Seit 1987 ist Doris Dörrie als Schriftstellerin bekannt. Damals veröffentlichte sie mit „Liebe, Schmerz und das ganze verdammte Zeug“ eine Sammlung von vier Geschichten um das Thema Film. Kein Wunder. Bereits zehn Jahre zuvor inszenierte sie mit ‚Ob’s stürmt oder schneit‘ ihren ersten Spielfilm. Mit ihren jüngsten Filmen feierte sie große Erfolge: ‚Nackt‘ brachte ihr nicht nur den Deutschen Filmpreis und die Goldene Kamera ein, sondern auch eine Nominierung für den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig. Ihr Film ‚Kirschblüten – Hanami‘ wurde zum besten Beitrag beim Filmfestival in Seattle gekürt und ihr neuester Film ‚Glück‘ lief als Berlinale Special auf dem diesjährigen Internationalen Filmfestival in der deutschen Hauptstadt.

‚Glück‘ eröffnet mit Noah Leyden (Matthias Brandt), einem Strafverteidiger, der sich selbst als Spezialist für die Suche nach Glück und den Moment, wo uns das Glück verlässt bezeichnet. Er erzählt die Geschichte von Irina (Alba Rohrwacher) und Kalle (Vinzenz Kiefer). Irina verlässt das Glück, als ihr Land vom Krieg überrollt wird, Soldaten in ihr Zuhause eindringen, ihre Familie töten und sie vergewaltigen. Traumatisiert flüchtet sie nach Berlin und arbeitet dort als Prostituierte. Auf der Straße lernt sie den Obdachlosen Punk Kalle kennen. Die Beiden verlieben sich und beginnen sich ein kleines Leben aufzubauen. Bis eines Tages ein Freier tot in der gemeinsamen Wohnung zusammenbricht. Irina flüchtet in Panik, Kalle kommt nach Hause, entdeckt die Leiche und beschließt, sein Glück mit Irina zu beschützen.

Alba Rohrwacher

So ähnlich wie ‚Glück‘ wurde bereits der 2001 veröffentlichte Film ‚Engel & Joe‘ von Regisseurin Vanessa Joop konzipiert. Wo damals eine normalbürgerliche junge Frau (Jana Pallaske) auf einen Punker (Robert Stadlober) traf und sich mit diesem ein Leben aufbaute, sind es bei Doris Dörrie auf beiden Seiten Außenseiter-Figuren. Bei Dörrie raufen sich diese beiden aber direkt zusammen und bauen, mit wenig Streit untereinander, ihr Leben neu auf. Hier existiert kein Hass, wenn überhaupt dann nur gegen das „fette Schwein“ mit dem Irina immer wieder ins Bett gehen muss um ihr tägliches Brot zu verdienen. Kalle bleibt geduldig an der Seite seiner großen Liebe, lässt sein Leben von ihr komplett umkrempeln. Schon bald sind die Punker-Haare einer ordentlichen Frisur gewichen und auch die Piercings verschwinden von sämtlichen Körperstellen. Schauspieler Vinzenz Kiefer macht eine visuelle Wandlung durch, die aufzeigt was sich hinter solchen Figuren wirklich versteckt: Aggressionen, Ablehnung und ein Minderwertigkeitskomplex weichen dank Irina einem neuen Selbstwertgefühl, welches für Kalle gerne als Glück beschrieben werden darf.

