Filmkritik

Film+Musikfest 2011 – ‘Die Nibelungen I+II’ von Fritz Lang

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Wo der Stummfilmregisseur Fritz Lang mit ‚Metropolis‘ eine Reise in die Zukunft unternommen hat, entführt er uns bei dem diesjährigen Murnau Film+Musikfest in die mittelalterliche Welt der Nibelungen. Mit dem ersten und zweiten Teil dieser Verfilmung von 1924 hat das Festival ein 293 Minuten langes Epos in das Programm aufgenommen. Und trotzdem war die Oetker-Halle in Bielefeld gut gefüllt mit mutigen Besuchern, die der fünfstündigen Veranstaltung – eine Pause von einer Stunde zwischen den Filmen eingerechnet – um das Fantasy Epos beiwohnen wollten. Diese restaurierte Fassung, für deren Bearbeitung die Murnau Stiftung in Wiesbaden vier Jahre benötigte, feierte seine Premiere in der Deutschen Oper Berlin, wurde Anfang Oktober diesen Jahres auf ARTE gezeigt und lief nun zum dritten Mal weltweit, zum zweiten Mal als Live-Aufführung, hier mit dem Staatsorchester Braunschweig unter der Leitung von Helmut Imig.

Im ersten Teil der Nibelungen, die als „Siegfried“ betitelt wurde, tötet der namensgebende Held den Drachen Fafnir und wird durch ein Bad in dessen Drachenblut unsterblich – ausgenommen einer Stelle, wo ein Lindenblatt ihn berührte. Er raubt dem Zwergenkönig daraufhin ein das Schwert Balmung und seine Tarnkappe, verliebt sich in Kriemhild, muss des Königs Brautwerbung um die isländische Königin Brunhilde unterstützen und erleidet am Ende ein tragisches Schicksal. Bereits in diesem ersten Teil machen sich die Spezialeffekte bemerkbar, die für die damalige Zeit fantastisch inszeniert wurden. Da ist der Drache Fafnir, gegen den Siegfried in den Kampf zieht, ein Ungeheuer, welches natürlich nicht mit Geschöpfen heutiger Computerkunst aufnehmen kann, dennoch aber dem Helden ein monströser Gegenspieler ist. Auch die Versteinerung der Zwerge, Brunhildes Burg inmitten eines Flammenmeers oder eine Traumsequenz, die sich von der orange/gelblichen Farbgebung des Filmes durch einen Lavendelton abhebt.

Fritz Lang hat im Studio Babelsberg imposante Bildwelten erschaffen, die monumental daherkommen, so dass man nicht glauben mag, dass dieser Film bereits so alt sein soll. Ganze Städte, Burgen und Wälder wurden künstlich erschaffen um dieses Epos zum Leben zu erwecken. So ist auch der zweite Teil, der nach einer gern gesehenen Pause von einer Stunde gezeigt wurde, nicht minder opulent als sein Vorgänger. In “Kriemhilds Rache” muss Siegfrieds Witwe den Hunnenkönig Etzel heiraten, provoziert aber einen Streit zwischen Hunnen und Burgundern, der viele Leben fordert.

Man muss auch die Mimik, das Schauspiel im Allgemeinen, der Darsteller hervorheben. Jeder hat vom Regisseur sein ganz eigenes Charakterspiel zugewiesen bekommen. Siegfried, dargestellt von Paul Richter, stellt den blonden Helden dar, der unmissverständlich keine Zweifel an seinen Taten hegt und voller Überzeugung voran schreitet. Margarete Schön ist dessen angebetete Kriemhild, die sich von der schönen Königsschwester zur rachelüsternen Frau entwickelt. Viel mehr als diese beiden Figuren treten die Nebencharaktere in den Vordergrund: Brunhilde zeichnet sich durch ein fast wahnsinnig wirkendes Spiel aus, welches sie zu der Hinterhältigen werden lässt. Ihr männlicher Gegenpart ist dabei der Schauspieler Hans Adalbert Schlettow in der Rolle des zwielichtigen Hagen Tronje, der für Siegfrieds Tod verantwortlich ist. Sowohl Paul Richter als auch Schlettow waren bereits 1922 in Fritz Langs ‚Dr. Mabuse, der Spieler – Ein Bild der Zeit‘ zu sehen.

Möchte man einen brauchbaren Vergleich in die Neuzeit ziehen, so müsste man Langs ‚Die Nibelungen‘ mit Peter Jacksons ‚Die Herr der Ringe‘-Verfilmung vergleichen. Zu damaliger Zeit dürften die Ausmaße dieses Werkes ähnlich beeindruckt haben – und auch die Laufzeit kommt der Trilogie von Jackson recht nahe. Damit hat die Murnau Gesellschaft in diesem Jahr ein großes Wagnis begangen, wusste sie im Vorfeld doch nicht, wie viele Verrückte sich auf ein solches Event einlassen würden. Diejenigen, die es erlebt haben, werden aber auch bestätigen, dass eine solche Erfahrung vermutlich einmalig bleiben wird – außer es werden im kommenden Jahr alle Episoden der Stummfilm-Serie ‚Die kleinen Strolche‘ auf einmal gezeigt. In diesem Jahr gibt es davon allerdings erst einmal nur vier Folgen, die dann das Film+Musikfest 2011 abschließen werden.

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