Gerne wird die französisch/amerikanische Co-Produktion ‚Leon – Der Profi‘ als Sinnbild für Filme genommen, die mit einem jungen Mädchen aufwarten können, die sich entgegen der Erwartungen an ihr Alter, für brutale Machenschaften interessieren oder diese sogar selbst ausüben. Neben Luc Besson, der 1994 Natalie Portman so zum Einstieg in die Filmwelt verhalf, wusste zuletzt Matthew Vaughn in ‚Kick-Ass‘ ein solches Mädchen in Szene zu setzen (Chloe Grace Moretz als Hit-Girl). Nun ist es an Regisseur Joe Wright mit Saoirse Ronan als ‚Hanna‘ die nächste junge Dame auf eine brutale Reise zu schicken.

Eric Bana

Hanna ist zwar noch ein Teenager, verfügt aber bereits über die Stärke, Ausdauer und Fähigkeiten eines Soldaten. Ihr Vater (Eric Bana), ein ehemaliger CIA-Agent, hat sie in der Wildnis von Finnland großgezogen und alles daran gesetzt, sie durch jahrelanges Training zu einer perfekten Killerin zu machen. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden erfährt Hannas Leben einen Wendepunkt, als ihr Vater sie auf eine Mission hinaus in die Welt schickt. Heimlich reist sie quer durch Europa. Dabei muss sie Agenten entwischen, die eine skrupellose Geheimdienstleiterin (Cate Blanchett), auf Hanna angesetzt hat. Als sie sich ihrer Zielperson nähert, wird Hanna plötzlich mit verblüffenden Enthüllungen über ihre eigene Existenz konfrontiert.

Joe Wright hätte mit ‚Wer ist Hanna?‘ so richtig ins Fettnäpfchen treten können, sind seine bisherigen Filme ‚Stolz und Vorurteil‘ und ‚Abbitte‘ nicht gerade Garanten dafür, dass der Regisseur sich im Action-Metier auskennt. Aber Ehre, wem Ehre gebührt. Mit einer interessanten Inszenierung schafft Wright es, Saoirse Ronan glaubhaft durch die Handlung des Filmes zu jagen. Dabei wirkt der Film nur sehr wenig wie ein dahin gerotzter Action-Blockbuster und vielmehr wie ein gut durchdachtes Drama, mit einigen Action-Elementen.

Cate Blanchett

Ein zentrales filmisches Mittel ist die Musik, die hier schon fast zum Hauptdarsteller avanciert. Nicht nur der von den Chemical Brothers komponierte Soundtrack, dessen Synthie-Klänge in erster Linie in den actionlastigen Szenen zum Tragen kommen, sondern auch die von Hanna wahrgenommenen Geräusche ihrer Umwelt – das Rauschen eines Fernsehers, das Klingeln eines Telefons, das Aufkochen eines Wasserkochers – werden als musikalische Ebene zur Unterstreichung von Hannas Wahrnehmung der modernen Welt in Szene gesetzt. Und mit dem britischen Darsteller Tom Hollander bekommen die Zuschauer einen Ohrwurm-pfeifenden Bösewicht im Trainingsanzug serviert, der sicherlich in Erinnerung bleiben wird. Nicht minder interessant ist die verbissene CIA-Agentin Marissa Wiegler, dargestellt von Cate Blanchett. Gemeinsam mit Hollander präsentiert der Film hier das wohl durchgedrehteste, zugleich aber auch gefährlichste Gegenspieler-Duo der jüngeren Filmgeschichte.

Derweil lässt sich nicht leugnen, dass die Figur der Hanna auf eine Adoleszenz-Reise geschickt wird. Sie trennt sich von ihrem Vater, reist durch die Welt, macht ihre ganz eigenen Erfahrungen – auch sexuell – und muss sich, auf sich allein gestellt, durchschlagen. Dabei spielen, vor allem zum Ende des Filmes, die Märchen der Gebrüder Grimm eine nicht zu kleine Rolle. Cate Blanchett darf sich in einer Sequenz sogar als großer, böser Wolf in Szene setzen, die Rotkäppchen Hanna den Weg versperrt.

Und das alles vor der stimmigen Kulisse Finnlands und des verlassenen Spreepark Plänterwalds in Berlin, der die Grimm-Atmosphäre nutzt um ‚Wer ist Hanna?‘ ein märchenhaftes Aussehen zu verleihen. Dies gemischt mit den Videocliphaften Sequenzen, in denen Saoirse Ronan handgreiflich werden darf, fügt sich ‚Wer ist Hanna?‘ zu einem gelungenen Ganzen zusammen.

Denis Sasse

‘Wer ist Hanna?‘

Originaltitel: Hanna
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA/D, 2011
Länge: ca. 111 Minuten
Regie: Joe Wright
Darsteller: Saoirse Ronan, Eric Bana, Cate Blanchett, Tom Hollander, Jason Flemyng

Deutschlandstart: 26. Mai 2011
Offizielle Homepage: wer-ist-hanna.de/