Filmkritik

“The Tree Of Life” von Terrence Malick

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Wenn Regisseur Terrence Malick (Der schmale Grat), an einem neuen Film arbeitet, wartet das Publikum bereits sehnsüchtig. Hauptsächlich deshalb, weil Malick das Publikum ziemlich lange warten lässt – in 40 Jahren hat er gerade mal 5 Filme gedreht. Mit „Tree of Life“ zeigt Malick uns dieses Jahr aber wieder einmal, dass es schon einen guten Grund gibt, sich so viel Zeit zu lassen – schließlich hat er sich in seinem neuen Film nichts geringeres vorgenommen, als in einem gigantischen Panorama-Rundumblick den gesamten Kosmos ins Auge zu fassen und dabei auch philosophisch-metaphysisch an die Frage zu rühren, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ – also herauszufinden, welchen Zusammenhang es gibt zwischen Natur und Mensch, Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart, und: zwischen dem großen Ganzen und der kleinen Geschichte einer amerikanischen Familie der 1960er Jahre. Glaubt man der Jury in Cannes, dann ist Malick diese kolossale Aufgabe gelungen, denn mit „Tree of Life“ gewann er in diesem Jahr die goldene Palme, die höchste Auszeichnung bei den Filmfestspielen.

Brad Pitt

Von einer klassischen, chronologisch erzählten Geschichte kann bei dieser buchstäblich allumfassenden, epochalen Vision nicht die Rede sein. Immer wieder bricht der Film mit seiner eigenen Struktur, macht gigantische Zeitsprünge vor und zurück. So zeigt er einmal etwa den ganzen Planeten Erde aus dem Weltall heraus, um im nächsten Moment wieder „heranzuzoomen“ auf einen kleinen Flecken im mittleren Westen der USA. Dort wächst Jack (Hunter McCracken) in den 1960er Jahren als einer von drei Brüdern auf, in einer Umgebung, die sich augenscheinlich als Idylle ausgibt: Die Jungen leben in einer friedlichen Kleinstadt, toben den ganzen Tag gemeinsam draußen. Der Vater (Brad Pitt) hat eine sichere Anstellung und ist beruflich viel unterwegs, während die Mutter (Jessica Chastain) sich liebevoll um den Nachwuchs kümmert. Nach und nach wird jedoch immer deutlicher, dass das Leben des 12-jährigen Jack geprägt ist von der Zerrissenheit zwischen den harschen, pragmatischen Lehren des Vaters und den sanftmütigen, gottvertrauenden Weisungen der Mutter. Auch als Erwachsener (Sean Penn) wird Jack sich von dieser inneren Zerrissenheit noch nicht befreien können: „Vater, Mutter. Ewig ringt ihr in mir und nie hört ihr auf“, sind einige der wenigen die Worte, die wir von dem erwachsenen Jack hören, aus dem zwar ein erfolgreicher Architekt geworden ist, der aber noch immer nicht seinen Platz in der Welt gefunden zu haben scheint. Auch der Tod seines jüngeren Bruders hat er bis heute nicht verwunden – ein Ereignis, das auch die Mutter innerlich zerrüttet hat: Sie verzweifelt an der Frage, wie sich ihr Glaube an Gott mit der Unbarmherzigkeit und Gleichgültigkeit der Natur vereinbaren lässt.

Jessica Chastain, Hunter McCracken & Tye Sheridan

Terrence Malick verbindet das Kleinstadtleben einer amerikanischen Familie mit den ungelösten Rätseln des Universums: Wir erleben die Trauer der Mutter um ihren verlorenen Sohn und fragen uns mit ihr, welchen Sinn ein gleichgültiger Gott hat. Wir fühlen den Hass des jungen Jack auf den herrischen Vater und seine verehrende Liebe für die Mutter und fragen uns, welche Weltsicht denn nun besser auf das Leben in der Welt vorbereitet: Die verklärte, naive Sicht der Mutter oder der abgeklärte, unbarmherzige Blick des Vaters. Bei alledem geht Malick sehr assoziativ vor und spart sich große Erklärungen: Worum es geht und was die Figuren fühlen, wird in teilweise lose zusammenhängenden Bildsequenzen verdeutlicht. Schauspielerisch sticht hierbei gar nicht in erster Linie Hollywoodstar Brad Pitt heraus, sondern ein bisher noch weitgehend unbekanntes Gesicht: Jungdarsteller Hunter McCracken legt eine virtuose und intensive Schauspielkunst an den Tag, die so mancher erwachsene Darsteller bei weitem nicht erreicht. Durch die rein assoziative Bildsprache eine Atmosphäre zu weben, gelingt Malick auf grandiose Weise: Wir tauchen ein in die kindliche Erlebnis- und Vorstellungswelt von Jack, sehen die Welt aus seinen Augen, erleben den Sommer mit all seinen kindlichen Sinnen. Dabei kann es passieren, dass die kindliche Vorstellungsweise die Realität nicht nur beeinflusst, sondern komplett aushebelt – so zum Beispiel, als die anmutige, zarte Mutter plötzlich beginnt, in tänzerischer Anmut über dem Boden zu schweben. Die assoziative Bildsprache ist im Film so intensiv, dass man sich als Zuschauer einfach treiben lassen kann von der dichten Atmosphäre, die sie erzeugt.

Allerdings ist Malicks Vision so allumfassend, dass es einen mitunter ein wenig zu weit wegtreibt – zum Beispiel, wenn die Geschichte immer wieder unterbrochen wird durch sehr lange Zwischensequenzen, in denen Natur- und Weltallaufnahmen gezeigt werden, die mit Off-Stimmen und choralen Gesängen untermalt werden. An diesen Stellen hat der Film durchaus einige Längen. Dazu kommt, dass die merkwürdige Esoterik mitunter etwas peinlich berührt: „Licht meines Lebens, wo bist du?“, haucht etwa die Mutterstimme aus dem Off immer wieder, während dazu mystische Musik erklingt und gewaltige Lavaströme gezeigt werden. Wenn kurz darauf dann plötzlich auch noch eine computeranimierte Dinosaurierszene ins Spiel kommt, muss man sich spätestens dann als Zuschauer entscheiden, ob man das absolut ergreifend und genial oder doch eher belustigend findet. Fest steht, dass Malick mit diesem Film, der sich schlichtweg weigert, sich in irgendeiner Form zu mäßigen oder anzupassen, viele Risiken eingegangen ist – allein deshalb ist es ein interessanter und außergewöhnlicher Film, der jedoch mit eben diesen Schwächen zu kämpfen hat.

Meike Crone

‘The Tree Of Life‘

Originaltitel: The Tree Of Life
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2011
Länge: ca. 139 Minuten
Regie: Terrence Malick
Darsteller: Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain, Hunter McCracken, Laramie Eppler, Tye Sheridan, Fiona Shaw

Deutschlandstart: 16. Juni 2011
Offizielle Homepage: tree-of-life-film.de/

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