Dem entgegen ist der Punker es, der Irina die Möglichkeit gibt wahre Liebe zu empfinden. Seit ihrer Vergewaltigung und Flucht aus der Heimat, schlägt sie sich mit der Liebe als Ware durchs Leben. Erst als sie Kalle trifft muss sie ihm gegenüber zugeben, dass sie noch nie aus Liebe mit einem Mann im Bett war. Dieses neugefundene Gefühl ist ihr Glück. Und in den Augenblicken, wo ihnen ihr jeweiliges, aber auch gemeinsames Glück immer wieder versucht wird genommen zu werden, brechen die Figuren in ihren innersten Tiefen zusammen, ohne dass die Zuschauer durch lästige Dialoge darauf gestoßen werden. Wenn Kalle weinend an der Schulter Irinas lehnt oder diese ihn ein letztes Mal umarmt bevor sie ins Gefängnis muss, dann merken wir trotz der traurigen Stille was die Menschen auf der Leinwand in diesem Moment bewegt, berührt und was sie empfinden. Dörrie hat ihre Hauptrollen nicht mit den handelsüblichem Matthias Schweighöfer, Til Schweiger oder einer Nora Tschirner besetzt, sondern bewusst auf relativ unbekannte Namen gesetzt. Die Italienerin Alba Rohrwacher hatte ihren bisher größten Auftritt in dem Film ‚Die Einsamkeit der Primzahlen‘, mit dem sie einen italienischen Golden Globe als beste Nachwuchsschauspielerin gewinnen konnte. Vinzenz Kiefer war bisher nur in kleineren Rollen in Filmen wie ‚Der Baader Meinhof Komplex‘ oder ‚Free Rainer‘ zu sehen. Vielleicht ist diese gemeinsame Unbekanntheit ein Grund dafür, dass sich hier eine stimmige Chemie entwickelt, die das Liebespaar nur umso realistischer erscheinen lässt, trotz ihrer comichaften Figurenüberzeichnungen einer Prostituierten und eines Punk-Penners.

Vinzenz Kiefer & Alba Rohrwacher

Dabei spielt Rohrwacher ihre Irina als nach außen starke Persönlichkeit. Sie hat ihren Kalle voll und ganz unter Kontrolle, sagt ihm ins Gesicht, dass er noch ein Küken sei. Diese Frau hat viel erlebt, wurde vergewaltigt, aus ihrer Heimat getrieben und verdient sich ihr Geld auf den Straßen Berlins. Kein Wunder das hier eine eiserne Härte mitschwingt, die dennoch immer wieder durchbrochen wird – denn gerade durch ihre großen Kulleraugen und den Akzent in ihren Worten erscheint Irina als überaus süße Person. Dem entgegen steht Kalle, der sich mit Piercings, Punk-Frisur und den entsprechendem Kleidungsstil als harter Mann gibt. Ein Mann von der Straße, dem keiner etwas vormachen kann. Dann trifft er Irina und wir sehen mehr als einmal eine Träne an seiner Wange herunterlaufen. Er bemüht sich alles Menschenmögliche zu leisten um seine Liebe zu Irina aufrecht zu erhalten. Die Liebe als Motiv um sämtliche Probleme zu lösen – in diesem Fall einen jungen Mann und eine junge Frau von der Straße in das normale Leben zurückzuholen.

So traurig ihre Schicksale auch klingen, so dramatische Wendungen der Film auch nimmt, die Komik und Absurditäten des Alltags werden dabei nicht außen vor gelassen. In den richtigen Momenten bietet ‚Glück‘ immer wieder den Ausflug in leichtere Gefilde, lässt die Zuschauer eben nicht mit einem mulmigen Gefühl im Magen sitzen, sondern schafft Erleichterung. Absurd wird es, wenn Irinas „fettes Schwein“ in ihrem Schlafzimmer tot umfällt, sie panisch das Haus verlässt und Kalle den Fund möglichst unauffällig entsorgen möchte – was folgt ist der Höhepunkt einer Liebesbeziehung, welcher später noch weitere Figuren des Filmes darüber nachdenken lässt, wie weit man selbst für die Liebe gehen würde.

‚Glück‘ zeigt eine interessante Liebesgeschichte auf, die sich zwischen Drama, Komik und Absurdität im Kreis dreht. Am Ende haben es Kalle und Irina von der Straße ins Eigenheim geschafft und ganz nebenher noch einem Strafverteidiger aufgezeigt, dass die Liebe eine schöne Sache ist. Der Film ist eine Glücksgeschichte, die im wahren Leben niemals in dieser Form funktionieren würde. Aber man wird ja wohl noch von Glück und Liebe träumen dürfen. Das hat jedenfalls Doris Dörrie getan, ohne uns dabei einen Albtraum zu bescheren.

Denis Sasse

‘Glück‘

Originaltitel: Glück
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: D, 2011
Länge: ca. 111 Minuten
Regie: Doris Dörrie
Darsteller: Alba Rohrwacher, Vinzenz Kiefer, Matthias Brandt, Maren Kroymann, Matthias Freihoff

Deutschlandstart: 23. Februar 2012
Offizielle Homepage: glueck-film.de