Filmkritik

Frank Borzages “Lucky Star”

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Filmjournalist Daniel Kothenschulte führt in “Lucky Star” von Frank Borzage ein

Auf Filmfestivals tut sich immer ein Film besonders hervor, den man zuvor gar nicht so sehr auf dem Schirm hatte. Eine kleine Perle, ein Geheimtipp unter Kennern vielleicht, nicht aber beim Normalpublikum, die sich eher auf bekannte Werke stürzen. So auch bei Frank Borzage, Regisseur von Kurzfilmen (1913 – 1916), zahlreichen Stummfilmen sowie den „Talkies“, wie der Tonfilm in seinen Anfängen genannt wurde. Ein unbekannter Mann? Wohl kaum. Er ist der Inhaber des ersten Academy Awards für den besten Regisseur (für „Seventh Heaven“, 1927/28), der Ur-Regisseur, wenn man so möchte. Dieser, gekoppelt mit der Ur-Schauspielerin Janet Gaynor, Gewinnerin des ersten Academy Awards als beste Hauptdarstellerin (ebenfalls für „Seventh Heaven“) plus Schauspieler Charles Farrell, der zwischen 1927 und 1934 insgesamt zwölf On-Screen Romanzen mit Gaynor führte, ergibt den 29er Stummfilm „Lucky Star“.

Dass sich dieser Film auf dem Programmplan des diesjährigen Murnau Film+Musikfestes wiederfand, ist dem Filmjournalisten Daniel Kothenschulte zu verdanken, der regelmäßig seine Empfehlungen für Stummfilmklassiker ausspricht. Zugleich ist er der Mann am Piano gewesen, der für die musikalische Untermalung ebenso sorgte, wie für die einleitenden Worte, bei denen er Vergleiche zu Murnau suchte. Kurz und schmerzlos führte er in diese Perle ein, ein persönlicher Favorit seinerseits, wie schon so oft zuvor. Und mit seiner Empfehlung sollte er Recht behalten, „Lucky Star“, wahrlich ein sehenswertes Machwerk.

Charles Farrell als Timothy Osborn und Janet Gaynor als Mary Tucker in Frank Borzages “Lucky Star”

Dies verdankt der Film seinen beiden Hauptdarstellern, Charles Farrell und Janet Gaynor, eine unglaubliche Bindung tut sich zwischen diesen beiden Akteuren auf, unterstützt von ihrem einmaligen Minenspiel, dezent zurückhaltend, nicht überspitzt – die Anfänge des Stummfilms sind vergessen, die Darsteller bewegen sich in eine Richtung, die realistische Mimik immer mehr hervorbringt. Gaynor ist liebreizend, spielt das nicht alltagstypische Mädchen, welches sich zwischen zwei Männern – Engel und Teufel – wiederfindet, von der Mutter gezwungen die logische Wahl zu treffen, nicht aber der Liebe zu folgen, die sie zu dem Krüppel Timothy Osborn (Farrell) verspürt. Farrells Gesichtszüge sind markant, sind beeindruckend. Regisseur Borzage schafft es seine märchenhafte Liebesgeschichte zu bebildern ohne auf viele Texteinblendungen zurückgreifen zu müssen, was er nicht zuletzt der alles sagenden Körpersprache seiner Protagonisten zu verdanken hat.

Nun könnte man sicher argumentieren, dass es etwas merkwürdig anmutet, wenn dieser an den Rollstuhl gefesselte Mann, den Farrell verkörpert, in den letzten Minuten des Films binnen kürzester Zeit seinen festen Stand wiederfindet, hinausgeht in die verschneite Welt um seiner Mary (Gaynor) hinterher zu eilen. Diese soll mit dem Widerling Wrenn verheiratet werden, ist auf dem Weg mit dem Zug in die große Stadt, weg von diesen ärmlichen Verhältnissen auf dem Lande. Eine rosige, wenn auch lieblose Zukunft. Aber Timothy bringt sich das Laufen bei, kämpft sich durch den Schneesturm, Anhöhen hinauf, lässt seine Krücken irgendwann fallen um sich auf den Konkurrenten zu stürzen, der noch nie Gutes im Sinn hatte. Liebe versetzt Berge, Liebe bringt verborgene Kräfte zum Vorschein. „Lucky Star“ ist ein Märchen, ein Symbol für das Gute im Menschen, das es hoffentlich immer irgendwo geben wird.

Denis Sasse

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