Filme ohne Farbe

Filme ohne Farbe: WIE EIN WILDER STIER (1980) von Martin Scorsese

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Schon wenn Martin Scorseses 1980er Wie ein wilder Stier beginnt, merken wir an den ersten Bildern, wie poetische er durch die Kombination von Kamera, Musik und dem Einsatz von Slow Motion sein Boxer-Drama inszeniert hat. Wir blicken von draußen durch die Ringseile auf einen in der Ferne stehenden Boxer – Jake LaMotta, gespielt von Robert De Niro – der hier als einsamer Mann im Ring steht und Schattenschläge ins Nichts abfeuert.

Wenn Schindlers Liste für Steven Spielberg seine Erfahrung im Schwarzweiß-Film war, so ist es Raging Bull – so der Originaltitel – für Martin Scorsese gewesen. Der Unterschied: Spielberg nutzt die Farblosigkeit, um auf ein kleines Mädchen aufmerksam zu machen, dass als roter Farbtupfer durch die Tristesse seines Filmes wandelt. Scorsese verzichtet bewusst auf das viele Rot, dass er benötigen würde, hätte er die blutigen Boxkämpfe in Farbe abgeliefert.

Robert De Niro sprüht vor Italo-Machismo in seiner Rolle als Jake LaMotta, dem wir in Scorseses Biopic in 1964 als etwas übergewichtigen Stand-Up Comedian begegnen, bevor wir in der Zeit zurückspringen und denselben Mann etwas mehr als 20 Jahre früher erleben, wie er sich als Profiboxer seine erste Niederlage einholt, bevor er kurze Zeit später die damals 15 Jahre junge Vickie (Cathy Moriarty) in der Bronx kennenlernt und sie trotz seiner bestehenden Ehe beginnt zu umwerben..

Wie ein wilder Stier

Jake (Robert De Niro, links) und Joey (Joe Pesci, rechts) LaMotta

Während sein Bruder Joey LaMotta (Joe Pesci) durch seine Mafia-Verbindungen dafür sorgen will, dass Jake eine Chance auf den Titel im Mittelgewicht bekommt, beendet Jake seine Ehe um mit Vickie zusammen zu sein, sie zu heiraten und seine Eifersucht ins Unermessliche wachsen zu lassen. Er kämpft mehrmals gegen Sugar Ray Robinson (Johnny Barnes), hat aber viel mehr damit zu kämpfen, dass er in jeder Begegnung seiner Neu-Ehefrau mit einem Mann eine potentielle Bedrohung sieht. Hierdurch verliert er am Ende gar den Kontakt zu seinem eigenen Bruder.

Gerade das Zusammenspiel von De Niro und Pesci unter der Regie von Scorsese ist schlicht großartig. So großartig, dass dieses Dreiergespann auch in Goodfellas und Casino nochmals zusammen kam. Hier bekommen wir De Niro als von Eifersucht getriebener Jake LaMotta im weißen Unterhemd, immer schwingt bei ihm eine gewisse Brutalität mit, während sein Bruder Joey ihm im Anzug zur Seite steht, aber nicht minder gefährlich Gift und Galle versprühen kann, wenn er sich in die Ecke getrieben sieht.

Beide Männer ergänzen sich durch ihre lautstarken Stimmen, die immer wieder F-Bomben ausspucken, wie ein gefährliches, gar nicht lustiges Arnold Schwarzenegger / Danny DeVito Pärchen, dem man weder nachts noch tagsüber in einer Gasse begegnen möchte. Es ist geradezu ein Wunder, wie diese beiden Männer imstande sind Familien zu gründen, Frauen zu finden, Kinder zu erziehen, wobei sich vor allem Vicky als sehr widerstandsfähige und tolerante Ehefrau für Jake zeigt, die sich nur schwerlich von dem Boxer trennen kann und allerhand Leid durchstehen muss.

Es gibt aber auch schöne Moment, die von Scorsese recht schnell in einer Montage erzählt werden, in der sowohl Jake als auch Joey LaMotta heiraten und ihre Kinder bekommen. Wie ein wilder Stier zeigt diese kurzen Momentaufnahmen in Farbe, als seien es Bilder aus einem anderen, einem glücklicheren und geordneten Leben.

Das schwarzweiße Leben wird dafür durch die Kamera von Michael Chapman eingefangen. Er gewinnt mit Nahaufnahmen immer unsere Aufmerksamkeit oder weiß diese auf bestimmte Punkte zu lenken. Er versetzt uns mal in die Perspektive von De Niro, dann von einem Kontrahenten Jake LaMottas und wir bekommen gehörig via Boxhandschuhe auf die Nase.

Wie ein wilder Stier

Im Ring mit Jake LaMotta

So oft Chapmans Kamera ganz nah dran geht, so oft hat er aber auch das gesamte Geschehen im Blick, verschafft uns die Übersicht über ganze Szenerien, wie zu Beginn, wenn De Niro dort einsam im Ring steht, an der linken Bildecke und sich über den Rest des Sichtfeldes die Leere vor dessen Schlägen ausbreitet. Und wenn dann dort doch einmal ein Gegner steht, scheut die Kamera sich nicht davor zurück, den Gegner in kreisender Taumel-Bewegung zum Mattenboden zu begleiten.

Martin Scorsese hat seiner Figur des Boxers ein Denkmal in gescheiterter Maskulinität gesetzt. Wie ein wilder Stier ist ein Film über rohe Gewalt. Es ist ein Film über aufgestaute Wut und deren Entladung. Inmitten dessen zeigt sich Robert De Niro als Jake LaMotta, der als Archetyp des Mannes verstanden werden kann, der mit dem Geschlecht der Frau nichts anzufangen weiß, als seien die Worte Freundin, Liebhaberin und Partnerin gänzlich fremd und es gäbe nur die Hausfrau und treue Dienerin für ihn..

Wie ein wilder Stier gibt uns einen Boxer, der nach Titeln strebt und auch Frauen als Trophäen betrachtet. Natürlich muss er Angst haben, dass er “seine” Frau wie einen Titelgürtel im Boxen an einen Kontrahenten abgeben muss. Hierhin spiegeln sich all die Unsicherheiten wieder, die diese Männlichkeit mit sich bringt und weswegen sich dieser Mann in unnötig viel Gewalt flüchtet – Wie ein wilder Stier.

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