Filmkritik

“Red Riding Hood” von Catherine Hardwicke

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Das Märchen von Rotkäppchen, die durch den Wald zu ihrer Großmutter will, dabei aber von einem Wolf verfolgt wird, darf in keiner Kinderbuch-Sammlung fehlen. Zumeist wird dabei die Version der Gebrüder Grimm bevorzugt. Das Original wiederum stammt von dem französischen Autor Charles Perrault. Während bei ihm die Geschichte damit endet, dass der Wolf sowohl die Großmutter als auch Rotkäppchen frisst, gibt es bei den deutschen Gebrüdern Grimm ein weitaus freundlicheres Ende. Hier kann ein Jäger die beiden Opfer aus dem Bauch des Wolfes rettet. Als eines der bekanntesten und beliebtesten Märchen Europas, hat Rotkäppchen bereits viele Neuinterpretationen erlebt. ‚Twilight‘-Regisseurin Catherine Hardwicke hat sich nun mit ‚Red Riding Hood‘ an die frischeste Version gewagt.

Hier ist es ein Werwolf, mit dem sich die Bewohner des Dorfes Daggerhorn bereits jahrelang arrangiert haben. Monatlich wird ihm ein Tier geopfert, um seinen Hunger zu stillen. Doch unter dem blutroten Mond bricht der Wolf den Waffenstillstand, indem er ein Menschenleben fordert. Das Opfer ist die ältere Schwester der schönen Valerie (Amanda Seyfried), die soeben erfahren hat, dass ihre Eltern (Billy Burke und Virginia Madsen) die Hochzeit von ihrer Tochter und Henry (Max Irons) beschlossen haben. Doch Valerie ist seit ihren Kindertagen in den armen Holzfäller Peter (Shiloh Fernandez) verliebt. Die beiden wollen ihre Liebe nicht aufgeben und planen die gemeinsame Flucht, als ihnen der Wolf einen Strich durch die Rechnung macht. Die Dorfbewohner rufen derweil den berühmten Werwolfjäger Pater Solomon (Gary Oldman) zu Hilfe. Allerdings steigert dessen Anwesenheit die Unruhe, die Panik greift um sich und jeder Vollmond fordert bald ein neues Menschenopfer.

Max Irons & Shiloh Fernandez

Ein Werwolf, zwei junge Männer die um die Gunst eines hübschen Mädchens kämpfen, dessen Vater von Billy Burke verkörpert wird, der als Charlie Swan bereits in den ‚Twilight‘-Verfilmungen als Papa der Heldin aufgetreten ist – und seine Rolle auch in den noch ausstehenden zwei Filmen wieder aufnehmen wird. Dann auch noch Catherine Hardwicke, die 2008 den ersten Teil der ‚Twilight‘-Saga realisierte. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass sich ‚Red Riding Hood‘ sehr stark am Hype um den Knuddel-Vampir Edward und das Muskelpaket Jacob orientiert. Aber es sind nur Vorurteile, die gerne abgelegt werden dürfen. Abgesehen von der in die Haupthandlung eingebetteten Liebesgeschichte, funktioniert ‚Red Riding Hood‘ auf einer ganz anderen filmischen Ebene und schafft es ganz nebenbei auch noch, weitaus mehr Spannung zu erzeugen, als es das ‚Twilight‘-Gesamtpaket bisher geschafft hätte.

Das verdankt der Film nicht zuletzt seiner Erzählstruktur. Catherine Hardwicke entblößt den Werwolf nicht etwa zu Beginn des Filmes und baut eine herzzerreißende Liebesgeschichte auf, sondern beginnt eine Hetzjagd auf den vermeintlichen Bösewicht. Sie etabliert eine ganze Reihe von Figuren – Bewohnern des kleinen, mittelalterlichen Dorfes – die im Verlaufe der Handlung alle zu verdächtigen Tätern werden. Geschickt bekommt jede Figur ein Motiv und wird in verräterischen Situationen gezeigt. Es wird Zwietracht gesät, bis das Vertrauen gänzlich von der Leinwand verschwunden ist. Ein übernatürlicher Krimi, bei dem die Zuschauer bis zum Ende auf die Folter gespannt und immer wieder auf eine falsche Fährte gelockt werden.

Die Jagd auf den Werwolf leitet dabei in erster Linie Gary Oldman, der einmal mehr beweist, dass er in fast jeder Rolle eine gute Figur abgibt. In ‚Red Riding Hood‘ steht er zwischen den Fronten. Er will den Werwolf zur Strecke bringen und dem Dorf damit Hilfe leisten. Aber dabei geht er mit einem solch göttlichen Fanatismus seiner Aufgabe nach, dass weder der Werwolf, noch die Dorfbewohner vor ihm sicher sind. Seine Figur des Pater Solomon wird fürsorglich vorgestellt, mit zwei Kindern um die er sich zu kümmern hat und einer verstorbenen Ehefrau. Dann aber wendet sich ganz schnell das Bild um den Abgesandten der Kirche – er wird zum Wolf im Schafspelz. Aber auch die Hauptprotagonistin Valerie, mit großen Reh-Augen dargestellt von Amanda Seyfried (‚Briefe an Julia‘), tötet bereits in frühester Kindheit kleine, knuffige Häslein und beweist damit ebenfalls, dass eine Bestie in ihr schlummert. So wird in dem Film, zumindest sinnbildlich, jede Figur zum Wolf gemacht.

Amanda Seyfried, Billy Burke & Virginia Madsen

Hardwicke hat sich als Drehort für ‚Red Riding Hood‘ für Vancouver in Kanada entschieden, ein Fakt der dem Film einen ganz besonderen Look beschert. Mit weichgezeichneten Bildern entstehen Landschaftsaufnahmen wie aus einem Märchen entsprungen – wenn dieser Vergleich erlaubt ist. Im Hintergrund sieht man hohe Berge, Nebelschwaden emporsteigen, die Handlung selbst spielt sich zumeist in einem farbenfrohen Waldstück ab oder aber in dem kleinen Dorf, das mit seinen engen Gassen und Holzhäusern ein schauriges Märchenambiente liefert. Ein Highlight ist auch das Haus der Großmutter, das einsam im Wald steht. Wenn über diese Landschaft der Winter hereinbricht, der dem Film einen bläulichen Ton beschert, sticht Amanda Seyfried in ihrer roten Kutte umso mehr ins Auge. Wenn man einen Vergleich anführen wollte, würde einem wohl als erstes Tim Burtons Grusel-Märchen ‚Sleepy Hollow‘ in den Sinn kommen.

‚Red Riding Hood‘ überrascht als übernatürliches Krimi-Märchen mit schöner Kulisse und Landschaften. Es agiert der wohl skrupelloseste Jäger seit Draculas Van Helsing in Form von Gary Oldman. Gepaart mit der hier wunderhübsch anzusehenden Amanda Seyfried, entfernt sich Catherine Hardwickes aktuellstes Werk teilweise von dem romantischen Kitsch, dem das Kinopublikum durch ‚Twilight‘ ausgeliefert wird.

Denis Sasse

‘Red Riding Hood‘

Originaltitel: Red Riding Hood
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2011
Länge: ca. 100 Minuten
Regie: Catherine Hardwicke
Darsteller: Amanda Seyfried, Gary Oldman, Billy Burke, Shiloh Fernandez, Max Irons, Virginia Madsen, Lukas Haas, Julie Christie, Michael Hogan, Christine Willes

Deutschlandstart: 21. April 2011
Offizielle Homepage: redridinghood.warnerbros.com/

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