Der Name Matthew Vaughn stand in den vergangenen Jahren eher für Superheldenverfilmungen. Mit dem wenig beachteten, von der breiten Masse unterschätzten ‚Kick-Ass‘ feierte der Regisseur im vergangenen Jahr einen Einzug in die Lobeshymnen der Comicfreunde. Daraufhin wurden die Marvel Studios auf Vaughn Aufmerksam und engagierten ihn für den Neustart ihrer ‚X-Men‘-Filmreihe. Jetzt wollte er offenbar auf zweierlei Art neuen Boden betreten. Für den Thriller ‚Eine offene Rechnung‘ fungierte er mit seiner Filmfirma Marv als Produzent, nicht als Regisseur. Und er entfernt sich damit von den popkulturellen Comicfilmen und widmet sein Interesse einem ernsten Geheimagenten-Thriller, der in diesem Fall von ‚Shakespeare in Love‘-Regisseur John Madden inszeniert wurde.

Helen Mirren

Die Geschichte versetzt uns ins Jahr 1997, wo eine erschreckende Nachricht die ehemaligen Mossad-Geheimagenten Rachel, Stephan und David erreicht. Alle drei haben jahrelang die Anerkennung ihrer Heimat Israel genossen, weil sie Mitte der 60er Jahre den Nazi-Verbrecher Dieter Vogel, den gefürchteten Chirurgen von Birkenau, aufspürten und eliminierten. Zumindest haben die drei Agenten das immer erzählt.

Es ist kein Neuland, welches hier beschritten wird. Bereits 2007 wurde dieser Stoff verfilmt. Die damalige Inszenierung stammte aus Israel, wo der Regisseur Assaf Bernstein die Geschichte nach seinem eigenen Drehbuch verfilmte. Aber ‚HaChov‘ – so der Originaltitel auf Hebräisch – schaffte es nie auf die U.S.-Kinoleinwände. Man möchte die Filmbranche nun dafür kritisieren, dass sie der ursprünglichen Fassung keine Chance gegeben, dafür aber eine eigene Produktion auf die Beine gestellt haben. Aber wo andere Projekte dieser Form scheitern – man denke an die amerikanischen Versionen von ‚Funny Games‘ und ‚Das Experiment‘ – ist Maddens Werk ein Hingucker im Thriller-Genre. Das dürfte nicht zuletzt der gut gespielten Hauptfigur zu Schulden kommen. Sowohl Jessica Chastain als auch ihr älteres Alter-Ego Helen Mirren bilden den Mittelpunkt der Erzählung. Sie spielen in ihren jeweiligen Altersabschnitten die Agentin Rachel Singer, die unter der Last eines Geheimnisses zu zerbrechen droht, einen ihrer Geheimagenten-Kollegen heiratet, den anderen aber liebt. Hier gibt es also reichlich charakterliches Figurenpotential, welches von beiden Darstellerinnen voll ausgeschöpft wird.

Jessica Chastain & Jesper Christensen

Die Männer an ihrer Seite liefern derweil zwar ein solides Spiel ab, haben aber unter dem schlechten Casting zu leiden. Tom Wilkinson und Ciarán Hinds, die die älteren Versionen von Stephan und David verkörpern, passen äußerlich nicht zu ihren jüngeren Abbildern Sam Worthington und Marton Csokas, was einen argen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit des Alterungsprozesses ausübt. Nichtsdestotrotz arbeiten die jeweiligen Trios die Facetten ihrer Problematiken spannend heraus. Wo die Handlung der Jung-Agenten als Erinnerungen in den Film eingebettet wurden, sind es Helen Mirren und Tom Wilkinson die die Handlung im hier und jetzt aufrecht erhalten. Wenn der Zuschauer mit zurückgenommen wird zu den Ereignissen, die sie damals bewältigen mussten, erlebt er dann die wahren Spannungsmomente. Dabei brillieren Chastain, Worthington und Csokas schon fast in einem Kammerspiel, wenn sie mit ihrer Geisel – dem verhassten Judenschänder – in ein kleines Apartment eingeschlossen bleiben.

Dort spielt sich dann auch der größte Teil des Filmes ab, dort lernen wir den Judenmörder besser kennen, der trotz all seiner vergangenen Taten, keine Reue zeigt, aber glücklich mit seiner Frau verheiratet ist. Auf der anderen Seite werden die drei Agenten emotional von diesem Bastard herausgefordert. Er zeigt ihnen immer wieder die Gräueltaten auf, die den Juden angetan wurden. Seine These ist dabei, dass es ein Volk nicht anders verdient hat, wenn es sich nicht zur Wehr setzt. Trotz seiner Gefangenschaft wirft er auch seinen Geiselnehmern noch diese Schwäche vor und treibt damit ein Psychospiel, bei dem es allen dreien schwer fällt, sich zurückzuhalten und ihr Opfer nicht an Ort und Stelle zu töten, sondern seiner gerechten Strafe zukommen zu lassen.

Der englische Originaltitel ‚The Debt‘, also ‚Die Schuld‘, hätte besser zu der Thematik gepasst, aber deutsche Titelübersetzungen sind eine ganz andere Baustelle. John Madden zeigt mit seinem Film auf, dass er in der Lage ist einen guten Thriller zu inszenieren ohne dabei auf spektakuläre Verfolgungsjagten, Explosionen oder Schusswechsel zurückgreifen zu müssen. Mehr Kammerspiel als Hollywoodkino ist in diesem Fall eine willkommende Abwechslung.

Denis Sasse

‘Eine offene Rechnung‘

Originaltitel: The Debt
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2010
Länge: ca. 113 Minuten
Regie: John Madden
Darsteller: Helen Mirren, Jessica Chastain, Tom Wilkinson, Ciarán Hinds, Marton Csokas, Sam Worthington, Jesper Christensen

Deutschlandstart: 22. September 2011
Offizielle Homepage: eineoffenerechnung.at/