Filmkritik

“Unknown Identity” von Jaume Collet-Serra

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Eigentlich ist der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra im Horror-Genre anzusiedeln. Mit ‚House of Wax‘ feierte er 2005 sein Regie-Debut und versuchte eher erfolglos Paris Hilton einen Einstieg in die Filmwelt zu verschaffen. Dann wiederum lieferte er vier Jahre später mit ‚The Orphan‘ einen ordentlichen Suspense-Film ab, an dem es nicht sehr viel zu meckern gibt. Mit ‚Unknown Identity‘ traut sich der Regisseur in neue Gefilde und macht es sich selbst damit nicht sonderlich leicht. Die Ähnlichkeiten zur Bourne-Trilogie sind nicht von der Hand zu weisen. Aber Schuld ist nicht der Film, sondern die Romanvorlage ‚Out of my Head‘ von Didier van Cauwelaert. Spielt diese literarische Vorlage jedoch in Paris, ist Schauspieler Liam Neeson in Berlin auf der Suche nach seiner Identität.

Hier erwacht Dr. Martin Harris (Liam Neeson) nach einem schweren Autounfall aus dem Koma. Das ist der Moment in dem sein Albtraum beginnt. Seine Frau (January Jones) erkennt ihn nicht mehr und ein anderer Mann (Aidan Quinn) hat seinen Platz eingenommen. Nicht nur als ihr Ehemann, sondern auch als angesehener Wissenschaftler, der auf einem Kongress einen wichtigen Vortrag halten soll. Natürlich kommt es noch schlimmer. Er wird von einem Killer verfolgt und beginnt langsam aber sicher an seinem Verstand zu zweifeln. Um seine Frau und sein altes Leben zurück zu gewinnen, macht er Gina (Diane Kruger) ausfindig, die Taxifahrerin, die ihn bei dem Unfall gerettet hat. Sie und der ehemalige Stasi-Agent Jürgen (Bruno Ganz) sind seine einzigen Verbündeten.

Liam Neeson & Diane Kruger

In Zeiten wo eine vierte Episode der Bourne-Filme geplant ist, aber weder Regisseur Paul Greengrass, der die beiden letzten Teile inszenierte, noch Hauptdarsteller Matt Damon erneut in das Universum rund um Robert Ludlums geschaffene Figur des Jason Bourne eintauchen wollen, scheint ‚Unknown Identity‘ als eine Art Vorsprechen für die neu zu besetzende Rolle herhalten zu müssen. Ohne zu viel vorweg nehmen zu wollen, ähneln sich die Geschichte fast gänzlich. Die Zuschauer bekommen den Profikiller vorgesetzt, der sein Gedächtnis und damit seine Identität verliert. Man mag diesen Abklatsch verzeihen, wenn man bedenkt, dass hier auch nur eine Romanvorlage verfilmt wurde. Dennoch hätte man an diese mit weitaus mehr Kreativität herangehen müssen. Ein Regisseur wie Jaume Collet-Serra hätte viel besser mit Spannung und den Erwartungen der Zuschauer spielen können. Stattdessen beschränkt er sich auf Strukturen, die durch drei Bourne-Filme schon mehr als verbraucht sind.

Und überhaupt: Sei es nun Jason Bourne oder Dr. Martin Harris oder wer auch immer die jeweiligen Figuren vorgeben zu sein oder wirklich sind. Wie erklärt man den plötzlichen Wechsel der Moralvorstellungen durch einen bloßen Gedächtnisverlust? Es ist ja nun nicht so, dass solche Figuren ihre Erinnerungen den ganzen Film über nicht wiedererlangen. Was bei Matt Damon noch funktioniert hat, da Jason Bourne sich nur von der Organisation abgewendet hat, für die er arbeitete, ist es bei Liam Neeson schon etwas prekärer. Unglaubwürdig wird seine Entwicklung vom eiskalten Auftragsattentäter zum moralisch geläuterten Gutmenschen inszeniert.

Nichtsdestotrotz muss man die Sequenzen loben, in denen die Paranoia und Verzweiflung dargestellt werden soll, die Neesons Figur durchlebt, nachdem er feststellen muss, dass seine Frau ihn nicht mehr erkennt, eine fremde Person in seine Rolle geschlüpft ist und er von einem Killer verfolgt wird. Da darf man dann auch gerne schon einmal panisch werden. An jeder Ecke fühlt er sich beobachtet, immer mehr zweifelt er die ganze Situation an, bis er selbst fast zu glauben scheint, dass er nicht der ist, der er dachte zu sein. Hier kommt das schauspielerische Talent von Liam Neeson heraus, dass er im Rest des Filmes nicht im Stande ist zu zeigen. Es sei dem Drehbuch gedankt, dass einfach kein Raum für anspruchsvolle Leistungen geboten wird.

Liam Neeson

Dies dürfte dann auch die Verpflichtung von Diane Kruger rechtfertigen, die sich schauspielerisch weit hinter Neeson ansiedeln lässt. Als bosnische Taxifahrerin Gina lehrt sich nicht nur den Berliner Passanten, sondern auch den Zuschauern das fürchten. Jedenfalls wird man aus dem Kinosaal gehen und nie wieder in ein Berliner Taxi steigen wollen. Insofern bieten zumindest die Verfolgungsjagten kurzweilige Unterhaltung. Mehr davon hätte dem Film gut getan. Stattdessen musste man unbedingt noch merkwürdige Nebenhandlungen einbauen. So leidet Gina mit ihrem Freund Biko, der einen etwa einminütigen Auftritt absolviert und dann von den bösen Buben beseitigt wird. Danach darf erst einmal Bikos Familie betrauert werden und das fehlende Geld, das vom Sohnemann nicht mehr nach Afrika geschickt werden kann bietet Stoff für einen zwischenzeitlichen Wutausbruch. Ja, man kann durchaus auch einmal den Kollateralschaden thematisieren. Nur war das bisher eher Komödien wie ‚Austin Powers‘ vorbehalten. In einem Thriller, der den Anspruch verfolgt ernst zu wirken, ist das dann doch irgendwie fehl am Platz.

Auch zwei Altstars wie Bruno Ganz und Frank Langella können dann nicht mehr allzu viel daran ändern, dass ‚Unknown Identity‘ beim Zuschauer ein ebenso verwirrtes Gefühl hinterlassen wird, wie Liam Neeson es im Film zu erleiden hat. Aber immerhin hat man es geschafft, Berlin schön in Szene zu setzen. Als Sightseeing-Tour durch die Hauptstadt ist der Film allemal zu empfehlen.

Denis Sasse

’Unknown Identity’

Originaltitel: Unknown
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA/GB/F, 2011
Länge: ca. 113 Minuten
Regie: Jaume Collet-Serra
Darsteller: Liam Neeson, Diane Kruger, Bruno Ganz, Frank Langella, January Jones

‘Unknown Identity‘ läuft seit dem 3. März 2011 in den deutschen Kinos.

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