Kathryn Bigelow inszeniert immer wieder starke Frauen in starken Rollen, in Positionen, in denen sie von der Gesellschaft leider weiterhin als Ausnahmen betrachtet werden und somit inszeniert Bigelow diese Frauen auch in Situationen, in denen sie sich gegen das gesellschaftlich stereotype Bild behaupten müssen. Vielleicht hat sich gar Disney an Kathryn Bigelows Blue Steel orientiert, als sie in Zoomania eine Hasendame zur Polizei geschickt haben, so wie sich hier Jamie Lee Curtis in demselben “Männerberuf” durchsetzen muss.

Curtis spielt Megan Turner, eine Rookie-Polizistin in New York City, die einen Überfall in einem Supermarkt verhindert, als sie einen bewaffneten Kriminellen (Tom Sizemore) erschießt. Bei der Tat landet die Waffe des Gangsters auf dem Boden und wird von dem Augenzeugen und leicht psychopathisch-gestörten Eugene Hunt (Ron Silver) entdeckt. Er steckt die Waffe heimlich ein und begeht in den folgenden Tagen eine ganze Reihe von brutalen Morden.

Blue Steel
Ron Silver als der psychopathische Killer in BLUE STEEL.

Derweil muss sich Turner dafür verantworten, einen scheinbar unbewaffneten Mann erschossen zu haben. Sie kämpft dafür, ihre Dienstmarke behalten zu können, während sie mit ihrem Partner (Clancy Brown) versucht, die zahlreichen Morde aufzuklären. Zeitgleich beginnt Hunt sich Turner anzunähern, sie zu daten und zu stalken.

Und das wirkt bei Kathryn Bigelow richtig fies bedrohlich, nicht zuletzt, da sie für Darsteller Ron Silver einen wieseligen, schleimigen und unheimlichen Charakter entwickelt hat (Bigelow hat das Drehbuch gemeinsam mit Eric Red geschrieben). Er ist ein Paradebeispiel eines bedrohlichen Stalkers, wie er selbst als fiktive Filmfigur für reales Unbehagen sorgen kann. Er begeht grausame Morde im Umfeld von Megan, besucht sie gar an Orten, die ihm eigentlich gar nicht zugänglich, noch viel weniger bekannt sein sollten.

Damit findet sich Jamie Lee Curtis eigentlich zurück in Haddonfield, wo sie zu Beginn ihrer Karriere in Halloween von dem Massenmörder Michael Myers gejagt – oder gestalked – wurde. Hier wird der Horror des Massenmörders zu einem Krimi-Thriller umfunktioniert, der aber nach demselben Muster abläuft: ein Killer jagt und verfolgt sein Opfer erbarmungslos, tötet dabei die Menschen, die ihr nahe stehen und hinterlässt somit eine Spur des Grauens.

Dieses Grauen unterstreicht Bigelow mit ihrem Sinn für filmische Ästhetik. Ihr Kameramann Amir Mokri (Man of Steel, 2013) holt aus Blue Steel überaus schöne Bildkompositionen heraus. Bei ihm wird jeder Schuss aus der Pistole in eine Zeitlupen-Sequenz ausgedehnt, in der die Körper geschmeidig durch die Luft fliegen, Fenster zersplittern und so die Gewalt intensiviert, niemals aber banalisiert wird.

Bigelow zeigt sich natürlich als Kämpferin für die starke Frau. In einem Subplot lässt sie Turners Familie zu Wort kommen. Der Vater will keinen Cop in der Familie, ganz gleich ob Mann oder Frau, wird dabei aber brutal-laut, bedroht gar seine Frau und Megans Mutter, so dass sofort die männlich-geführte häusliche Gewalt zum Thema wird, während Turners Kollegen bei der Polizei sich fragen, weshalb eine hübsche Frau überhaupt ein Cop sein will.

Es ist eine Wohltat Curtis als Normalsterbliche-Person zu sehen. Es wäre sehr einfache gewesen, ihr einen Stirb Langsam-Charakter zu verleihen, aber Bigelow lässt ihre Figur authentisch-nervös spielen. Der Alltag als Cop wird nicht auf die leichte Schulter genommen, ebensowenig die Entscheidung darüber, einen Schuss abzufeuern oder nicht. Turner hat keine “Mir ist alles egal”-Attitüde, sondern macht sich durchaus bewusst, was in ihrer Umwelt geschieht und wie sie diese mit ihren Taten als Polizistin beeinflusst.

Blue Steel
Gefährliche Nähe. Ron Silvers Psycho-Killer spielt auch ein romantisches Spiel mit Jamie Lee Curtis’ Cop-Lady.

Blue Steel geht mit seinen Thematiken offensiv um und zeigt mit Jamie Lee Curtis eben diese reale, starke Frau, die sich durchzusetzen versteht, gibt aber zugleich auch wenig Antworten auf unsere Fragen. Wie es nun in Turners Familie weitergeht, bleibt offen. Ob sie am Ende des Films die Anerkennung ihrer Kollegen gewonnen hat, ist ebenso nicht klar.

Vielleicht wäre es aber auch filmisch zu sentimental, diesen Fragen mit klaren Antworten zu begegnen. Es wäre ein bisschen zu sehr Hollywood, zu einfach gestrickt. Vielleicht möchte Bigelow uns auch zeigen, dass eine Frau – natürlich – zu all den Dingen in der Lage ist, die man(n) nicht von ihr erwartet, sich am Ende aber nicht allzu viel für sie ändert.

Blue Steel ist ein nicht perfekter, aber überaus spannend inszenierter Thriller, in dem Jamie Lee Curtis die Flucht nach vorne antritt und sich einmal mehr einem Verfolger-Killer stellt, der hier diabolisch von Ron Silver zu einer wahren, filmischen Bedrohung wird. Hierdurch wird Kathryn Bigelows 1989er Film zu einem Paradebeispiel für einen guten Stalker-Thriller..