Die Kaffeetrinker unter uns können vermutlich nachvollziehen, wie verzweifelt man wird, wenn man am Morgen nicht seine Tasse Muntermacher bekommt. Ähnlich ergeht es dem Protagonisten in Oh Boy, Regisseur Jan Ole Gersters Abschlussarbeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin aus dem Jahre 2012.

Tom Schilling spielt Niko Fischer, einen Studienabbrecher, der sich weiter von seinem Vater (Ulrich Noethen) finanzieren lässt. Er wohnt irgendwo in Berlin, hat es immer noch nicht geschafft seine Kartons auszupacken und sich wirklich Zuhause zu fühlen, während sein Nachbar (Justus von Dohnányi) ihn bedrängt, seine eigenen Sorgen über ihn ausschüttet und ihm eine tränenreiche Unterhaltung andreht, die Niko gar nicht führen möchte.

Er flüchtet sich mit seinem Kumpel Matze (Marc Hosemann) in die Irren und Wirren der Großstadt, landet auf einem Film-Set, schlägt sich mit einer psychisch labilen Ex-Mitschülerin (Friederike Kempter) herum und muss dümmliche Kultur-Diskussionen mit der Off-Theater Szene Berlins führen, die ihren Hass gegen den Mainstream auf ihn zu projizieren scheint.

Oh Boy
Noch scheint Ex-Mitschülerin Julika (Friederike Kempter) freundlich gesinnt.

Und das alles muss Niko ertragen, ohne seinen Kaffee zu bekommen. Ganz gleich wo es ihn hin verschlägt, es will ihm einfach nicht gelingen, diese eine Tasse Kaffee zu erhaschen, die Jim Jarmusch noch in seinem 2003er Episodenfilm Coffee & Cigarettes lobpreiste.

Oh Boy hat ein wundervolles Jazz-Feeling an sich, dass sich auf die Atmosphäre überträgt. Wenn moderne Filme sich in Schwarzweiß präsentieren, fragt man sich oft, weshalb ein Filmemacher dieses heutzutage stilistische Mittel gewählt hat. Bei Oh Boy wird es deutlich. Wie Tom Schilling nachdenklich in die Stadt versinkt, wie sich der Jazz über die Handlung legt, etwas anderes als schwarzweiße Bilder hätte hier die Melancholie der Szenerie gänzlich zerstört.

Tom Schilling wird zum deutschen Gegenstück von Greta Gerwig, die in Frances Ha ebenfalls in Schwarzweiß und ebenso ziellos durch New York streift. Beide Figuren sind auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach einem Sinn, den sie erfüllen könnten. Würden sie sich treffen, würden sie sich vermutlich wunderbar verstehen und könnten über ihre jeweiligen Leben philosophieren. Beide sitzen am Fenster mit der Zigarette in der Hand und lassen nachdenkliche Blicke über ihre jeweiligen Städte streifen.

Oh Boy
Mit der Zigarette in der Hand, aber ohne seinen Kaffee, sitzt Niko (Tom Schilling) da und schaut auf sein Berlin.

Solange Niko allein am Fenster sitzt, scheint alles in Ordnung zu sein. Es sind die Menschen dort draußen in der Stadt, die ihm zusetzen. In einer wundervollen Episode muss er sich mit den Eigenheiten deutscher Behörden auseinandersetzen, wenn er versucht seinen Führerschein zurück zu bekommen und der Beamte ihm gegenüber merkwürdige, provozierende Fragen stellt und die besonnen-einsichtigen Antworten Nikos mit Wutbürger-Mentalität falsch interpretiert.

Oh Boy mag auf den ersten Blick wie ein Love Letter an Berlin wirken, zeigt aber beim genaueren Hingucken nur die Neurosen der Großstädter in einem Umfeld, wo es keinen Kaffee zu geben scheint, obwohl wir uns in einer Stadt befinden, die für das Überangebot von allem steht. Inmitten dieses Chaos kann es für jeden zur alltäglichen Aufgabe werden, nach seinem Sinn und ein wenig Akzeptanz zu suchen. Je größer die Stadt, desto schwerer die Aufgabe.