Filmkritik

“I’m Still Here” von Casey Affleck

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Für seine Darstellung des skrupellosen Commodus in Ridley Scotts ‚Gladiator‘ wurde Joaquin Phoenix für fast ein Dutzend Preise nominiert, darunter der begehrte Academy Award und der Golden Globe. Es folgten Rollen in den Mystery Thrillern ‚Signs‘ und ‚The Village‘ von M. Night Shyamalan und als Johnny Cash war er in ‚Walk The Line‘ zu sehen. Dann kündigte Phoenix seinen Rücktritt von der Schauspielerei an. Bis zum 6. September 2010, wo ‚I’m Still Here‘ auf dem Filmfestival von Venedig seine Premiere feierte, war fast niemanden klar, dass es sich bei dem gefilmten Abstieg von Joaquin Phoenix vom Schauspieler zum gescheiterten Hip Hop Star um eine Mockumentary handelt, die das Regiedebüt von Casey Affleck darstellen sollte.

Joaquin Phoenix

Dieser begleitet das turbulente Jahr, welches auf die Ansage von Phoenix folgt, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen. Dabei fängt die Kamera scheiternde Liveauftritte, entsetzte Agenten, irritierte Kollegen, Ben Stiller, der Phoenix zu einer Rolle in ‚Greenberg‘ überreden will oder einen grotesken Versuch, P. Diddy als Produzenten zu gewinnen, ein. Der Zuschauer sieht Phoenix beim Koksen und mit Prostituierten, während seine Haare immer länger werden und sein Körper immer ungepflegter. Casey Affleck dokumentiert den imaginären Abstieg des Hollywoodstars vor dem Hintergrund von Entgleisungen sowie größeren und kleineren Fehltritten.

Der Film beginnt mit einer Home Video Aufnahme des kleinen Joaquin Phoenix am 12. Februar 1981, wie er von einem kleinen Wasserfall hinunterspringt ins kühle Nass. Eine weitere Aufnahme zeigt ihn mit seinen Brüdern beim musizieren. Ein guter Schachzug des Drehbuchautorenduos Affleck und Phoenix, die den Zuschauern hier gleich zu Anfang mit dokumentarischen Bildern konfrontieren und somit die Realität des Gezeigten in den Köpfen festbrennen. Eine Aneinanderreihung von solchen Home Video Aufnahmen und Ausschnitten aus Talk Shows lässt anfänglich tatsächlich das Gefühl aufkeimen, dass hier eine wahre Dokumentation gedreht wurde. Leider ändert sich das Bild bereits nach knapp über fünf Minuten, mit dem Auftauchen von Antony, einem Freund des Hauptakteurs. Ab hier werden zum ersten Mal Zweifel aufkommen, ob das Gesehene wirklich das ist, als was es verkauft werden soll.

Joaquin Phoenix

Aber hier scheiden sich die Gemüter. Anfänglich als Dokumentation angekündigt, in der Hoffnung möglichst viele Menschen an der Nase herumzuführen, wird ‚I’m Still Here‘ inzwischen als eindeutige Mockumentary identifiziert. Wird dem Zuschauer dadurch der Spaß am Sehen genommen oder funktioniert die getürkte Dokumentation dennoch? Das Problem wird sein, dass hier kein Witz zu erkennen ist. Wo scherzhaft inszenierte Dokus von ‚Woody, der Unglücksrabe‘ von Woody Allen, ‚This Is Spinal Tap‘ oder selbst Sacha Baron Cohens ‚Borat‘ mit einer Portion Humor daherkommt, wirkt Casey Afflecks Arbeit eher wie gelangweilt aneinandergereihte Situationen, die krampfhaft ein Medienecho erzeugen wollen. Ein herum schwingender Penis hier, ein paar nackte Brüste dort, Sex sells, vor allem wenn sich ein Hollywoodstar inmitten dieses Szenarios befindet. Dass Phoenix wenig Hip Hop talentiert ist, bekommt er von P. Diddy bestätigt. Ben Stiller rennt vor eine Wand, als er versucht den Schauspieler in Rente für sein Projekt zu begeistern und ein Auftritt bei David Letterman, der ebenfalls durch die realen Medien ging, scheint sowohl als Höhepunkt des Filmes inszeniert worden zu sein und um zeitgleich die Werbetrommel zu rühren. Zugegeben, die Idee hinter dem Konzept ist gut, die filmische Umsetzung jedoch kann an mehr als einer Stelle nicht überzeugen.

Und wenn sich zum Ende des Filmes ganz Hollywood über Joaquin Phoenix lustig macht, sei es in Talk- oder auf Award Shows, dann merkt man, dass der Schauspieler reichlich auf sich genommen hat um diesen Film zu realisieren. Das ist dann die eigentlich traurige Erkenntnis dieser Mockumentary. Dort hat ein Mann sehr viel mit sich machen lassen um diesen Ausrutscher wahr werden zu lassen. Casey Affleck hat vorerst kein neues Projekt in Aussicht bei dem er Regie führen wird und Joaquin Phoenix widmet sich mit ‚The Master‘ wieder dem wirklichen Schauspiel. Hoffenlich ist das nicht wieder nur ein Gag.

Denis Sasse

’I’m Still Here’

Originaltitel: I’m Still Here
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2010
Länge: ca. 107 Minuten
Regie: Casey Affleck
Darsteller: Joaquin Phoenix, Casey Affleck, Antony Langdon, Carey Perloff, Larry McHale

Deutschlandstart: 11. August 2011
Offizielle Homepage: imstillheremovie.com/

Denis Sasse
Ich schreibe seit 2009 über Filme und habe viele Jahre Hörfunk-Beiträge zu unterschiedlichsten Medieninhalten produziert. Beim Radio durfte ich meine eigene Kino-Sendung planen und moderieren. Irgendwie habe ich ein Studium der Literaturwissenschaft und der Medienwissenschaften dazwischen gequetscht. Jetzt lehre ich an einer Hochschule über Thematiken in den Bereichen Film, Fernsehen, Social Media und Medienpädagogik.

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