Filmkritik

“For Ellen” von So Yong Kim

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© Peripher / Paul Dano (rechts) und Shaylena Mandigo (links) in "For Ellen"

© Peripher / Paul Dano (rechts) und Shaylena Mandigo (links) in “For Ellen”

Musikstars, von Heimatklängen über Pop bis hin zu Rock oder Heavy Metal, sie alle leben doch irgendwie in ihrer ganz eigenen Welt, fern von dem was wir uns vorstellen können. Wie ist es wohl, dieses Leben ‘on the road’, bei dem man von immer neuen Leuten umgeben ist, allenfalls die Roadies oder der Manager eine Konstante darstellen. Kein Wunder also, wenn die Musiker, die dieses Leben führen, zu einem extravaganten Auftreten neigen. Wenn nun ein Darsteller wie Paul Dano – klein, schmächtig, unscheinbar – in die Rolle eines Rockers schlüpft, erscheint das erst einmal eher wie ein Musik-Hänfling, nicht wie einer dieser ausgelassen auf der Bühne feiernden, extrovertierten Schreihälse, die sich in bester Laune per Stage-Dive in die Massen stürzen. Gut also, dass die südkoreanische Regisseurin So Yong Kim („In Between Days“) eben keinen Blick auf dieses Leben wirft, ihren Protagonisten nicht mit einer Tour durch ein Road-Movie schleift, sondern ganz im Gegenteil für familiäre Verhältnisse und ruhige Gedankenwelten sorgt, die den Herumtreiber in Paul Danos Figur zu einem bodenständigen Mann machen sollen. Mit tätowierten Körper, Piercings, langen Haaren, schwarz lackierten Fingernägeln und einem kleinen Flauschbärtchen am Kinn möchte „For Ellen“ so die Adoleszenzgeschichte eines pubertären Rockmusikers zur verantwortungsbewussten Vaterfigur zeigen.

Hierfür bedient man sich der Figur des Joby Taylor (Dano), der bisher noch nie eine Rolle im Leben seiner sechs Jahre jungen Tochter Ellen (Schauspiel-Debütantin Shaylena Mandigo) gespielt hat. Inzwischen spricht seine noch Ehefrau nur noch über den Scheidungsanwalt mit ihm. Er soll nun endlich seine Unterschrift unter die Papiere setzen um die Ehe endgültig aufzulösen. Doch seine Unterschrift würde auch bedeuten, dass ihm der Kontakt zu seiner Tochter verwehrt werden würde. Überraschend muss er feststellen, dass er dazu nicht bereit ist. Er möchte sich nicht von seiner Tochter verabschieden, auch wenn eine Wiedervereinigung längst ausgeschlossen zu sein scheint.

Paul Dano

Paul Dano

Das Rockerleben, das Joby vor dieser Episode seines Lebens geführt hat, wird von So Yong Kim nur kurz thematisiert. Wir sehen ihn in einer dieser dreckigen Bars, in denen wirklich nur wenig erfolgreiche Musiker absteigen würden. Irgendwie erinnert das Szenario an eine Kneipe, einsam und verlassen an einem Highway liegend, in der allenfalls Motorradgangs herumhängen würden – und das auch nur, weil es keine sonderlich zahlreichen Alternativen gibt. Hier spielt Joby Billard, trinkt ein Bier nach dem anderen, schmeißt sich an ein Mädel heran. Schnell erahnt man, weshalb seine Frau die Scheidung möchte, vermutlich kannten sich die beiden nicht einmal großartig, geschwängert als Groupie, dann links liegen gelassen. Der Film zeigt es nicht, erzählt es nicht, lässt es aber erahnen. Das erste Mal das sich Jobys Welt ändert, er den Blick auf Ellen richtet, ist nur durch ein Fenster, aus der Kälte ins Warme hinein. Er steht in der eisigen Landschaft, in der kahlen, vom Schnee in eine klirrende Kälte getauchte Atmosphäre und blickt in das Innere eines Hauses, in dem er nicht willkommen ist, in das er nicht hinein gehört. Es ist eine Wärme, die er selbst noch nicht zu spüren bekommen hat, deswegen muss er in seiner Kälte verweilen. Joby Taylor wird nun herrlich unbeholfen von Dano gespielt. Beim Bruch mit seinem Bandkollegen, vollzogen am Telefon, gibt er seine Tochter als Beweggrund an, weiß selbst aber nicht so recht wieso und weshalb. Er möchte eben Zeit mit ihr verbringen. Er möchte Dinge mit ihr unternehmen, die ein Vater nun einmal mit seiner Tochter unternimmt. Genauer kann er sein Vorhaben noch nicht spezifizieren, hat er selbst doch keine Ahnung von diesen Dingen.

