Filmkritik

“A Cat in Paris” von Jean-Loup Felicioli & Alain Gagnol

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Regisseur Woody Allen hat schon vor vielen Jahren erkannt, dass die eigentlichen Hingucker seiner Filme die Straßen, Gebäude und Landschaftsbilder der Städte sind, die er mit seinen Erzählungen durchstreift. Angefangen in New York, über Barcelona und London bis hin nach Paris: Hier entstand zuletzt „Midnight in Paris“, ein verträumter Blick auf die vergangene Schönheit dieser Stadt, die auch heute noch als eine romantische Metropole inmitten Europas gilt. Paris ist die Stadt, die bereits in der frühen Filmgeschichte kreative Köpfe wie die Gebrüder Lumière oder George Méliès hervorgebracht hat, aber auch eine Stadt, die immer wieder Verwendung findet – von fantastischen Geschichten wie „Die fabelhafte Welt der Amélie“ bis zu 3D-Abenteuern wie „Hugo Cabret“. Und auch der Oscar-nominierte Zeichentrickfilm „A Cat in Paris“ der beiden Kurzfilmregisseure Jean-Loup Felicioli und Alain Gagnol verliert sich verspielt in der Stadt der Liebe, folgt einer Katze auf ihren nächtlichen Ausflügen zwischen familiärer Geborgenheit und abenteuerlicher Krimigeschichte.

Am Tage lebt die Katze Dino bei Zoé, einem stummen Mädchen, deren Mutter Jeanne für die Pariser Polizei arbeitet. Und in der Nacht schleicht sich Dino aus dem Haus um gemeinsam mit Nico, einem hinterlistigen Ganoven mit einem großen Herzen, auf Diebestour zu gehen. Diese beiden Welten treffen aufeinander, als Zoé eines Abends beschließt, ihrer Katze zu folgen und dabei in die Hände von Victor Costa fällt, einem gefährlichen Verbrecher, der einen großen Kunstraub plant. Dino und Nico setzen alles daran, das kleine Mädchen aus den Fängen des Gauners zu befreien und finden sich dabei über den Dächern von Paris wieder.

Zoé und Dino

Dieses doppelte Spiel zwischen den zwei Leben als Hauskatze und Diebesbegleiter ermöglicht es den Filmemachern ein Paris einzufangen, welches mal in der Dunkelheit der Nacht versinkt, dann aber wieder im strahlend hellen Sonnenschein des Tages seine Schönheit entfaltet. Natürlich alles von Hand gezeichnet. Im eckigen, kantigen Stil entfernt man sich von den bekannten Bildern aus heutigen Animationsfilmen, erschafft einen einmaligen Zeichenstil, wie er in Hollywoodproduktionen nicht vorkommt. Schon deshalb, um den Blick über den Tellerrand zu werfen und zu entdecken, dass auch hier Kreativität verborgen liegt, gehört „A Cat in Paris“ zu den starken Zeichentrickfilmen der heutigen Tage. Vom ersten Moment an wird dies ersichtlich: Wenn der dann dem Zuschauer noch unbekannte Einbrecher Nico zwei Wachmänner austrickst, sie spielerisch umtänzelt um sie dumm aus der Wäsche blicken zu lassen. An seiner Seite findet man eine noch ebenso unbekannte Katze, die der Zuschauer am nächsten Tag neben einem kleinen Mädchen schnurren hören wird. Diese Dreiecksbeziehung wird immer weiter intensiviert, bis das Mädchen in die tiefe Welt der Gauner und Verbrecher entführt wird. Ganz nebenbei erzählt der Film auch noch die Geschichte der alleinerziehenden Mutter, die vor lauter Arbeit kaum noch Zeit für ihre Tochter findet. Der Vater wurde getötet – kein natürlicher Tod, nichts was man seinem Kind erklären möchte. Auch hier spielt im Leben von Zoé das Verbrechen eine Rolle, seit dem Mord an ihrem Vater durch den Kriminellen Victor Costa gibt sie kein Wort mehr von sich. Die Mutter steckt derweil wenig Mühen in ihre Tochter, verbringt jede freie Minute auf dem Polizeirevier, hier arbeitet sie Tag und Nacht um den Mörder ihres Mannes ausfindig zu machen.

