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Filme ohne Farbe: PAPER MOON (1973) von Peter Bogdanovich

Wenn man einige Minuten in Peter Bogdanovichs Paper Moon investiert hat, wird man sich unweigerlich wundern, wie es dem Filmemacher gelungen ist, eine so unfassbar natürliche Beziehung zwischen seinen Figuren herzustellen. Der eine ein Herumtreiber und Trickbetrüger, die andere ein junges Mädchen, das gerade ihre Mutter verloren hat. Die Paarung ist 1973 lange vor Leon – Der Profi oder dem Noir-Superheldenfilm Logan geschehen, lässt sich aber ebenso in dieser Lone Wolf and Cub-Tradition beschreiben.

Das Wunder dieser harmonischen Chemie zwischen dem seinerzeit 32 Jahre jungen Hauptdarsteller und seiner zehnjährigen Gefährtin ist einfach erklärt: es handelt sich bei Ryan O’Neil (hier in der Rolle des Moses Pray) und Tatum O’Neil (als Addie Loggins) um ein Vater/Tochter-Gespann aus dem wahren Leben, dass für Paper Moon von Bogdanovich vor die Kamera geholt wurde.

Moses Pray trifft die neun Jahre junge Addie Loggins bei der Beerdigung ihrer Mutter, wo Nachbarn in ihm den Vater vermuten. Zwar bestreitet er alles, erklärt sich aber dennoch dazu bereit, das verwaiste Kind bei ihrer Tante in St. Joseph, Missouri abzuliefern.

Paper Moon
Ryan O’Neil (als Moses Pray) und seine Tochter Tatum O’Neil (als Addie Loggins).

Diese erste Szene auf einem Friedhof zeigt schon eine von vielen Stärken des Films. Hier, wo man das Zusammenspiel von Realwelt Vater und Tochter noch nicht mitbekommt, verliebt man sich schon in die Kamera des ungarischen László Kovács (2007 verstorben), der mit zahlreichen Lebenswerk-Auszeichnungen geehrt worden ist.

Nicht ohne Grund, wie man hier zu sehen bekommt. Es sind wunderschöne Postkarten-Landschaften, die Kovács’ filmt und in die er Objekte und Menschen mit poetischer Schönheit hinein setzt um sie aus künstlerisch-kreativen Winkeln zu filmen, so dass aus jeder Einstellung ein Szenen-Portrait wird.

Erst dann entfaltet sich die Komödie, wenn sich die kleine Addie in einem Diner mit Moses streitet. Mal wird das Tomboy-Girl dabei ziemlich laut, dann wieder spricht sie in bedrohlich-langsam-leiser Tonalität. Moses-Darsteller Ryan O’Neil (der sowohl für die Rolle des Michael Corleone in Der Pate als auch für Rocky vorgesehen war, bevor ihm die Rollen von Al Pacino und Sylvester Stallone weggeschnappt wurden) verkörpert diesen Gauner-Trottel, der mit dem Mädchen und der Situation überfordert ist, aber das beste daraus machen möchte, während Tatum O’Neil ihm als spitzbübisch-freches Gegenüber die Show stehlen möchte.

Paper Moon
Ryan O’Neil hätte mit Der Pate und Rocky sicher eine andere Karriere gehabt.

Es spricht für die beiden Darsteller, das man sich kaum entscheiden kann, wen man nun wirklich für den Showstealer halten möchte. Aber auch die Academy of Motion Picture Arts and Sciences schlug sich damalig auf die Seite der Jungschauspielerin, die mit ihren zehn Jahren zur jüngsten Oscar-Gewinnerin – als beste Nebendarstellerin – vor Anna Paquin (mit elf Jahren in Das Piano) wurde.

Tatum O’Neil spielt Addie als Tomboy-Mädchen, das mit Latz-Anzug und Kurzhaarschnitt für einen Jungen gehalten wird, was sie immer wieder aufregt und weswegen sie sich mit Frauen-Dingen beschäftigt um als solche wahrgenommen zu werden. Es beginnt mit einer Schleife im Haar und gipfelt in einem süßen Kleidchen, zwischendurch wird Parfüm ausprobiert – was Moses wortlos mit dem Öffnen eines Fensters kommentiert. Noch so ein stiller Moment über den wir lachen können, dank des mimischen Spiels durch Vater und Tochter.

Paper Moon ist eine Komödie in Zeiten der großen Depression, irgendwann circa 1936 in Kansas und Missouri spielend. Peter Bogdanovich gelingt es aber, diese Komödie nicht nur als lustige Entladung von Alltagssorgen zu inszenieren, sondern seinem Film auch Dramatik und später Emotionalität mit zu geben. Am allerschönsten ist aber einfach, den beiden O’Neils als Schauspiel-Duo zuzusehen.

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