Filmkritik

“Gravity” von Alfonso Cuarón

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Sandra Bullock, allein in den weiten des Weltalls in Regisseur Alfonso Cuaróns "Gravity".

Sandra Bullock, allein in den weiten des Weltalls in Regisseur Alfonso Cuaróns “Gravity”.

Es ist dieser Tage schwer um die Faszination Gravity herum zu kommen. Wo auch immer man etwas über den Film liest, sieht oder hört, sind es Lobgesänge auf den mexikanischen Regisseur Alfonso Cuarón, auf seine Hauptdarstellerin Sandra Bullock und auf die unglaublichen Bilder die der Film zu bieten hat. Superlative Ansichten, möchte man annehmen, aber dann sieht man Gravity und merkt, dass dort wirklich ein Produkt entstanden ist, das all diese Lobpreisungen verdient hat.

Sicher, es wäre nicht nötig gewesen dem Film einen Hinweis voranzustellen, dass das Leben im Weltall nicht möglich ist. Fast schon fühlt man sich für dumm verkauft, verzeiht es dem Film dann aber aufgrund seiner immensen Imposanz wieder. Es wirkt auch etwas plakativ, wenn Sandra Bullock im Laufe der Handlung ihre eigene Neugeburt durchlebt, dies mit Bildern gefeiert wird, wie sie freischwebend im Raum, als Fötus mit hinter ihr liegenden Kabeln als Nabelschnur gezeigt wird. Später wird sie nach einer Bruchlandung aus dem Wasser an Land kriechen, einen Fuß vor den anderen setzen, sich langsam in den Stand hoch hieven. Dann steht sie dort. Die neugeborene Frau. Aller Abgedroschenheit zum Trotz sind diese Bilder eher als freundliche Hommage an einen der wohl größten Science Fiction Filme der Historie zu werten: 2001 – A Space Odyssee, noch heute oftmals Gegenstand zahlreicher Interpretationen. In diesem Fall überhaupt nicht deplatziert, sondern die Zitation eines Films, der ganz nah dran ist an Gravity. Cuaróns Werk hat nämlich durchaus selbst das Zeug dazu, im Genre einen bedeutenden Fußabdruck zu hinterlassen.

George Clooney ist der Raumfahrt-Veteran Matt Kowalsky.

George Clooney ist der Raumfahrt-Veteran Matt Kowalsky.

Sandra Bullock, hier mit Kurzhaarschnitt sehr an Sigourney Weavers Alien-Darstellung der Ellen Ripley erinnernd, spielt die Medizintechnikerin Dr. Ryan Stone, die sich gemeinsam mit dem Raumfahrt-Veteranen Matt Kowalsky (George Clooney) auf ihrer ersten Mission im All befindet. Dass sie dabei in ein solches Chaos gestürzt wird, wie bei diesem Routineeinsatz, nach dem Kowalsky in den Ruhestand gehen möchte, konnte sie sicherlich nicht erahnen. Zuerst wird ihr Shuttle von einem heran stürmenden Trümmerfeld zerstört, dann schwebt sie mit ihrem Kollegen in der schwarzen Finsternis. Nur mit einem letzten Kabel miteinander verbunden bricht auch noch die Funkverbindung zur Erde ab, der Sauerstoffvorrat verringert sich mit jeder Sekunde.

Gravity ist nicht nur der Titel des Films, nicht nur die Problematik der beiden Protagonisten, die in Zero-Gravity überleben müssen, sondern auch das Gefühl, das Kameramann Emmanuel Lubezki (Stamm-Kameramann bei Terrence Malick) erzeugt. Die Kamera umschwirrt Clooney und Bullock, scheint niemals einen festen Stand zu haben. Hat James Cameron mit Avatar die Neuzeit des 3D ausgerufen, muss nun der erste Film genannt werden, dem zugestanden werden kann, dass diese Technologie sinnvoll und effektiv eingesetzt wurde. Cuarón wirft Blicke in die Weite des Alls, lässt die Zuschauer gleich mit in dieser Schwärze versinken, erschafft kein oben oder unten, zeigt den Planeten Erde mal hier mal dort, umkreist seine Darsteller, die sich völlig willkürlich im Raum bewegen.

Sandra Bullock als Medizintechnikerin Dr. Ryan Stone.

Sandra Bullock als Medizintechnikerin Dr. Ryan Stone.

Angespannt sitzt man hier nun also im Kinosessel, schaut beim im All herum schweben zu, ist irgendwie auch selbst dabei, bis die Katastrophe geschieht. Sandra Bullock wird noch festgezurrt an einem Stahlträger des Shuttles durchs Bild gewirbelt, Schwindel macht sich breit. George Clooney mimt den ruhigen und besonnenen Raumfahrer, der selbst in den ausweglosesten Situationen seinen klaren Verstand zum Einsatz bringt. So sieht er auch den Moment gekommen, an dem sich die beiden Raumfahrer voneinander trennen müssen. Hier ein Bild, welches sich in die Ewigkeiten der Filmgeschichte einbrennen wird. Clooney nabelt sich von Bullock ab, im Panorama gezeigt. Wunderschön anzusehen, ist dieser Moment viel zu schnell wieder verschwunden. Es folgt der Alleingang Bullocks, in dem die Schauspielerin beweist, das frühere Misserfolge wie Verrückt nach Steve, für den sie mit der Goldenen Himbeere – dem Negativ-Oscar Hollywoods – ausgezeichnet wurde, pure Ausrutscher gewesen sein müssen. Jüngst in der Komödie Taffe Girls wieder auf die richtige Bahn geraten, nun erneut eine Rolle, die ihr ähnlich wie The Blind Side den echten, Positiv-Oscar bescheren sollte, wenn sich die Academy dem Sci-Fi Genre annehmen würde.

Es geht immer so weiter. Die Bilder bleiben großartig, nie wurde die Erde aus dem All so schön eingefangen, so dicht, dass man Landpartien deutlich erkennen kann. In all seiner Ruhe liegt auch die Kraft, mal ist man der Stille des Alls ausgeliefert, dann dem lodernden Feuer am Bord einer Raumstation. Die Sauerstoffnot wird zum erdrückenden Erlebnis, das Unmögliche muss überkommen werden. Cuarón, der das Drehbuch gemeinsam mit seinem Sohn Jonás geschrieben hat, gelingt der Mix aus Alien und 2001, er hat seine eigene Space Odyssee gebastelt, die ganz ohne Außerirdische, Raumschlachten oder fremde Planeten auskommt.

 


Gravity_Filmplakat

“Gravity“

Originaltitel: Gravity
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 91 Minuten
Regie: Alfonso Cuarón
Darsteller: Sandra Bullock, George Clooney

Kinostart: 3. Oktober 2013
Im Netz: warnerbros.de/gravity


1 Comment

  1. Ja. Genau so. Ein großartiger Film ohne eine Minute zu vergeuden. Und der Moment, in dem andere Filme zu einer unerträglichen Schmonzette aus “Und wenn sie nicht gestorben sind …” zu werden droht, wird stattdessen genutzt, um den Film noch großartiger und die Handlung noch relevanter zu machen. Tolles Drehbuch. Tolle Bilder. Tolle Sandra Bullock.

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