Zwischen 1993 und 1997 erschuf der asiatisch-amerikanische Regisseur Gregg Araki die ‚Teenage Apocalypse Trilogy‘, in der es um Themen wie Suizid, Bisexualität, Homosexualität, Mord und Vergewaltigung geht. Als ein verstörendes Bild auf die Entwicklung der Gesellschaft, leistete der offen als bisexuell lebende Regisseur mit seinen drei Filmen ‚Totally Fucked Up, (1995), ‚The Doom Generation‘ (1995) und ‚Nowhere‘ (1997) einen großen Teil für das New Queer Cinema, als dessen Mitbegründer er gilt. Nun schickt er die beiden Schauspieler Thomas Dekker – John Connor aus der ‚Terminator‘-Fernsehserie‘ – und Haley Bennett (‚The Hole‘) auf einen Selbstfindungstrip, bei dem die Zerstörung der Welt noch ihr kleinstes Problem darstellt.

Juno Temple

Filmstudent Smith (Dekker) genießt sein College-Leben. Er verliebt sich in Männer, hat Sex mit Frauen, geht auf Partys und hat eine beste Freundin (Bennett), der er das alles erzählen kann. Doch aus dem Nichts heraus beschleichen ihn dunkle Vorahnungen. Er hat wüste Träume, fühlt sich mit Menschen verbunden, die er zuvor noch nie gesehen hat, wird nach dem Genuss von Space Cookies von Gewaltvisionen verfolgt und erhält die obskure Nachricht, dass er der auserwählte Sohn sei.

„Strange seems to be the new normal“ – ein Zitat das hervorragend auf das Werk von Gregg Araki zugeschnitten ist. In ‚Kaboom‘ inszeniert er eine ganze Reihe von merkwürdigen, abgedrehten Figuren. Dabei bleiben seine Hauptdarsteller Dekker und Bennett sogar noch relativ normal, außer dass sich beide in ständigen Tagträumen und Visionen verlieren. Seien es Vorahnungen, Halluzinationen hervorgerufen durch Drogen oder Wahnvorstellungen, in ihrer kleinen College-Welt scheinen sie fernab von der Realität zu leben und ihre Umwelt durch einen Traumschleier wahrzunehmen, der ihnen ein schöneres, weichgezeichnetes und farbenfrohes Leben beschert.

Diese Farbintensivität wird nicht nur durch die poppigen, knalligen Bilder, sondern eben auch durch die auftretenden Figuren hergestellt. Chris Zylka (Flash Thompson im kommenden ‚The Amazing Spider-Man‘-Film) als Thor, der stumpfe, etwas dumme Mitbewohner von Smith fungiert dabei als hervorragendes Comic-Relief, das dann auch noch als sexuelle Traumfantasie für Smith herhalten muss. Sein Verhalten als durchweg heterosexueller Surfer-Typ wird dabei als homosexueller dargestellt, als ein Homosexueller selbst ist. Die französische Schauspielerin Roxane Mesquida wiederum plagt Stella, die gar nicht verstehen kann wie ihre Liebschaft so viele Sexualpraktiken wie durch Zauberhand vollführen kann. Hinzu gesellen sich eine ganze Reihe weiterer Figuren, die im Verlauf des Filmes in irgendeinem Bett landen.

Chris Zylka

Um ‚Kaboom‘ zu verstehen und zu mögen, muss man sich auf diese skurrile, surreale Herangehensweise des Selbstfindungstrips einlassen. Es vergehen keine fünf Minuten ohne eine Sex-Szene, es wird von dem Untergang der Welt gesprochen, es gibt Entführer mit Tiermasken und eine Sex-Hexe. Wo man ‚Kaboom‘ oberflächlich betrachtet als Softporno definieren könnte, versteckt sich unter der Oberfläche ein Araki-typischer Aufruf, der die Gesellschaft aufzurütteln versucht. „Keep it simple“, heißt es an einer Stelle, denk nicht zu sehr über das Leben nach, sondern lebe es einfach mit all seinen Facetten. Dabei ist es egal ob sich der Film gerade als Porno, Mystery-Thriller oder abgedrehter Sci-Fi Streifen ausgibt, er funktioniert – simpel wie er ist – in jeder Minute.

Und am Ende werden alle Figuren und Genres genommen, die im Verlauf des Filmes angeschnitten wurden, sie werden in einen Topf geworfen und geschüttelt bis er explodiert. Die Geschichte, mit all ihren offenen Fragen, fällt in sich zusammen und präsentiert ein wirklich unerwartetes Ende. Mit ‚Kaboom‘ wird ein wunderbarer Beitrag zum New Queer Cinema geleistet, der über alle sexuellen Gesinnungen hinaus unterhaltsam anzusehen ist.

Denis Sasse

‘Kaboom‘

Originaltitel: Kaboom
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA/FR, 2010
Länge: ca. 83 Minuten
Regie: Gregg Araki
Darsteller: Thomas Dekker, Haley Bennett, Chris Zylka, Roxane Mesquida, Juno Temple, Andy Fischer-Price, Jason Olive, Brennan Mejia, Nicole LaLiberte

Deutschlandstart: 16. Juni 2011
Offizielle Homepage: ifcfilms.com/kaboom/