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Filme ohne Farbe: HERR DER FLIEGEN (1963) von Peter Brook

In Peter Pan, der Kindergeschichte des schottischen Schriftstellers J. M. Barrie, schlagen sich einige verlorene Jungs im Nimmerland recht gut in der Eigenorganisation und dem Kampf gegen böse Piraten. In der echten Welt sähe das weitaus weniger romantisch-märchenhaft aus. Das hat der britische Autor und Nobelpreisträger William Golding in seinem 1954er Roman Herr der Fliegen nur allzu deutlich gemacht.

Und ebenso inszenierte Peter Brook in 1963 die gleichnamige Verfilmung, bei der er auf ein Drehbuch verzichtete und seine Laien-Kinderdarsteller anhand des Buches von Golding die Handlung chronologisch nachspielen ließ. Dabei erlaubte er sich dennoch ein paar wenige Abweichungen. Trotzdem gelingt es dem Film den psychologischen Horror widerzuspiegeln, den die auf einer einsamen Insel gestrandete 30 Kopf starke Jungen-Schulklasse erleben muss.

Dabei stehen weniger die Gefahren einer tropischen Insel im Mittelpunkt – ganz im Gegenteil, hier scheinen die sechs- bis 13-jährigen tatsächlich in einer paradiesischen Idylle gelandet zu sein – sondern das Mit- und Gegeneinander der Gruppe, in der es zwar Individuen gibt, die sich gut zusammen raufen können, aber eben auch Gegenspieler und Große Worte-Schwinger, die sich zu Häuptlingen und Jägern erheben und Bestimmungsrechte sowie Nahrung einfordern.

Herr der Fliegen
Gestrandet auf einer tropisch-idyllischen, aber einsamen Insel.

Herr der Fliegen folgt Ralph (James Aubrey), einem ebenfalls recht guten Anführer, da er kluge und faire Entscheidungen trifft, ihr Dasein auf der Insel genau durchplanen kann und nicht nur an die derzeitigen Bedürfnisse denkt, sondern das große Ganze im Blick behält. Er hat in Jack (Tom Chapin) allerdings einen Rivalen auf der Insel, der sich nicht ganz so begabt anstellt, durch seine Redekunst aber einen Großteil der abgestürzten Schuljungen auf seine Seite ziehen kann. Seine Gruppe von Wilden verbringt die Zeit mit der Jagd, dem Essen und dem Tanzen ums Lagerfeuer.

Hinzu gesellen sich der an Asthma leidende und eher untalentierte Piggy (Hugh Edwards), der Mitläufer Roger (Roger Elwin) und der grüblerische Außenseiter Simon (Tom Gaman). Trotz der Tatsache, dass sie alle zusammen über die nötigen Eigenschaften verfügen, um auf der Insel zu überleben, suchen sie den Konflikt, der die Gruppe mehr und mehr auseinander treibt.

Keine Angst vor Jungdarstellern, selbst wenn sie Laien sind. Ein Regisseur wie Peter Brook, der sich seinen Namen mit Theaterinszenierungen von Shakespeare gemacht hat, werden die Kinder zu Erwachsenen, zumindest was den Konflikt betrifft. Aber auch die Handlung zu Herr der Fliegen sieht den Einfluss der Erwachsenenwelt vor. Denn langsam aber sicher – das ist die Tragik der Geschichte – nutzen die Gestrandeten ihre Erziehung und ihr Wissen, dass sie aus der Erwachsenenwelt erworben haben, um diese Idylle (das Paradies) in einen zerstörten Kriegsschauplatz zu verwandeln, als habe hier der Dritte Weltkrieg getobt.

Zugleich ist es aber auch ein Statement über die Natur des Menschen. Das Wilde wird nicht als Rückfall oder gar Defekt der menschlichen Psyche gezeigt, sondern als der Ur-Zustand, in den wir alle zurückfallen, wenn es die Bedingungen erfordern. Herr der Fliegen gibt uns mit Piggy als Gewissen dieser Geschichte und Simon als Stimme der Vernunft zwar zwei Figuren, die Gutes im Sinn haben, die aber nicht dafür sorgen können, dass der Film seine pessimistische und kalte Grundstimmung verlieren würde. Herr der Fliegen ist eine Dystopie über das Menschsein.

Herr der Fliegen
Piggy (Hugh Edwards)

Hierfür arbeitet Brook mit Kameramann Tom Hollyman (seine einzige Arbeit im Filmgeschäft) zusammen, der das anfängliche Schulleben und den Absturz des Flugzeugs in Standbild-Fotografien erzählt, wie es ein Jahr zuvor der französische Sci-Fi Kurzfilm Am Rande des Rollfelds (La Jetée) getan hat. Dann wechselt Herr der Fliegen in den ebenfalls aus dem Französischen stammenden dokumentarischen Stil des cínema vérité. Mit diesen Bilder erzeugt der Film – trotz seines fiktiven Ursprungs – eine unheimliche Nähe zu den Figuren, die allzu real wirkt und so noch mehr unsere dystopischen Vorstellungen über die Entwicklung des Menschen schürt.

Herr der Fliegen zeigt uns die verlorenen Jungs, wie sie sich unter Einfluss einer Erwachsenenwelt entwickeln und handeln, die zwar Recht und Ordnung predigt, sich aber dennoch immer wieder in Streitigkeiten und Kriegen verliert. Das macht den Film aus 1963 (und eine weitere Verfilmung von 1990) weiterhin überaus aktuell – aber eben auch besorgniserregend-erschreckend.  

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