männer sich nicht mit dem Sterben abfinden wollen. Das gibt dem Film eine traurige Note. Ob der widerliche Geschäftsmann, den wir hassen sollen, oder der nette Antiquitätenhändler, der uns sympathisch erscheint, beide gehen ihr Leben falsch an, indem sie den Tod verhindern wollen. Be careful what you wish for. Beide bekommen nicht, was sie sich erhofft haben.

Schon mit Cronos zeigt uns Guillermo Del Toro also seine Vorliebe für Filme. Er baut den Vampirfilm neben den Body-Horror und bringt ein Familiendrama zwischen Großvater und Enkelin mit hinein, als auch die Tragik der menschlichen Natur, irgendwann sterben zu müssen. Ganz nebenher zeigt er seine eigene Vorliebe für Nostalgie. Wer sonst würde sich noch in einem Antiquitätenladen so austoben, wie ein Del Toro, der seinen Filmen nie in die Moderne holen möchte. Seine Filme sind immer ein wenig Horror und ein wenig Liebe zum Kino, dabei aber auf jeden Fall immer überaus atmosphärisch.

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