Filmkritik

“Hänsel & Gretel: Hexenjäger” von Tommy Wirkola

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© Paramount Pictures Germany GmbH / Gemma Arterton ist eine sehr forsche Gretel in "Hänsel & Gretel: Hexenjäger"

© Paramount Pictures Germany GmbH / Gemma Arterton ist eine sehr forsche Gretel in “Hänsel & Gretel: Hexenjäger”

1812 erschienen die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, diese Veröffentlichung feierte im vergangenen Jahr ihr 200jähriges Jubiläum. Vielleicht ist das ein Indiz für die aufkommende Begeisterung von Filmemachern für den Stoff der Märchengeschwister Jacob und Wilhelm. Mit „Snow White and the Huntsman“ sowie „Spieglein, Spieglein“ erlebte das Schneewittchen ihre Wiedergeburt im 21. Jahrhundert, das Rotkäppchen bekam mit „Red Riding Hood“ ihre Neuauflage. Nun sind auch Hänsel und Gretel an der Reihe. Eine Geschichte von zwei Kindern die auf eine Hexe treffen, die tief im Wald in einem Pfefferkuchenhaus wohnt und nur darauf wartet kleine Kinder zu verspeisen. Diese Erzählung ist nun ihre 200 Jahre alt, weswegen sich der norwegische Regisseur und Drehbuchautor Tommy Wirkola, der 2009 mit „Dead Snow“ ein amüsantes Nazi-Zombie-Filmchen in die Welt setzte, für das Hinterher interessiert. Bei ihm sind aus Hänsel und Gretel inzwischen Erwachsene geworden, Gretel mit einem äußerst losen Mundwerk, Hänsel mit einer Diabetes-Erkrankung, die er dem Süßigkeiten-Konsum von anno dazumal zu verdanken hat. Der Filmtitel verrät, womit sich die beiden inzwischen ihr Geld verdienen: „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“.

Die Ereignisse in ihrer Jugend haben Hänsel und Gretel hinter sich gelassen, ihre Aufarbeitung geschieht mit purem Hass und unbarmherziger Brutalität. Das Geschwisterpaar will Rache an allen Hexen nehmen. In all den Jahren haben sie sich ein besonderes Geschick im Auffinden und Vernichten dieser Kreaturen erarbeitet, so dass es für den Bürgermeister des kleinen beschaulichen Augsburg in Deutschland nur diese beiden Jäger gibt, die eine ganze Schar von vermissten Kindern, vermutlich von Hexen entführt, wiederfinden können. Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton) stoßen dabei auf die Meisterhexe Muriel (Famke Janssen), die durch ein großes Opferritual beim kommenden Blutmond ihre Schwäche gegenüber dem Feuer ausmerzen will.

Famke Janssen als böse Hexe Muriel

Famke Janssen als böse Hexe Muriel

Ein ebensolches Ritual würde man vermutlich auch benötigen, wollte man alle Schwächen des Films beseitigen. Das Set-Up ist vorhanden: Die Vorgeschichte der Geschwister wird noch einmal kurz erzählt, schon hier wird deutlich, wie blutig das Ausmaß der Erzählung werden wird. Bei Wirkolas Hänsel und seiner Gretel handelt es sich nicht um zwei liebe nette Kinder, die eine Hexe in den Ofen schubsen nur um sich selbst zu retten, hier wird noch mal drauf geschlagen, die qualvollen Schreie der magischen Kannibalin hallen noch durch den Vorspann hindurch, in dem per mittelalterliche Zeitungsausschnitte nun das Heranwachsen von Hänsel und Gretel, nicht nur als Personen, sondern auch in ihrer neu gefundenen Profession gezeigt wird. Wie schön es hätte werden können, merkt man an mancherlei Stelle. Immerhin sind es keine neumodischen Superhexen, sondern die gute alte Gattung, die sich noch auf einen Besen schwingt um durch die Lüfte zu fliegen. Dass die Masken dann eher aussehen wie die Goblins in „Herr der Ringe“, das mag man der Inszenierung vielleicht noch entschuldigen.

