Eigentlich müsste man die ganze Zeit mit weit offen stehenden Mund vor Charlie Chaplins 1936er Moderne Zeiten sitzen. Sein Stummfilm als Kommentar auf die Große Depression der 30er Jahre wirkt wie ein zeitloses Werk auf eine Menschen bedrohende Modernisierung, wie sie aktueller kaum sein könnte.

Eine Modernisierung gegen die Chaplin hier deutlich die Faust erhebt. Schon allein, dass er dem Stummfilm treu geblieben ist, als alle anderen Studios und Filmemacher bereits den Sound und das gesprochene Wort in ihre Talkies brachten, zeigt die Abscheu Chaplins – ob begründet oder nicht – gegenüber übermäßig technologischen Veränderungen.

In wenigen Szenen macht aber auch er Ausnahmen, spielt Soundeffekte ein oder gar den Song „Je cherche après Titine“ von Léo Daniderff, hier gesungen von Charlie Chaplin selbst – das erste Mal dass man seine Stimme in einem Film zu hören bekommt.

Moderne Zeiten
Die Maschinen überfordern Charlie Chaplin.

Einmal mehr nimmt er seine Rolle als “Little Tramp” an, der in Moderne Zeiten Probleme damit hat, sich in der industrialisierten Welt zurecht zu finden. Als Fabrikarbeiter ist er an einem Fließband heillos überfordert, dass ihm ein übermäßiges Arbeitstempo abverlangt. Nach einem Nervenzusammenbruch landet er in einem Krankenhaus, verliert seinen Job und landet im Gefängnis, weil er für den Anstifter einer kommunistischen Demonstration gehalten wird.

Nachdem er in einen Ausbruch verwickelt wird, trifft er – wieder auf freiem Fuß – auf das Waisenmädchen Ellen (Paulette Goddard), die sich auf der Flucht vor der Polizei befindet, weil sie einige Bananen gestohlen hat. Um der modernen Welt zu entfliehen, gibt sich Chaplin als der verantwortliche Dieb aus, um so zurück ins sicher behütete Gefängnis zu kommen, während Ellen versucht ihn davon zu überzeugen, gemeinsam mit ihr zu fliehen und ein besseres Leben zu beginnen.

Auch wenn Moderne Zeiten mal wieder eine One Man Show von Charlie Chaplin sein möchte – Regie, Drehbuch, Musik und Hauptdarsteller – gelingt es seiner damaligen Ehefrau und Mit-Darstellerin Paulette Goddard in den wenigen Szenen, die die beiden gemeinsam spielen, den Film an sich zu reißen.

Goddard wirkt auch ohne Stimme unglaublich sympathisch, hat dieses begeisternde Glitzern in den Augen, als ob sie all ihre Kraft in diese Rolle legen würde. Damit stellt sie sich nicht nur auf eine Stufe mit Chaplin, sondern überspielt ihn sogar – wenn auch natürlich nicht in den Slapstick-Einlagen, die ganz und gar dem als Trottel erfahrenen Chaplin gehören.

Moderne Zeiten
Paulette Goddard als das Waisenmädchen Ellen.

Er darf sich mit Rollschuhen auf eine Rolltreppe stellen und den Witz aus dieser Situation wringen, macht zugleich aber auch den Woody Allen, lange bevor Woody Allen überhaupt ein Thema war. Chaplin bricht mit der vierten Wand, blickt hier direkt in die Kamera, betrachtet die Zuschauer und scheint mit seiner bloßen Mimik mit uns höchstpersönlich kommunizieren zu wollen.

Ganz nebenbei wirft er diese Kritik an der Gesellschaft auf, die er auch heute noch ebenso anbringen könnte. Er ist überfordert, weil alles viel zu Schnelllebig und unpersönlich abläuft, weil die Bedrohung durch die Maschine existiert, die den Menschen abzulösen droht. Was man in Moderne Zeiten noch als Automatisierung bezeichnen kann, wäre heutzutage vermutlich die Digitalisierung.

Und Chaplin schneidet sich ein Stück aus Sergei Eisensteins 1925er Panzerkreuzer Potemkin ab, wenn er die hier erzählende Montagetechnik einer Löwenstatue auf Moderne Zeiten anwendet und die Fabrikarbeiter via Filmschnitt als angetriebene Herde von willenlos handelnden Schafen darstellt. Eine wunderschöne Szene mit der Charlie Chaplin seinen Film eröffnet.

Moderne Zeiten zeigt nur allzu gut, was für ein grandioser Filmemacher Charlie Chaplin war, der es verstand, seinen Filmen ein Gefühl von Zeitlosigkeit zu verleihen, auch wenn er selbst an alten Traditionen festhielt.