Hier lassen sich also auch reichlich düstere Bilder finden, die der gutmütigen Freundschaft zwischen Mädchen und Katze, aber auch dem Herzensgroßen Menschen – wenn auch Dieb – Nico, entgegengestellt werden. Am ehesten manifestieren diese sich in dieser Mutterfigur, die hier Sorge um alle Verstrickungen tragen muss. Auf der einen Seite jagt sie den Mörder Victor Costa, dann aber muss sie auch den geheimnisvollen Dieb ausfindig machen, der in der Stadt sein Unwesen treibt: Natürlich handelt es sich um Nico, der wiederum eine Freundschaft mit Zoé und ihrer Katze Dino eingeht. Somit wird die Mutterfigur zur allumfassenden Handlungsträgerin gemacht, die hierfür mit alptraumhaften Visionen geplagt wird, die aufzeigen, dass sie gar nicht gut mit der um sich greifenden Kriminalität umzugehen versteht, dass sie von Victor Costa besessen ist und diese Sache endlich zu Ende bringen muss.

Zoé und Dino mit Nico

Aber keine Angst, hierbei handelt es sich um keinen Psychothriller, alles bleibt in einem kindgerechten Rahmen, nur eben mit mehr Tiefe als man es vermuten möchte. Hier gibt es abenteuerliche Verfolgungsjagten über den Dächern von Paris, katzengleich springen auch die menschlichen Figuren von Dach zu Dach, bewegen sich in schwindelerregenden Höhen bis hin zum spannenden Showdown an der Cathédrale Notre Dame de Paris, womit man auch gleich noch dem Eiffelturm eins auswischt, nicht seine Höhe für das Filmende verwendet, sondern sich einem weniger benutzen Wahrzeichen der Stadt annimmt. Hier kommen die Figuren zusammen, Kleinganove Nico kämpft gegen den Mörder Victor Costa, zum Schutze der kleinen Zoé, deren Mutter Jeanne zu Hilfe eilt – immer unter der wachsamen Beobachtung durch Katze Dino. Der Schlagabtausch der Verbrecher und die finalen Bilder auf der Kathedrale sind dramatisch, spannend und liefern ein zufriedenstellendes Ende zweier Kriminalfälle.

Und dann hat Zoé auf einmal ganz viel zu berichten – nach all den aufregenden Abenteuern die sie nun erlebt hat. Ähnlich wird es den Zuschauern ergehen, die sich des visuellen wie auch des erzählerischen Stils erfreuen dürften. Es herrscht eine gewisse Ernsthaftigkeit in der Inszenierung, die sogar durch den Einsatz von Blut und der dadurch entstehenden Abkehr einer Verharmlosung verstärkt wird. Damit soll nicht gesagt sein, dass „A Cat in Paris“ besser ist als die amerikanische Animationsfilm-Produktpalette, aber der Film ist sicherlich anders. Ein Zeichentrick-Krimiabenteuer das sein Publikum ernst nimmt und sich dadurch zu einem sehenswerten Kinderfilm macht.

Denis Sasse

‘A Cat in Paris‘

Originaltitel: Une vie de chat
Altersfreigabe: noch keine Alterseinstufung
Produktionsland, Jahr: F / NL / CH / BE, 2010
Länge: ca. 70 Minuten
Regie: Jean-Loup Felicioli & Alain Gagnol
Synchronstimmen: Oriane Zani (Zoé), Dominique Blanc (Jeanne), Bruno Salomone (Nico), Bernadette Lafont (Zoé’s Nanny), Jean Benguigui (Victor Costa)

Deutschlandstart: derzeit nur als Import-DVD erhältlich
Offizielle Homepage: uneviedechat-lefilm.fr

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