Aber hier manifestiert sich eine Geschichte um Karriere und Familie. In dem Moment, in dem Joby für seine Tochter da sein möchte, geht sein Dasein als Rockstar zu Ende. Das eine ist nicht mit dem anderen vereinbar, zumindest nicht, möchte man sich einer Sache ganz und gar hingeben. Sieben Jahre lang – oder noch länger – war er nun der Musiker, hat dieses unstrukturierte Leben genossen, reift nun aber innerlich und emotional zu einem Mann heran. Musste er sich zuerst von Frau und Kind trennen um dem Leben des Musikers zu folgen, trennt er sich nun von seinem Bandkollegen um zumindest für wenige Stunden eine Art Vaterfigur abzugeben. Für Joby hält der Film deutliche Worte parat. Er ist der Typ Mensch, der sich nur auf eine Sache konzentrieren kann, entweder auf seine Musik oder auf die Familie. Wir erleben das hin und her.

Shaylena Mandigo

Shaylena Mandigo

Es wird allerdings keine Vater/Tochter-Geschichte im klassischen Film-Sinne erzählt. Gerade einmal wenige Minuten zum Ende von „For Ellen“ gesteht sich der Film das Miteinander von Joby und Ellen ein. Hier findet eine Annährung nur auf höchst distanzierter Ebene statt, realitätsbewusst fällt das kleine Mädchen am Ende nicht dem wiedergefundenen Papa um den Hals, sondern bleibt diesem Mann ebenso fern wie zuvor. ‘Ich kann dich nicht Papa nennen’ ist der höchst erwachsen klingende Schluss, den das junge Mädchen nach ein paar Stunden mit Joby zieht. Die emotionale Erfahrungswelt dreht sich um Paul Dano, der sich hier auf einem Selbstfindungstrip befindet, nicht auf einer Reise um die Gunst seiner Tochter. Dano zeigt dennoch genügend schauspielerisches Feingefühl um Joby jenes bemühte Bestreben um seine Tochter zu verleihen, das ihn im Zusammensein mit der kleinen Ellen doch noch zu einem sympathischen Menschen macht, ganz gleich wie abgrundtief verantwortungslos er zuvor gehandelt haben mag.

Rührend erscheinen die letzten Bilder zwischen Dano und Jungdarstellerin Mandigo, die dem fremden Vater noch ihre eigenen musikalischen Künste präsentiert, zeigt dass etwas von seinem Talent in ihr steckt. Dann gehen sie aber auch wieder auseinander. „For Ellen“ ist realitätsnahes Kino, vielleicht etwas verträumt, aber nachvollziehbar. Das liegt sowohl an der ehrlichen Herangehensweise der Regisseurin, wie auch an Hauptdarsteller Paul Dano, der zu Unrecht in manch Hollywood Nebenrolle („Looper“, „Cowboys & Aliens“) gezwängt wird, im kleinen Indie-Kino aber umso zielstrebiger sein Talent darlegt.

 


For Ellen_Hauptplakat

“For Ellen“

Originaltitel: For Ellen
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 97 Minuten
Regie: So Yong Kim
Darsteller: Paul Dano, Shaylena Mandigo, Jon Heder, Jena Malone, Margarita Levieva, Dakota Johnson

Deutschlandstart: 3. Januar 2013
Offizielle Homepage: peripherfilm.de/for-ellen


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