Filmkritik

“Fruitvale Station” von Ryan Coogler

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Michael B. Jordan als Oscar Grant in Ryan Cooglers "Nächster Halt: Fruitvale Staiton"

Michael B. Jordan als Oscar Grant in Ryan Cooglers “Nächster Halt: Fruitvale Staiton”

Ein Film als Vermenschlichung einer Schlagzeile. Das stellt sich oftmals als schwieriges Unterfangen dar, wird von Drehbuchautor und Regisseur Ryan Coogler in seinem Spielfilmdebüt Nächster Halt: Fruitvale Station aber perfekt umgesetzt. In den USA mögen Rassendiskriminierungen noch ein Stück mehr zum Alltag gehören, wegzudenken sind solche gesellschaftlichen Missstände jedoch leider nirgendwo. Dennoch ist es schwer, bloße Nachrichtenmeldungen wirklich zu begreifen, wenn man sie aus der Ferne in einer Zeitung überfliegt, kurz erzürnt ist, sich dann aber auch schon wieder seiner eigenen Welt zuwendet. Auch wenn es sich dabei um fast unglaubliche Meldungen handelt, wie die von Oscar Grant, einem 22 Jahre jungen Afroamerikaner, der ohne Grund am Neujahrstag 2009 von einem Polizisten des Bay Area Rapid Transit Police Department in den Rücken geschossen wurde und daraufhin im Krankenhaus verstarb.

Basierend auf dieser wahren Begebenheit erlebt Darsteller Michael B. Jordan den letzten Tag im Leben von Oscar Grant, bevor er bei diesem Ereignis sein Leben lassen muss. Der Film nimmt das Ende vorweg, was nicht weiter schlimm ist, ist doch zumindest in den USA der Ausgang der Geschichte ohnehin schon einmal abgefilmt worden. Denn während der wirkliche Oscar Grant von den Polizisten schikaniert und erschossen wurde, zückten zahlreiche Passanten ihre Mobiltelefone, schalteten die Kamera ein und schickten die Aufnahmen durchs Netz. Die Untaten wurden viral im Internet verbreitet, konnten nicht vertuscht werden. Unweigerlich fühlt man sich an die kürzlich gestartete Aktion der Polizei von New York City erinnert, bei der Bürger der Stadt via Twitter Fotos schicken sollten, auf denen sie mit Polizisten des NYPD posierten. Aus der Aktion #myNYPD wurde jedoch ein unkontrollierter Bash, bei dem lediglich Fotos – in unzählbarer Menge – über Twitter verbreitet wurden, auf denen die Polizisten in ihren brutalem Vorgehen gezeigt wurden.

Michael B. Jordan mit Melonie Diaz

Michael B. Jordan mit Melonie Diaz

Der Polizist, der an der Fruitvale Station seine Waffe abfeuerte (Johannes Mehserle; für den Film wurde der Name geändert) wurde später zu zwei Jahren Haft verurteilt, nachdem er angab, versehentlich seine richtige Waffe gezogen zu haben, anstatt der Taser-Gun. Bereits nach elf Monaten kam er schon wieder frei. Noch heute pilgern die Menschen am Neujahrstag zur Fruitvale Station um der Ungerechtigkeit dieser Tat ein menschliches Denkmal zu setzen. Das machen Regisseur Coogler und seine Kamerafrau Rachel Morrison mit jedem Bild, dass sie in der U-Bahn einfangen. Die Menschen betreten die Station, die Bahn fährt ab, immer hängt das Bild ein Stück hinterher, verweilt auf der Szenerie, lässt kurz Zeit zum Luft holen, denn wir wissen genau, was hier unten geschehen wird.

