Filmkritik

“Fliegende Liebende” von Pedro Almodóvar

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© Tobis Film GmbH & Co. KG / Im Cockpit wird es voll bei Pedro Almodóvars "Fliegende Liebende"

© Tobis Film GmbH & Co. KG / Im Cockpit wird es voll bei Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende”

Die spanischen Telenovelas, die mit schnell sprechender Zunge ihre ganz eigene Faszination auf das entsprechende Publikum ausüben, werden hierzulande allenfalls in Comedyformaten thematisiert. Ansonsten kommt keine deutsche Soap an den Kitsch, das Drama oder eben an die Schnelligkeit des gesprochenen Wortes heran, dass Serien wie „Amar en tiempos revueltos“ (2005-2012) oder „Yo soy Bea“ (2006-2008) vorlegten. Nicht ganz so schnell, aber immer noch wie eine klassische Screwballkomödie mitsamt Zügen dieser Telenovelas aufgebaut, kommt nun „Fliegende Liebende“ oder „Los amantes pasajeros“ daher. Ausgerechnet von Regisseur Pedro Almodóvar, der zwar durch seine frühen Werke in dieser Richtung eingeordnet werden könnte, seinen internationalen Ruhm aber eher den schweren Dramen von „Volver“, über „Zerrissene Umarmungen“ bis hin zu „Die Haut, in der ich wohne“ zu verdanken hat. Er steckt hinter der kruden Idee, einer homosexuellen Flugbegleiter Truppe, die sich mit der Droge Meskalin um das Wohlergehen ihrer Passagiere kümmert.

Das ist auch dringend notwendig. Denn Flug 2549 schwebt in Lebensgefahr. Das Fahrgestell ist beschädigt, womit eine Landung erheblich erschwert wird. Erstmal kreist man im Himmel umher, ohne Flughafen, der einer solchen Notsituation gewappnet wäre. Wie gut dass zumindest das Personal im Angesicht der drohenden Katastrophe die Ruhe bewahrt – auch wenn das nur mit dem einen oder anderen Schluck Alkohol erreicht werden kann. Während die Passagiere in der Economy Class mit Drogen außer Gefecht gesetzt werden, kümmern sich die Flugbegleiter weiterhin liebevoll um die kuriosen Gestalten in der Business Class: Ein frisch vermähltes Pärchen auf dem Weg in die Flitterwochen, ein korrupter Finanzhai, ein Schauspieler und Herzensbrecher mit schlechten Gewissen, eine dominante Escortservice-Chefin, ein eiskalter Mexikaner und eine jungfräuliche Hellseherin, die den Insassen des Flugzeugs ein einmaliges Erlebnis und eine große Veränderung in all ihren Leben vorhersagt. Kein Wunder also, dass hier die Todesängste mehr und mehr geschürt werden.

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Nebst Regisseuren wie Luis Buñuel oder Alejandro Amenábar ist Almodóvar nicht ohne Grund einer der international bekannten Spanier, die sich durch ihre jeweiligen Regiearbeiten eine weltweite Gefolgschaft erkämpfen konnten. Dabei wirkt es nun dennoch seltsam ungewöhnlich, wenn ‘ein Almodóvar’ so überzogen daher kommt. Der Regisseur kehrt zurück zu seinen Wurzeln, wo er mit „Laberinto de Pasiones“ das Komödienfach bediente, gefolgt von einer ganzen Reihe schwarzer Komödie. Man stelle sich vor, Steven Spielberg würde den nächsten „American Pie“ inszenieren, so ähnlich wirkt „Fliegende Liebende“ auf die Kinolandschaft. Ständige Begleiter Almodóvars bekommen dabei kleinere Gastauftritte gewährt. Antonio Banderas und Penélope Cruz gehört die Eingangssequenz. Sie als Ehefrau und Gepäckwagenfahrerin, er als treuliebender Ehemann und Triebwerk-Kontrolleur, der durch die Nachricht der Schwangerschaft seiner Frau seine Arbeit vernachlässigt und dadurch die Handlung des Films zu verantworten hat.

Im englischen läuft der Film als „I’m so excited“, eine wunderbare Titelwahl, die sich auf den stärksten Moment des Films stützt. Zu dem gleichnamigen Song der Pointer Sisters führen die drei Flugbegleiter-Hauptdarsteller in überspitzt tuntig dargestellter Weise eine zum schmunzeln anregende Choreographie vor. Sie strecken die Beine empor, räkeln sich lasziv aneinander, rutschen über den Flugzeugboden. Die Kunst ist, dass Almodóvar nicht parodiert, sondern seine Bilder als vollkommen ernst stehen lässt. Daraus erwächst eine Form des unkommentierten Humors, der sich durch den Film zieht. Nur manchmal schießt er über das Ziel hinaus. Genau dann, wenn sich die Darsteller Sperma vom Mund wischen müssen, weil sie gerade ein kurzes Blow-Job Intermezzo hingelegt haben. Sex steht dem Film nur solange, wie er nicht in vorpubertäre Gefilde abdriftet.

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In erster Linie wird man sich schnell an „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“, dieser 80er Jahre US-Komödie, erinnert fühlen. Auch bei Almodóvar bewegt sich die Kamera nur selten aus dem Flugzeug hinaus. Allein eine kurze Zwischengeschichte spielt außerhalb dieser spanischen Variante dieses verrückten Flugzeugs. Ein Telefonat führt die Zuschauer auf die Straße, wo wir kurzzeitig zwei Frauen verfolgen dürfen/müssen, die eine Liaison mit einem der Passagiere hatten und haben. Weitaus größeres Interesse als an diesem kurzen Zwischenspiel erzeugt das Bordtelefon selbst, mit dem keine privaten Gespräche geführt werden können, da die Angerufenen grundsätzlich über das ganze Flugzeug zu hören sind. Jeder der in der Business Class sitzenden Personen wird einmal an dieses Telefon treten, sich mit geliebten Personen über Herzensangelegenheiten unterhalten, der drohende Tod immer im Nacken.

„Fliegende Liebende“ mag überzogen wirken. Es ist sicherlich auch nicht der kunst- und gehaltvollste Film von Pedro Almodóvar. Diejenigen, die sich dem wahren Werk des Regisseurs zuwenden möchten, sollten sich an anderen Filmen orientieren. Hier wirkt alles wie ein Entspannungsurlaub von all den schweren Dingen, die der Spanier zuletzt auf die Leinwand brachte. Gönnen wir ihm den Spaß. Er hat ihn zumindest auf seinen Film übertragen können.

 


Fliegende Liebende_Homepage

“Fliegende Liebende“

Originaltitel: Los amantes pasajeros
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: E, 2013
Länge: ca. 91 Minuten
Regie: Pedro Almodóvar
Darsteller: Antonio de la Torre, Hugo Silva, Miguel Ángel Silvestre, Laya Martí, Javier Cámara, Carlos Areces, Raúl Arévalo

Deutschlandstart: 4. Juli 2013
Im Netz: almodovar.de


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