Der spanische Regisseur J. A. Bayona holte sich für sein Spielfilm-Debüt Das Waisenhaus in 2007 mit Guillermo Del Toro prominente Produzenten-Unterstützung, um seinen Horror im Stile der 1970er Jahre zu inszenieren. Nicht wie in seinen späteren Hollywood-Arbeiten The Impossible und Sieben Minuten nach Mitternacht (beides großartig inszenierte Filme), arbeitet Bayona hier mit keinerlei uns bekannten Gesichtern zusammen, was nur umso mehr den Fokus auf die gespenstische Atmosphäre des Films lenkt.

Der Film erzählt von Laura (Mireia Renau), die als junges Mädchen in einem Heim aufwächst, bevor sie adoptiert wird und ihre hier gefundenen Freunde zurücklassen muss. Etwa 30 Jahre später kehrt sie – jetzt von Belén Rueda gespielt – mit ihrem Ehemann Carlos (Fernando Cayo) und ihrem an Aids erkrankten Adoptivsohn Simón (Roger Princep) zu dem Waisenhaus zurück, um daraus eine Unterkunft für kranke und körperlich beeinträchtigte Kinder zu machen. Sie schwelgt in schönen Erinnerungen, in die sich auf einmal böse Visionen mischen, die ihr zeigen, was aus den Kindern geworden ist, die sie hier zurückgelassen hat.

Das Waisenhaus
Laura (Belén Rueda) mit ihrem Ehemann Carlos (Fernando Cayo)

Dass Bayona sich an seinen Mentor Del Toro hält, wird schon bei den Opening Credits deutlich, die ein gruselig-märchenhaftes Ambiente aufbauen, wie es Del Toro selbst mit seinem Pan’s Labyrinth vorgemacht hat. Das Drehbuch von Sergio G. Sánchez ist dann auch noch schlau genug, sich der Erzählung um Peter Pan und den verlorenen Kindern anzunehmen und in Das Waisenhaus zu integrieren. Wunderbar passend, wenn die erwachsen gewordene Laura mit Wendy verglichen wird, die einst nicht im Nimmerland bei Peter bleiben wollte und lieber in der wirklichen Welt ihr Kind-Dasein hinter sich gelassen hat.

Bei Das Waisenhaus darf man aber keinen Schocker erwarten. Wie einst Alfred Hitchcock hat Bayona verstanden, dass Suspense stärker ist als Jump Scare-Schockmomente. Lieber wissen, dass dort irgendwo etwas lauert, eine Bedrohung kommen wird, als diese Bedrohung immer und immer wieder in Schreckmomenten auf uns zu werfen. Das hat Hitchcock in seinem wunderbaren Gespräch mit Truffaut offenbart und hier scheint Del Toro seinem Schützling Bayona dieselbe Weisheit mit auf den Weg gegeben zu haben.

Das heißt auch, dass man eine geduldige Aufmerksamkeitsspanne aufbringen muss. Man darf zwar tief in diese anspannende Atmosphäre eintauchen, die Entladung kommt aber erst am Ende – und auch hier nicht durch das große Effektspektakel der Hollywood-Kollegen, sondern durch eine eher dem Krimi ähnelnde Auflösung, bei der das Unheil wie eine schockierende Tat von der Detektivin aufgeklärt wird.

Belén Rueda spielt Laura als starke Frau, die vom Drehbuch einen nachvollziehbar realistischen Charakter geschrieben bekommen hat. Ihr Spiel fühlt sich perfekt an, wie eine Person, die zu einem ihr vertrauten Ort zurückkehrt, an dem aber irgendetwas nicht zu stimmen scheint. In ihrem Gesicht macht sich Unbehagen und Misstrauen breit, während sie sich zugleich aber wieder Zuhause fühlt.

Das Waisenhaus
Das Horror-Kind am Ende des Flurs

Visuell arbeitet Bayona mit arg verwaschenen Bildern, die Kameramann Óscar Faura immer blasser als im wirklichen Leben darstellt – das merkt man ganz deutlich, wenn man mal einen genauen Blick auf die Kleidung wirft, die niemals wirklich ihre volle Farbe entfaltet. Sobald das Medium Aurora (Geraldine Chaplin) in die Handlung kommt und in die Geisterwelt überwechselt, taucht der Film in ein blass-unheimliches Grün um den Weltenwechsel zu vollziehen.

Am gruseligsten ist dann aber der imaginäre Freund von Sohn Simón, der mit einem übergestülpten Sack Laura in ein Badezimmer schubst, die Tür verriegelt und den Sohn scheinbar entführt. Nicht nur ist er eines dieser widerlichen Horror-Kinder, die einfach nur dastehen und fiese Grunzgeräusche von sich geben, auch die Maske sieht nicht unbedingt sympathisch aus und löst mehr Grusel aus als jeder Schockmoment.

Das Waisenhaus ist ein schleichend-bedrohlicher Horrorfilm, der mit guten Darstellern und einer wohl überlegten übernatürlichen Krimi-Geschichte daherkommt, die in einem überaus unbehaglichen Waisen-Haunted House angesiedelt wurde.