Filmkritik

“Faust” von Alexander Sokurow

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Der russische Regisseur Alexander Sokurow muss mit seiner eigenwilligen Literaturverfilmung von Johann Wolfgang Goethes ‚Faust‘ irgendetwas richtig gemacht haben, sonst hätte er wohl kaum auf den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen erhalten. Die Neuinterpretation bildet die letzte Folge seiner Kino-Tetralogie, in der er beschreibt, wie die Macht den Menschen verändern kann. In ‚Moloch‘ von 1999 stand Adolf Hitler im Mittelpunkt, es folgte Wladimir Lenin in dem 2000er Film ‚Taurus‘ und zuletzt 2005 Kaiser Hirohito in ‚Die Sonne‘. Der deutsche Darsteller Johannes Zeiler (‚Isenhart – Die Jagd nach dem Seelenfänger‘) ist nun als Faust im Abschluss dieser Filmreihe zu sehen.

Er spielt die enttäuschte Hauptfigur, die trotz zahlreicher Studien der Wissenschaften nicht zum Kern der Dinge vorstößt. Die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, bleibt auch für ihn unbeantwortet. Eigentlich will er sich aus lauter Verzweiflung umbringen, aber der Wucherer (Anton Adasinsky) verhindert dies, indem er das Gift selbst trinkt, welches Faust das Leben nehmen soll. Fortan folgt Faust dieser Mephisto-Figur. Er lernt die Welt und ihre Freuden sowie Gretchen (Isolda Dychauk) kennen.

Johannes Zeiler als Faust

Jurypräsident und Regisseur Darren Aronofsky (‚Black Swan‘) hat in seiner Ansprache auf dem Filmfestival in Venedig verlauten lassen, dass dieser Film zu einer Sorte von Werken gehört, die das Leben der Zuschauer verändern würden. Aber welcher Mensch mag schon Veränderungen? Mit ‚Faust‘ schmettert uns Alexander Sokurow die klassischen Werke Goethes als einziges Puzzlestück mitten ins Gesicht. Wo manch ein Liebhaber der Werke des deutschen Dichters einräumen mag, dass Faust II tatsächlich harter Tobak ist, erfreut sich Faust I doch zumeist einiger Begeisterung. Der Pakt zwischen Faust und Mephisto fand daher nicht umsonst bereits mehrmals Verwendung in filmgeschichtlichen Zusammenhängen. In Sokurows Verfilmung wiederum durchlebt der Zuschauer Höllenqualen in Überlänge, als ob er einen teuflischen Pakt mit dem Kinobetreiber eingegangen wäre. Ganz gleich ob missratene Dialoge, eine Handlung der man nur schwer folgen kann oder streckenweise eintretende Kamerabilder, bei denen man vor Unschärfe unweigerlich die Augen zusammenkneifen muss, um die Figuren auf der Leinwand noch wahrnehmen zu können, ist hier ein Film entstanden, der dem Namen Faust nicht gewachsen ist.

Das hätte nicht sein müssen. Die Idee der Neuinterpretation ist nicht so verkehrt gewesen, so dass auch der Auftritt des Wucherers, der hier die Rolle von Mephisto übernimmt, gut durchdacht wurde. Anton Adasinsky wirkt skurril, zeigt sich mit einem deformierten Körper und schwarzen Kontaktlinsen sowie schütterndem Haar – so darf man sich Mephisto vorstellen, würde er unter uns wandeln. Dann sind da auch Bilder, die gelungen in Szene gesetzt wurden. Die anfängliche Kamerafahrt auf die Stadt in der ‚Faust‘ spielt, vermittelt einen epochalen Eindruck – der nur wenig später jedoch wieder gänzlich verschwunden sein wird – und Szenen zwischen dem liebenden Paar Faust und Gretchen, mal im gleißend weißen Licht, dann an einem idyllischen See, wurden bewusst farbbetont in den Vordergrund gestellt. Nur reichen diese kurzen Ausflüge zu ästhetisch gehaltvollen Inhalten nicht aus, um das Gesamtkonzept des Filmes zu rechtfertigen.

Anton Adasinsky als Wucherer

Wo Mephisto hauptsächlich durch sein äußeres Erscheinungsbild in Erinnerung bleibt, verkümmert Faust als wenig interessanter Hauptprotagonist, um den sich der Zuschauer einen Teufel schert – vielleicht soll er das aber auch. Einzig der Österreicher Georg Friedrich (‚Sommer in Orange‘) kann als Wagner noch so etwas wie schauspielerisches Engagement vorweisen. Seine kurze Episode mit dem Homunculus, einem künstlich geschaffenen Menschen, sticht hervor. Selten hat man sich beim Durchleben eines Filmes eine willkürliche Explosion der Marke Michael Bay herbeigewünscht oder einen sinnlosen Kommentar aus einer x-beliebigen romantischen Komödie, über die man sich wenigstens hätte aufregen können. Hier wird der Zuschauer über zwei Stunden mit belangloser Langeweile gepeinigt, die keine experimentelle Interpretationsweise des ‚Faust‘-Stoffes rechtfertigen könnte.

Denis Sasse

‘Faust‘

Originaltitel: Faust
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: RUS, 2011
Länge: ca. 138 Minuten
Regie: Alexander Sokurow
Darsteller: Johannes Zeiler, Anton Adasinsky, Isolda Dychauk, Georg Friedrich

Filmstart: 19. Januar 2012
Offizielle Homepage: mfa-film.de/faust

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