Filmkritik

“Midnight in Paris” von Woody Allen

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Mit seiner 42. Regiearbeit unternimmt Woody Allen nicht nur eine Reise in das Paris der heutigen Zeit, sondern wirft einen verträumten Blick auf die Bohème der 20er Jahre. Der New Yorker Regisseur hat bereits mit seinen Frühwerken ‚Der Stadtneurotiker‘ oder ‚Manhattan‘ einen Stil entwickelt, der mehr die Stadt, in der seine Filme spielen, in den Mittelpunkt stellt als seine Darsteller. Nachdem er seiner Heimat New York bereits mehrmals eine filmische Liebeserklärung lieferte, machte er mit ‚Vicky Cristina Barcelona‘ einen Ausflug in das spanische Barcelona und drehte zuletzt ‚Ich sehe den Mann deiner Träume‘ in London. In seinem aktuellen Werk ‚Midnight in Paris‘ fängt er die schönsten Kulissen der französischen Hauptstadt ein.

Marion Cottilard & Owen Wilson

Auch Woody Allens Hauptprotagonist weiß die Schönheit von Paris zu schätzen. Für den Amerikaner Gil (Owen Wilson) geht ein Wunschtraum in Erfüllung, als er mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams) seinen Urlaub in Paris verbringen darf. Seit seiner Jugend schwärmt Gil von der dortigen Künstlerszene der Zwanzigerjahre. Am liebsten hätte er zwischen Menschen wie Hemingway, Fitzgerald oder der Verlegerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein gelebt – alles Idole des erfolgreichen Hollywood-Drehbuchautoren, der sich sehnlichst wünscht, als ernst zu nehmender Schriftsteller anerkannt zu werden. Inez hat kein Verständnis für die Schwärmereien ihres baldigen Ehemannes. Eines Abends bricht Gil allein auf und verirrt sich bei seinem Streifzug durch die Stadt der Liebe. Um Punkt Mitternacht geschieht etwas Wundersames. Gil wird von einer Limousine aufgelesen, die ihn geradewegs in die Zeit transportiert, von der er unentwegt am schwärmen ist. Dort trifft er auf all die legendären Künstler, die er schon immer bewundert hat.

Jeder Literaturwissenschaftler, Kunstliebhaber und Geschichtsfanatiker wird seinen Spaß mit ‚Midnight in Paris‘ haben. Hier haben eine ganze Palette von berühmten Persönlichkeiten ihren auf die Leinwand gefunden: Der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda werden von ‚Thor‘-Gegenspieler Tom Hiddleston und Alison Pill (‚Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt‘) dargestellt und stellen mit ihrem verschrobenen Schauspiel das eigenwillige Pärchen dar, das sich niemals aus dem Mittelpunkt der Gesellschaft heraus denken konnte. Gemeinsam mit Corey Stoll (‚Salt‘) in der Rolle des Ernest Hemingway und Kathy Bates (‚Valentinstag‘) als Gertrude Stein, bilden diese Figuren das Drumherum für Owen Wilsons amüsante Geisterstunden-Ausflüge in die verträumte Vergangenheit, in der er einem Adrien Brody begegnet, der sichtbar seine ganze Leidenschaft in die Darstellung des Künstlers Salvador Dalí legt.

Carla Bruni & Owen Wilson

Einmal mehr ist es aber Marion Cottilard, die den Film mit ihren großen Augen an sich reißt. Gegen ihr Schauspiel kommen kein Owen Wilson und auch keine zum Leben erweckte Figur der Geschichte an. Wie bereits in ‚La Vie En Rose‘ als Edith Piaf oder ‚Inception‘ von Christopher Nolan spielt die in Paris gebürtige Darstellerin mit charmanter Intensität, der keiner der anderen Darsteller gewachsen ist. Wenn sie die Bühne betritt, gehört diese ihr auch. Sie ist es, deren Figur am Ende die Erkenntnis für Owen Wilsons Vergangenheitsträumer bringt. Wenn sie selbst sich in ein früheres Zeitalter flüchtet und Gil vorträumt, für immer in dieser Epoche verweilen zu wollen, erkennt dieser, dass der Mensch niemals mit der Gegenwart zufrieden zu sein scheint. Diese Film-Message wäre nicht nötig gewesen, zu zwanghaft wirkt hier das Bestreben, sich doch noch der Traumfabrik zu beugen um am Ende ins Schema Hollywoods zu passen.

Trotzdem bleibt ‚Midnight in Paris‘ eine Hommage an die schönen Künste, die der Regisseur im Einklang mit der Stadt der Liebe sieht. Allein die Eröffnungssequenz nutzt Woody Allen um minutenlang in die Pariser Atmosphäre einzutauchen. Unterlegt mit französischem Chanson erleben wir die Stadt bei Sonnenschein und Regen – wie wir später von Gil erfahren, ist Paris die einzige Stadt, die bei Regen wirklich hübsch ist. Vergnügt spaziert er durch die nassen Nächte. Seine Liebe gilt immer nur der Stadt, nicht aber seiner Frau.

‚Midnight in Paris‘ wirkt wie ein erfüllter Traum Woody Allens. Fast möchte man meinen, Owen Wilsons Figur Gil soll den Regisseur selbst darstellen. Wilsons Schauspiel gleicht in Mimik, Gestik und Sprache den Frühwerken Allens und dürfte damit die Stärke des Filmes herausstellen: Woody Allen lässt sich selbst spielen, konzentriert sich auf eine Stadt, die mit wunderschönen Kulissen daherkommt und taucht in ihre Vergangenheit ein. Hier spürt man, dass Woody Allen auch nach 45 Jahren im Geschäft noch immer mit Leidenschaft bei der Sache ist.

Denis Sasse

‘Midnight in Paris‘

Originaltitel: Midnight in Paris
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: E / USA, 2011
Länge: ca. 94 Minuten
Regie: Woody Allen
Darsteller: Owen Wilson, Rachel McAdams, Kurt Fuller, Michael Sheen, Carla Bruni, Yves Heck, Alison Pill, Corey Stoll, Tom Hiddleston, Sonia Rolland, Kathy Bates, Marion Cottilard, Adrien Brody

‘Midnight in Paris‘ läuft ab dem 18. August 2011 in den deutschen Kinos.
Offizielle Homepage: midnight-in-paris.de

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