Filmkritik

“The Guard” von John Michael McDonagh

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Zuletzt war der irische Schauspieler Brendan Gleeson als Verteidiger der dunklen Künste und Mitglied des Orden des Phoenix in der Zauberschule Hogwarts aktiv. Jetzt verschlägt es ihn an die Westküste Irlands. ‚The Guard’ heißt der Film, in dem Gleeson erneut seine perfektionierte zynische Grummeligkeit ausleben darf. Der Thriller gilt als der erfolgreichste unabhängig produzierte Film Irlands. Von der Presse gefeiert, ist Regisseur John Michael McDonagh – Bruder von Martin McDonagh (‚Brügge sehen…und sterben’) – damit offenbar ein glücklicher Einstand in seine Karriere gelungen.

Dabei beweist er, dass gute Geschichten nicht in vor Kriminalität überhäuften Großstädten, sondern auch in idyllischen Dörfern packend inszeniert werden können. In Connemara sind die Wiesen grün, der Himmel etwas gräulich und der Atlantik tobt vor der Westküste Irlands. Die Menschen hier sind recht trocken. Wenn nicht gerade ein Auto voller bekiffter Möchtegernrapper gegen eine der Mauern entlang der engen Straßen brettert, passiert nicht viel in dem Örtchen. Das sind ideale Bedingungen um ein ruhiges Dasein als Polizist zu fristen – und das genießt Sergeant Gerry Boyle, der eher gelangweilt seinen Tätigkeiten nachgeht, bis er mit dem Auftauchen von wirklichen Verbrechern und dem ermittelnden FBI konfrontiert wird.

Don Cheadle

Richtungsweisender könnte ein Filmeinstieg nicht inszeniert sein. Bereits in der Eröffnung brettert ein rot glänzender Wagen mit überhöhter Geschwindigkeit durch die irische Landschaft. Gleesons Sergeant Boyle schenkt dieser Tatsache nur träge, fast gleichgültig seine Aufmerksamkeit. Die Raserei endet tödlich, aber erfreulich für den Dorfpolizisten. So hat dieser nämlich keine nachträglichen Beschwerden mit den aufbrausenden Jugendlichen. Und wenn er dessen Taschen durchsucht und dort auf die mitgeführten Drogen stößt, fühlt man sich ganz schnell an ‚Bad Lieutenant‘ erinnert – an das ‚92er Original von Abel Ferrara oder die Neuverfilmung von Werner Herzog mit Nicolas Cage in der Hauptrolle – Boyle vernichtet einen Teil der Drogen und schmeißt den Rest sich selbst ein. Mit „What a beautiful fucking day“ kommentiert Boyle seinen Drogenfund. Irgendwo muss auch dieser lethargische Cop seinen Spaß haben. Und dabei darf der Zuschauer Brendan Gleeson in den kommenden Filmminuten begleiten.

Einen ersten Einbruch in den Alltag von Boyle, der zumeist aus dem herumsitzen im abgewrackten Polizeirevier und dem verbinden von Punkten zu lustigen Bildchen besteht, erfährt er durch einen Neuankömmling aus Dublin, der Großstadt, der in das beschauliche Nest versetzt wird. Dieser wundert sich zuerst natürlich über das Fehlverhalten seines Vorgesetzten. Sei es Umweltverschmutzung oder das Verändern eines Tatorts. Das ziemt sich einfach nicht. Im Dienst trinken, daran ist für ihn nicht zu denken. Als dieser beim Verhör auch noch versucht den bösen Cop zu spielen, liest Boyle ihm erst einmal die Leviten, denn selbst der Angeklagte begegnet dem Treiben mit fragenden Blicken. Bei wem sich hier Gedanken einer Cop-Buddy-Komödie einschleichen, sei schnell beruhigt. Diese Begebenheit lässt der Regisseur ganz schnell wieder aus den Köpfen der Zuschauer verschwinden indem er dem Film in eine neue Richtung lenkt. Das wird nicht nur einmal praktiziert, immer wieder wechselt sich leicht der Ton des Films. Dabei bleibt das Spiel von Brendan Gleeson jedoch gleichbleibend dörfisch-kauzig.

David Wilmot, Liam Cunningham & Mark Strong

Der eigentliche Fall, den es zu lösen gilt, gerät dann auch eher in den Hintergrund. Zwar ergibt auch das Trio Infernal Mark Strong, Liam Cunningham und David Wilmot eine amüsante Runde, aber es bleibt doch das muntere Treiben und das Seelenleben von Gleesons Figur, welches im Mittelpunkt steht. Er wird nie in Situationen hineingeworfen, immer sind es die Situationen die auf den Dorfpolizisten treffen. Wo Don Cheadle als ermittelnder FBI Agent immer wieder versagt, weil er sich nicht in den ländlichen Kulissen zurecht findet und sich schon gar nicht mit den unterschiedlichen Sprachvariationen der Insel anfreunden will, tappst Boyle fast schon instinktiv-ungewollt von einem Indiz zum Nächsten. Da kann er es sich auch mal leisten, einen freien Tag zu nehmen, an dem er 24 Stunden lang nicht an die Ermittlungen denken braucht. Unverständlich für den FBI-Agenten, der an diesen vollen Tag aber auch um keinen Schritt voran kommt.

Und am Ende stürzt sich Boyle auch nur den Gangstern entgegen, weil er hierin das einzige Entkommen aus der tristen Einöde seiner Heimat sieht. Er kann nicht – wie sein FBI-Kollege – einfach zurück in die Staaten flüchten, er wird für immer hier bleiben. Davon geht er fest aus. Wo sich selbst Mark Strong am Ende freut, als Halunke mal eine Schießerei geboten zu bekommen und nicht flüchten will, mag man sich noch einmal die Langeweile des Alltags in diesem Ort vor Augen führen lassen.

‚The Guard‘ mag am ehesten an seinen britischen Kollegen ‚Harry Brown‘ erinnern, in dem Michael Caine durch die Gassen eines Vororts von London zieht um für Recht und Ordnung zu sorgen. Wo dieser aber als selbsternannter Vigilant den Menschen helfen möchte, bewegt sich Brendan Gleeson hier aus purem Eigennutz durch den Tag. Am Ende ist der Dorfpolizist aus Connemara härter als so mancher Kollege aus Hollywood.

Denis Sasse

‘The Guard’

Originaltitel: The Guard
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: GB/IRL, 2010
Länge: ca. 96 Minuten
Regie: John Michael McDonagh
Darsteller: Brendan Gleeson, Don Cheadle, Liam Cunningham, Mark Strong, David Wilmot, Rory Keenan

Deutschlandstart: 22. September 2011
Offizielle Homepage: guard-derfilm.de/

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