Dann aber sind da diese vielen kleinen Dinge, die unnötig ihren Weg in den Film gefunden haben. Eine Regel besagt, „wenn du etwas aus dem Drehbuch streichen kannst, ohne dass es den Film beeinflusst, dann streiche es auch“. Hätte Wirkola sich hieran gehalten, würden die Zuschauer knapp eineinhalb Stunden vom Sprüche klopfenden Gespann Renner/Arterton unterhalten werden – vermutlich wäre es die bessere Wahl gewesen. Dass Hänsel nun Diabetiker ist, mag auf den ersten Blick wie eine witzige und vor allem originelle Idee anmuten, dann aber erlebt der Zuschauer seine Erkrankung sowieso nur zweimal im Film: Einmal spritzt er sich in Nahaufnahme das Insulin, damit man es bloß nicht verpasst, beim zweiten Mal ist es schon beim alles entscheidenden Endkampf, wo die Krankheit ihm für wenige Sekunden zum Verhängnis wird. Das Vorhaben der Hexen, sich der körperlichen Schwäche gegenüber dem Feuer zu verwehren ist ein langweiliges Bestreben, die Konstruktion das auch Hänsel und Gretels Mutter eine Hexe gewesen sein soll – eine Gute versteht sich – wirkt noch Märchenfremder als die unwichtige gute Hexe die auf den Namen Mina hört, die allenfalls in den Film eingebettet worden ist, um mit einem Maschinengewehr auf dem Hexenberg für Unruhe zu sorgen.

Jeremy Renner ist Hänsel

Jeremy Renner ist Hänsel

Dennoch gehen die beiden Hauptdarsteller relativ unbeschadet aus dem Fiasko heraus, auch wenn selbst ihre Figuren unter manchen Inkonsistenzen zu leiden haben. Wo Gretel zu Beginn noch die „cold hard bitch“ gibt, die Peter Stormares Dorfsheriff mit einer Kopfnuss die Nase blutig schlägt – später wird sie noch auf ihre Zähne für eine Wiederholungstat zurückgreifen – wird sie auch immer wieder als schreiendes, liebevolles oder sich sorgendes Mädchen gezeigt, bevor sie sich in der nächsten Szene wieder in die personifizierte Härte verwandelt. Trotzdem muss man sich zumindest an dieser Stelle eingestehen, dass Jeremy Renner und Gemma Arterton das Beste aus ihren Rollen rauszuholen versuchen, als Zuschauer kann man sich wahrlich damit abfinden, hier die erwachsenen Versionen von Hänsel und Gretel vor sich zu haben – auch wenn sie bei den Gebrüdern Grimm vermutlich weitaus weniger Schimpfworte benutzt hätten.

„Hänsel & Gretel: Hexenjäger“ bietet den puren Beweis dafür, dass die eingangs genannten Märchenverfilmungen gar nicht so schlecht sind, wie man gedacht hatte. Eine stoisch dreinblickende Kristen Stewart, eine gegen Julia Roberts nicht ankommende Lily Collins oder Rotkäppchen Amanda Seyfried, die sich in den bösen Wolf verliebt, das alles hat irgendwo immerhin noch einen gewissen atmosphärischen Charme gehabt. Hier nun bekommt der Zuschauer noch weniger geboten: Es gibt keine erzählenswerte Geschichte, ein Genickbruch für Hänsel und Gretel, dass Regisseur Wirkola keinem der vor ihm liegenden Brotkrumen folgen mag.

Denis Sasse

Hänsel & Gretel_Hauptplakat

“Hänsel & Gretel: Hexenjäger“

Originaltitel: Hansel & Gretel: Witchhunters
Altersfreigabe: noch nicht bekannt
Produktionsland, Jahr: USA / D, 2012
Länge: ca. 88 Minuten
Regie: Tommy Wirkola
Darsteller: Jeremy Renner, Gemma Arterton, Famke Janssen, Zoe Bell, Peter Stormare, Thomas Mann

Deutschlandstart: 28. Februar 2013
Offizielle Homepage: haenselundgretel-film.de

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