Michael B. Jordan, der seinen Durchbruch als Wallace in der Fernsehserie The Wire feierte, spielt Oscar Grant nicht mit Identifikationspotential, sondern als wahren Menschen mit Stärken und Schwächen. Hierdurch gelingt es dem Film uns viel mehr in sein Leben einzubeziehen, zeigt zugleich auch den kleinen Rassismus des Alltags mit seinen Geburtstagsglückwunschkarten, auf denen fröhliche weiße Familien abgebildet sind. Das sind kleine umkommentierte Momente, über die man dennoch angeregt wird nachzudenken. Oscar selbst, so erfahren wir in einer Erinnerungsrückblende, hat bereits einige Zeit im Gefängnis verbracht, ist ein aufbrausender Mann, hat jüngst seine Freundin (Melonie Diaz) betrogen. Trotzdem sind die beiden noch zusammen, vielleicht liegt es auch an ihrer gemeinsamen vier Jahre jungen Tochter Tatiana (Ariana Neal). So sehr Oscar seine Tochter auch liebt, man sieht wie Jordan den Mann aufblühen lässt, wenn er seine Tochter an der Seite hat, so wenig Verantwortung scheint er übernehmen zu können. Seinen Job im Supermarkt hat er darüber auch verloren, dort stellt man lieber Menschen ein, die auch pünktlich zur Arbeit erscheinen. Da hilft alles Flehen und Betteln nicht, als Oscar den Job zurück haben möchte.

Ariana Neal spielt Tochter Tatiana neben Michael B. Jordan

Ariana Neal spielt Tochter Tatiana neben Michael B. Jordan

Das dient nicht dazu, diesen Mann unfassbar schlecht darzustellen. Denn ebenso tief wie Oscar in seinem Leben festsitzt, so sehr ist er auch bemüht aus diesem Missstand wieder heraus zu kommen. Er ist gefangen in seinem eigenen Umfeld, aber durchaus bestrebt etwas Besseres daraus zu machen. Er ist als Mensch gezeichnet, der seine Schwächen überkommen will. Ob er es schafft, muss der Film offen lassen, das Leben hat seinem Bestreben einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir verbringen also einen Tag im Leben eines ganz normalen Mannes, der mit seinen Problemen ringt, der aber auch ein gehorsamer Sohn ist, eine Familie zu ernähren hat und aus seinem Sündenpool hinaus will, nur um auf sein bevorstehendes Ende hinzuarbeiten, dass all diese Dinge so unerheblich erscheinen lässt.

Wir hoffen und bangen in jedem Moment mit Oscar Grant. Vielleicht wird ja doch alles anders. Wenn er lieber nach Hause möchte statt auf eine Party zu gehen, dann aber doch von seiner Freundin überredet wird. Wenn seine Mutter im rät, nicht die U-Bahn zu nehmen. In all diesem Momenten kommt kurz Hoffnung auf, aber wir wissen es ja nun einmal besser. Das alles steigert die emotionale Verbundenheit zu diesem Mann. Die Ereignisse an der Fruitvale Station sind dann so aufwühlend, so unbarmherzig in ihrem Ablauf, dass das Miterleben trotz Wissen zum bedrückenden Schockmoment wird. Man ist erzürnt, erstaunt, gebannt und verständnislos gegenüber einer solchen Untat in unserer modernen Welt – durch alltägliche Schlagzeilen hierüber vielleicht abgestumpft, bringt Nächster Halt: Fruitvale Station ein willkommenes Mitgefühl mit sich. Was würde man dem eigenen wohl Kind sagen, wenn dem Vater so etwas geschehen würde, wie würde man es erklären wollen? „Wo ist Daddy“ fragt die kleine Tatiana am Ende. Es sind die antwortlosen letzten Worte des Films.


Fruitvale Station_Plakat”Nächster Halt: Fruitvale Station„

Originaltitel: Fruitvale Station
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2013
Länge: ca. 85 Minuten
Regie: Ryan Coogler
Darsteller: Michael B. Jordan, Melonie Diaz, Octavia Spencer, Kevin Durand, Chad Michael Murray, Ahna O’Reilly, Ariana Neal

Kinostart: 1. Mai 2014
Im Netz: fruitvale-station.de

Bilder © DCM Film Distribution GmbH


Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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