Mit seinem 1959er Hiroshima Mon Amour hat der französische Regisseur Alain Resnais eine äußerst offensichtliche Bitte um Frieden inszeniert. Sein Film, eine Liebesgeschichte um eine französische Frau und einen japanischen Mann, ist ein Plädoyer für die Abschaffung der Atombombe (14 Jahre nach der Katastrophe von Hiroshima und Nagasaki), verstrickt in Rückblenden, die in poetischer Inszenierung über verlorene und gefundene Liebe philosophieren.

Der Film erzählt von der französischen Schauspielerin Elle (Emmanuelle Riva) und dem japanischen Architekten Lui (Eiji Okada), die über eine Zeitspanne von 36 Stunden diverse tiefgreifende Unterhaltungen über Erinnerungen und das Vergessen führen. Die beiden haben die Nacht miteinander verbracht, sind nun aber im Begriff sich wieder voneinander zu trennen. Elle beginnt ihre große gescheiterte Liebe mit dem Bombenangriff auf Hiroshima zu vergleichen und schildert dabei ihre Sicht auf die Menschen, die eine solche Katastrophe von Innen und Außen betrachten.

Hiroshima Mon Amour
Elle (Emmanuelle Riva) und der japanischen Architekten Lui (Eiji Okada).

Alain Resnais beginnt seinen Film nicht mit seinen Hauptdarstellern, sondern mit dokumentarischen Bildern, die uns sogleich den Magen umdrehen. Nur aus dem Off hören wir bereits Riva und Okada, wie sie ihre Unterhaltung führen. Während sie dabei Aussagen über Hiroshima tätigt, widerspricht er ihr hauptsächlich. Währenddessen werden wir mit den Nachwirkungen der Hiroshima-Bombe konfrontiert.

Da sind Menschen, die ihre Haare verlieren, Verstümmelungen ertragen oder kleine Kinder, denen die Haut von den Knochen abgezogen wird – während sie noch am leben sind. Es sind markerschütternde dokumentarisch-reale Bilder, die den Einstieg und hierdurch den Hintergrund von Hiroshima Mon Amour liefern und uns sogleich in eine depressiv-melancholische Stimmung versetzen, auf die Resnais weiter einwirkt.

Es wäre ein Leichtes gewesen, den Film ganz in diese Beziehung eintauchen zu lassen. Aber Resnais liegt nichts daran, eine lineare Geschichte zu erzählen. Hiroshima Mon Amour ist Poesie. Worte wiederholen sich, sind wie ein Gedicht oder ein Lied strukturiert, das immer wieder zu seinem Refrain zurückkehrt.

Es schwirren Ideen, Träume und Gedanken umher, in denen wir mit dieser Frau und diesem Mann gemeinsam schwelgen können. Es ist eine feine Verschmelzung von Kunst und filmischer Fertigkeit, die Hiroshima Mon Amour ausmachen.

Dementsprechend viel Zeit nimmt sich der Film um seine Gedanken preiszugeben. Wir müssen Geduld zeigen, um in die tiefsten Tiefen dieser Poesie einzutauchen. Resnais hat präzise getaktet, wie sich die Atmosphäre und Stimmung Minute um Minute entfalten soll. So verstrickt er die Ereignisse in Hiroshima, mit dem Abschiedsmoment der Gegenwart und den Rückblicken der Frau, zu ihrer tragisch-verflossenen Liebe. Hierdurch baut er diese Erzählstränge zu einem Gesamtkunstwerk aus.

Hiroshima Mon Amour
Elle und Lui im Gespräch miteinander.

Und alles kehrt immer und immer wieder zu uns zurück. Kriege wiederholen sich, wie sich die Liebe wiederholt oder uns Erinnerungen einholen. Alain Resnais liefert einen starken Beitrag zur französischen Nouvelle Vague, der europäischen Kinoform, die als Spiegel des gesellschaftlichen und politischen Wandels fungierte und Filmemacher dazu trieb, radikale Experimente in ihrem Filmschaffen zu unternehmen: im Schnitt, im visuellen Style und in ihrer Narration – hauptsache weg vom konservativen Einheitsbrei.

Die Handlung ist trotz starker Aussagen um Emmanuelle Riva aufgebaut, die 2017 in Paris verstarb, nachdem sie eine ausgiebige Karriere leben durfte – von ihrer ersten großen Rolle in Hiroshima Mon Amour bis hin zu einer ebenso herzzerreißenden Performance in Michael Hanekes 2012er Liebe (oder im Original schlicht und passend Amour).

Hiroshima Mon Amour ist Erinnerungskino um Liebe, Krieg, Leid und Vergessen par excellence. Alain Resnais gelingt es, Gegenwart und Vergangenheit poetisch-romantisch miteinander verschmelzen zu lassen und versinkt dabei in tiefer Nachdenklichkeit.