Filmkritik

“Die Abenteuer der kleinen Giraffe Zarafa” von Rémi Bezançon & Jean-Christophe Lie

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© Alamode Film/Filmagentinnen / Giraffe Zarafa, Maki und Beduine Hassan (v.l.n.r.) ziehen gemeinsam durchs Land

Kinderfilme mit Anleihen in der Realität sind doch noch die schönsten Mittel dem jungen Kinopublikum historische Zusammenhänge unserer Welt aufzuzeigen. So geschieht es denn auch in „Die Abenteuer der kleinen Giraffe Zarafa“, einem Zeichentrickfilm der von einer Giraffe erzählt, die 1827 als erstes Tier ihrer Art den europäischen Boden betritt. Als Geschenk von Muhammad Ali Pascha, dem Vizekönig Ägyptens, an den damaligen König von Frankreich, Karl X. beginnt die mehr als zwei Jahre dauernde Reise in Afrika und führt die Giraffe in die Stadt der Liebe. In der französisch-belgischen Koproduktion von den Regisseuren Rémi Bezançon und Jean-Christophe Lie wird nun eben diese Geschichte – mit einigen hinzugefügten abenteuerlichen Elementen, die aus der Reise von Zarafa einen wunderschön erzählten Kinderfilm machen.

Zarafa und Maki lernen sich kennen

Diese Reise beginnt unter einem Affenbrotbaum im Herzen Afrikas, wo die Kinder eines kleinen Dorfes einem alten weisen Mann und seinen Erzählungen lauschen: Einst gab es einen Jungen namens Maki, der auf der Flucht vor einem Sklavenhändler die Freundschaft zu einer jungen Giraffe suchte. Doch kaum hat sich das Band der Freundschaft zwischen Mensch und Tier gefestigt, da wird Zarafa auch schon gefangen genommen, um dem französischen König als Geschenk übermittelt zu werden. Dieser erfreut sich kurioser neuer Tierfunde für seinen Pariser Zoo. Aber der kleine Maki will das nicht zulassen. Er verspricht der Giraffenmutter, ihr Jungtier zurückzubringen. Gemeinsam mit dem Beduinen Hassan und dem Luftschiffer Malaterre unternimmt Maki eine Reise in einem Heißluftballon über das Mittelmeer und die schneebedeckten Alpen bis er schließlich gemeinsam mit seinen Freunden das europäische Ziel erreicht. Dort ist die Ankunft der ersten Giraffen auf dem Kontinent eine große Attraktion. Aber schnell zeigt sich, dass Zarafa nicht in die Stadt gehört. Maki will sein Versprechen halten und sucht nach einer Möglichkeit, Zarafa zu retten.

Diese Giraffe hat es wirklich gegeben, eine Ballonfahrt, wie sie hier zu sehen ist, ist derweil nicht wirklich geschehen. Aber das sind die besagten abenteuerlichen Elemente, die den Zeichentrickfilm kindgerecht gestalten, niemals zu aufregend werden, eher mit schön durchdachten Szenarien die Emotionen schüren. Auch mit der Figur des Ballonfahrers Malaterre, die es ohne die erdachte Ballonfahrt natürlich nicht gegeben hätte, fügt sich ein amüsanter Zusatz zu der Geschichte hinzu, die dem Jungpublikum das eine oder andere Lachen entziehen wird. Malaterre wird zugleich aber auch als Ausgleich genutzt, ist der Beduine Hassan doch ernster Natur, ein ruhiger, besonnener Mann, der die männlich-starke Aufpassfunktion für den kleinen Maki übernimmt. Geschichtlich sollte man dem Film also nicht alles glauben, was er erzählt, so auch nicht den Angriff der Türkei auf die Ägypter, der im wirklichen Leben andersherum geschehen ist. So gestaltet sich der Film seine eigene Realität vor wahren Begebenheiten, schafft gute Unterhaltung für Kinder, mit der afrikanischen Wildnis, mit dem turbulenten Ballonflug, der verschnörkelt schönen Großstadt Paris oder sogar Piraten, die unter der Flagge der griechischen Bouboulina segeln, die einer Freiheitskämpferin des gleichen Namens nachempfunden wurde, die es dann auch wieder wirklich gegeben hat.

Beduine Hassan (rechts) hilft dem jungen Maki (links)

Neben all diesen, seien sie real oder erfunden, Ereignissen, Personen und Tieren, haben die Filmemacher hinter „Die Abenteuer der kleinen Giraffe Zarafa“ – im Original schlicht „Zarafa“ betitelt – einen Augenschmaus an Landschaftsbildern gezeichnet, die von Afrika über Äthiopien bis hin nach Frankreich reichen. Die Weltreise gestaltet sich durch ihre markant-intensive Farbgebung, die sich hier in den Vordergrund absetzt. Es entsteht ein exotisches Flair durch das man tief in die erschaffene Welt hinein gezogen wird, sich märchengleich neben Zarafa wiederfindet, selbst der Geschichte des alten Mannes lauscht, der offenbar äußerst genaue Quellen zitiert. Am Ende wird Maki sein Versprechen zwar nicht wirklich einhalten können, hat in Hassan und Malaterre, so unterschiedlich die Drei auch sein mögen, aber gute Freunde gefunden – und Freundschaft und Familie sind das höchste Gut auf der Welt, dass ist die pädagogisch wertvolle Mitteilung, die Zarafa am Ende aufzeigt.

Maki wird Zarafa niemals vergessen, er lernt selbst noch ein nettes Mädchen kennen, mit ihr gründet er eine Familie und unterstreicht somit noch einmal die familiäre Geborgenheit, die dem Film so wichtig ist. Maki kehrt in sein Dorf zurück, wird dort alt und irgendwann setzt er sich unter einen Affenbrotbaum um den Kindern des Dorfes eine abenteuerliche Geschichte zu erzählen, die vielleicht nicht so geschehen ist, er sie aber den Kindern und den Zuschauern erzählt. Seine Freunde werden aber auch älter, sterben, erscheinen als Fata Morgana in der Ferne – über den Tod hinaus hält die innige Bindung, die Maki mit den Bekanntschaften seines Lebens eingegangen ist.

Denis Sasse

“Die Abenteuer der kleinen Giraffe Zarafa”

Originaltitel: Zarafa
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: F / BE, 2011
Länge: ca. 78 Minuten
Regie: Rémi Bezançon & Jean-Christophe Lie
Synchronstimmen: Simon Abkarian, François-Xavier Demaison, Vernon Dobtcheff, Roger Dumas, Ronit Elkabetz, Mohamed Fellag, Déborah François

Deutschlandstart: 11. Oktober 2012
Offizielle Homepage: patheinternational.com/zarafa

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