Filmkritik

Film+Musikfest 2011 – ‘Tabu’ von F. W. Murnau

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Am zweiten Tag des Film+Musikfestes der Murnau-Gesellschaft hat man sich in das Bielefelder Cinestar begeben, um dort mit Friedrich Wilhelm Murnaus ‚Tabu‘ den Motto-gebenden Film des diesjährigen Stummfilmfestivals zu präsentieren – und zwar nicht mit Live-Musik, sondern in diesem Fall die 2010 restaurierte Fassung in HD mit Originalmusik, die von Hugo Riesenfeld komponiert wurde. Riesenfeld arbeitete bereits 1927 mit Murnau für dessen Film ‚Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen‘ zusammen. Vier Jahre später kooperierten sie für ‘Tabu’ zum zweiten Mal. Aber auch Filmemacher wie Cecil B. DeMille, D. W. Griffith, Ernst Lubitsch oder Howard Hughes griffen auf die Fähigkeiten des österreichischen Filmkomponisten zurück.

In ‚Tabu‘, dem letzten Film von F. W. Murnau, bevor er auf der Fahrt zur Premiere des Filmes unglücklich ums Leben kam, wird Sprache durch Musik komponiert. Der Regisseur zeigt, dass er das gesprochene Wort nicht benötigt – Frauen sprechen durch schrille Klänge, ein dumpfer Trompetenton wird im Zusammenspiel mit dem Bild zum lauten Zuruf eines tahitianischen Eingeborenen. Immer an den richtigen Stellen eingesetzt, sieht es so aus, als würde der Stummfilm seine ersten Ausflüge in die Welt der gesprochenen Sprache machen.

Ein willkommender Stil für die Liebesgeschichte eines Fischerjungen und eines Mädchens, das den Göttern zum Opfer gemacht werden soll. Den ersten Tabubruch begeht Matahi, der Junge, wenn er mit seiner geliebten Reri vor ihrem Schicksal flüchtet und sich damit selbst dem Tode weiht, so verlangen es die Schriften seines Volkes. Viel plakativer geschieht ein weiterer Tabubruch, der im Film das Tauchen an einer von Haien heimgesuchten Stelle im Meer verbietet. Da sich aber ausgerechnet dort die größten und wertvollsten Perlen befinden sollen, ignoriert Matahi ein Warnschild, auf dem das Wort „Tabu“ geschrieben steht – nur um seiner Reri und ihm eine schönere Zukunft zu bescheren, was der Film den beiden allerdings nicht gewähren wird.

Vor der eigentlichen Filmvorführung referierte der Vorstandsleiter der Murnau-Stiftung aus Wiesbaden Ernst Szebedits – der Anke Wilkening ersetzte, die für die Restaurierung verantwortlich ist, aber nicht anwesend sein konnte – nicht nur allgemein über die Arbeit der Stiftung, sondern auch über die gelungene Restaurierung von ‚Tabu‘, der nach vollendeter Arbeit im nächsten Frühjahr auf DVD erscheinen soll. Dank einer fotochemischen Sicherung und der digitalen Tonrestaurierung der Nitrokopie sei der Film nun in der Form verfügbar, wie er von dem Regisseur konzipiert wurde. Dabei spielt vor allem die Bildqualität der Kameraarbeit von Floyd Crosby und Robert Flaherty eine große Rolle.

Mit ‚Tabu‘ hat man dem ersten Wochenende des Film+Musikfestes einen würdigen Abschluss gegeben. Mit E. A. Duponts ‚Moulin Rouge‘ und F. W. Murnaus ‚Tabu‘ hat man einen sehenswerten Einstieg in das diesjährige Stummfilmfestival geschaffen, welches natürlich auf seinen Höhepunkt am kommenden Samstag hinsteuert: der Vorführung der restaurierten Fassung von Fritz Langs ‚Die Nibelungen‘.

Denis Sasse
Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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