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Filme von Frauen: PIPPA LEE (2009) von Rebecca Miller

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In 1995 drehte Rebecca Miller (Tochter des Dramatikers Arthur Miller) mit Angela und der Engel ihren ersten Film. Es ist eines ihrer wenigen Werke geworden, das nicht auf einem selbst verfassten Roman basiert. Denn in 2001 entschied sich die Filmemacherin unter die Schriftstellerinnen zu gehen: “Als sie seine Schuhe sah, wusste sie, dass sie ihren Mann verlassen würde”, “A Woman Who”, “The Ballad of Jack and Rose” oder zuletzt “Jacobs wundersame Wiederkehr”. Einen Großteil ihrer Titel hat sie unter Eigenregie verfilmt. Die bekannteste Verfilmung wurde allerdings der 2009er Pippa Lee, basierend auf ihrem 2008er Roman “The Private Lives of Pippa Lee”.

Oberflächlich betrachtet scheint das Leben von Pippa Lee (Robin Wright) perfekt zu sein. Ihr Ehemann Herb (Alan Arkin) ist zwar 30 Jahre älter, sie steht aber in jeder Lebenslage zu ihm. Sie ist Mutter zweier Kinder und in ihrem Umfeld ist sie als treue und vertrauenswürdige Freundin bekannt und beliebt. Als sie mit ihrem Ehemann aber in ein schickes Rentnerresort in Connecticut umzieht, entwickelt Pippa eine kuriose Schlafstörung, die die idyllische Fassade ihres Lebens langsam zu zerbröckeln droht.

Pippa blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück, in der es erotische Eskapaden gab, ebenso wie eine unkonventionelle Mutter, die ihr Hausfrauendasein mit dem Schlucken von Pillen verschönerte. Eine exzentrische Rivalin Pippa Lees beging darüber hinaus auf theatralische Art Selbstmord und prägte damit das Seelenleben der Ehefrau und Mutter. Gemeinsam mit Chris (Keanu Reeves) stellt sie sich ihren schmerzhaften Erinnerungen um sich auf die Suche nach ihrem wirklichen Selbst zu begeben.

Pippa Lee

Pippa (Robin Wright) mit ihrem Ehemann Herb (Alan Arkin).

Auf eben jener Suche begegnet sie dann allerhand Figuren aus Vergangenheit und Gegenwart. Alan Arkin und Keanu Reeves sind vermutlich am prominentesten vertreten, aber Pippa Lee wartet noch mit einer ganzen Reihe von weiteren bekannten Gesichtern auf, die Robin Wright durch das Leben ihrer Filmfigur führen: Winona Ryder, Maria Bello, Julianne Moore, Monica Bellucci, Zoe Kazan und Blake Lively. Vor allem letztgenannte Darstellerin zeigt hier bereits, dass sie ein unterschätztes Schauspieltalent ist.

Hier noch viel zu sehr mit Gossip Girl in Zusammenhang gebracht, spielt sie sich als Teen-Pippa mit ihrer Performance in den Vordergrund. Zwar mag Robin Wright die charakterlich anspruchsvollere Darbietung hinlegen – was auch nötig ist und das Casting so passend macht – aber Lively holt ein Maximum aus ihrer Rolle heraus. Nur durch dieses zeitlich voneinander abgegrenzte Miteinander von Teenagerin und erwachsener Frau gelingt die Verknüpfung der Story um eine nicht ganz so perfekte Vergangenheit und die Fassade der Gegenwart.

So stark das Spiel von Robin Wright in der gegenwärtigen Storyline auch sein mag, es ist tatsächlich der Erzählstrang in der Vergangenheit, den wir durch Rückblenden miterleben dürfen, der durch die Absurditäten in Pippa Lees Leben interessanter und spannender geraten ist, als die Ereignisse im hier und jetzt. Von Pippas Geburt, ihrer Kindheit, den Teenagerjahren und das Kennenlernen ihres weitaus älteren, späteren Ehemannes bis hin zu einer Konfrontation mit ihrer tablettensüchtigen Mutter, dem Verlassen des heimischen Nests im Alter von 16 Jahren und eine homosexuelle Tante, deren Lebensgefährtin Pippa für ein Pornoshooting verpflichtet. Hier liegen die wahren Geschichten von Pippa Lee begraben, bei denen wir es Blake Lively zu verdanken haben, dass wir Pippa niemals verurteilen und sie die gute Seele des Films bleibt, ganz gleich was sie tut und was ihr geschieht.

Diese Vergangenheit wird punktuell an den wichtigsten Stationen von Pippas Leben erzählt und läuft somit schneller ab als die Gegenwart, die sie irgendwann einholt um die Erzählstränge des Films zu verschmelzen. Dann widmet sich Pippa Lee gänzlich der Gegenwart, wo Robin Wright wiederum hell erleuchten darf. Dann haben wir es mit einer Figur zu tun, die sich nur allzu gerne um die Probleme anderer Menschen kümmert, ihnen helfen möchte, darüber aber sich selbst vergisst, die eigenen Probleme verdrängt. Pippa ignoriert sich selbst, versteckt sich vor sich selbst. Robin Wright spielt diese Fassade mit passend aufgesetzter Mimik, mit der sie uns und ihr filmisches Umfeld an der Nase herumführen möchte.

Pippa Lee

Blake Lively als Pippa in ihren Teenager Jahren.

Keanu Reeves de-empfiehlt sich als Schauspieler im Drama-Bereich. So sehr er in Actionfilmen aufgehen mag – in 2013/14 hat er mit Man of Tai Chi, 47 Ronin und natürlich John Wick seine Sparte gefunden – so wenig kann er hier überzeugen. Er muss die Schlüsselfigur in Pippa Lee mimen, scheitert aber daran, uns mit irgendeiner Form von Mimik an ihn heranzulassen. Viel mehr wirkt er wie ein stummer, bewegungsloser Körper (mit gigantischen Brusttattoo), der einfach nur dazu da ist, Pippa Lee zuzuhören. Der Film hätte ebenso gut einen kleinen Teddybären auf ein Sofa setzen können, damit Pippa jemanden zum reden hat.

Pippa Lee darf als Road Movie durchs Leben betrachtet werden, in dem Robin Wrights Schauspiel sich gegen Alan Arkin durchsetzen kann, der immer für eine großartige Performance steht und auch hier perfekt das intellektuelle Großmaul gibt, das nach drei Herzinfarkten dennoch weiter ein gutes Leben führen möchte und nicht an den Ruhestand denkt. Blake Lively übertrumpft gar beide ihrer Mitdarsteller. Sie alle spielen komisch-kaputte Charaktere in einer surrealen Tragikomödie, die dem realen Leben allerdings näher ist, als uns Lieb sein könnte.

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