Filmkritik

“I’m not a f**king Princess” von Eva Ionesco

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„I’m not a f**king Princess“ lautet der recht reißerisch fürs deutsche Publikum übersetzte Titel von Regisseurin Eva Ionescos Erstlingswerk. Im französischen Original ist es schlichter mit „My little Princess“, einem Zitat aus dem Film, gehalten.

Die Sinnhaftigkeit solcher „Übersetzungen“ sei dahingestellt, doch der Fokus des Films wird umso eindringlicher deutlich: es geht um die 11-jährige Violetta, die bei ihrer Uroma lebt. Ihre Mutter ist nicht in der Lage sich angemessen um ihre Tochter zu kümmern, ist sie doch zu sehr mit ihren Männerbeziehungen und dem Vorantreiben ihrer Künstlerkarriere beschäftigt. Zweiteres bewegt sie denn dazu, Violetta in ihr Fotoattelier einzuladen und ihr ein Shooting anzubieten. Violetta ist anfangs noch neugierig und begeistert. Immer öfter besucht sie die Mutter, dabei werden die Bilder allerdings immer experimenteller und immer freizügiger. Mit der Veränderung der Bilder geht auch eine Veränderung bei Violetta einher: Findet sie anfangs Gefallen an den sinnlich-erotischen Posen (an dem „Widerspruch zwischen der Unreife des Körpers und der Perversion des Blickes“, wie es im Film heißt), muss sie im weiteren Verlauf allzu schnell die Grenzen ihrer eigenen Schamgrenze kennenlernen. Auch isoliert sie sich zunehmend von ihren Altersgenossen. Ihr extravaganter, unangemessener Kleidungsstil und ihr immer introvertierteres Auftreten machen sie zum Spottobjekt. (Wunderbar eingefangen von der Kamera: Violetta steht als seltsam grell-farbiger Fleck im Fokus, während um sie herum alle Kinder verschwommen in natürlich bunten Farben umherwirbeln.)

Isabelle Huppert & Denis Lavant

Als Violetta sich schließlich vor einem Mann ausziehen und sich mit ihm ablichten lassen soll, zieht sie endlich die Reißleine. Während der Zuschauer schon lange kaum mehr mit ansehen kann, wie die Mutter die Pflichten ihrem Kind gegenüber aufs gröbste verletzt und sich angeblich ganz seinem „künstlerischen Wohl“ hingibt, erkennt Violetta diese Entwicklung erst zu diesem Zeitpunkt. Spätestens ab da hat die Beziehung zwischen den beiden keinerlei Ähnlichkeit mehr zu einer Mutter-Tochter-Beziehung, sondern gleicht eher der, eines Drogenpärchens. Beide sind voneinander abhängig: die Mutter vom Willen des Kindes, ihr als Foto-Objekt zur Verfügung zu stehen, das Kind von der Aufmerksamkeit und Zuwendung der Mutter. Beide verachten sich gegenseitig für ihr Verhalten und kommen doch nicht voneinander los. Und beide sind völlig unfähig einen Ausweg aus diesem Strudel zu finden oder herbeizuführen. Als dann auch noch die geliebte Uroma stirbt, verliert Violettas unbeständige Welt völlig an Halt. Wie zwei Insassen einer Nervenheilanstalt sitzen die beiden in weiße Decken gehüllt, Zwangsjacken nicht unähnlich, an einem offenen Fenster, voneinander abgewandt. Auf diese Szene folgt, was sich schon lange ankündigt: die Belastung und die Ausweglosigkeit der Situation bewirken bei Violetta einen nervlichen Zusammenbruch.

Am Ende landet sie in einer Art Heim, anscheinend ohne irgendwelche Regeln. Violetta teilt Zimmer und Alltag mit Mädchen, mit denen sie Bier trinkt, knappe Klamotten, aus Putzlappen genäht, austauscht und völlig abgelegen im Wald, fern jeder Zivilisation, lebt. Ihre einst langen blonden Haare sind abgeschnitten. Vielleicht ein Verweis auf den frühen Verlust von Violettas Unschuld: lernt man sie ganz zu Beginn des Films mit langen Zöpfen kennen, ist es die Mutter, die ihr die Haare recht unsanft zum ersten Mal öffnet. Von da an trägt sie sie immer offen, mal gelockt, mal glatt. Und am Ende sind sie bis auf ein paar Zentimeter verschwunden.

Georgetta Leahu, Anamaria Vartolomei & Isabella Huppert

Die schauspielerische Leistung der Protagonisten ist durchweg glaubwürdig. Isabelle Huppert, die Violettas Mutter, Hanna Girgiu, spielt, ist beinahe beängstigend glaubhaft, wenn sie sich in ihrem Trotz und ihrer Naivität wie ein Kind benimmt. Die erst 10jährige Anamaria Vartolomei, die die Violetta spielt, hingegen kann es schauspielerisch mit jeder ausgebildeten Schauspielerin aufnehmen. Sowohl die Rolle als unbedarftes Mädchen als auch die der angehenden Modell-Diva kauft man ihr ab. Die Trauer und die Verzweiflung, den Wahnsinn, die Isolation, aber auch den Spaß vor der Kamera. Der Film versucht zwar nicht, die Frage nach den Grenzen der Kunst aufzuwerfen, sondern sich in einem (auto)biographischen Milieu zu bewegen. Trotzdem stellt sich natürlich die Frage, und der Film beantwortet sie recht eindeutig. Und spätestens an diesem Punkt muss man sich auch fragen, ob nicht das, was Anamaria für den Film tut irgendwie ähnlich ist zu dem, was Violetta für ihre Mutter macht. Ob man ein zehnjähriges Mädchen eine Figur darstellen lassen kann, die lasziv posiert, halbnackt herumläuft und mit Erwachsenen flirtet. Ist es nicht geradezu zynisch, ein Kind solch ein Schicksal darstellen zu lassen, es also vor der Kamera zu inszenieren, wo doch der Film genau das anzuprangern versucht? Oder heiligt die Kunst etwa die Mittel? In diesem Punkt sind sich der Film als Kunstwerk und der Film als Handwerk wohl uneinig.

Wenn er auch Uneinigkeit erzeugt und zum nachdenken angeregt wird, ist der Film durchaus als gelungen zu betrachten. Regisseurin Eva Ionesco, die sich sowohl für Regie, als auch fürs Drehbuch verantwortlich zeigt, verarbeitet in ihrem Debütwerk in gewissem Maß ihre eigene Kindheit. Sie selbst wurde in den 70er Jahren von ihrer eigenen Mutter vor der Kamera freizügig inszeniert seitdem sie vier Jahre alt war. Die von ihr entstandenen Bilder erzeugten auch damals schon eine große Kontroverse um die Grenzen der Kunst und die Grenzüberschreitung zur Kinderpornographie.

Sarah Peters

‘I’m not a f**king Princess‘

Originaltitel: My little Princess
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: F, 2011
Länge: ca. 106 Minuten
Regie: Eva Ionesco
Darsteller: Isabelle Huppert, Anamaria Vartolomei, Georgetta Leahu, Denis Lavant

Deutschlandstart: 27. Oktober 2011
Offizielle Homepage: notaprincess.x-verleih.de

 
 

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