Filmkritik

“Beasts of the Southern Wild” von Benh Zeitlin

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© MFA/Filmagentinnen / Quvenzhzé Wallis als Hushpuppy in Benh Zeitlins “Beasts of the Southern Wild”

Die spanische Schauspielerin Ivana Baquero flüchtet sich in Guillermo Del Toros „Pan’s Labyrinth“ in ihre Fantasie, bewohnt von einem Faun, einem Waldgeist mit Hufen und Hörnern, nur um ihrer schrecklichen Realität des faschistischen Kriegs im Spanien des Jahres 1944 zu entfliehen, wo sie unter der patrichialen Herrschaft ihres Stiefvaters, einem Armee-Offizier, zu leiden hat. Ebenso erschaffen sich Josh Hutcherson und AnnaSophia Robb ihre eigene phantastische Welt in „Brücke nach Terabithia“, entfliehen der Realität bestehend aus Schulmobbing und elterlichen Ungerechtigkeiten, machen sich zu König und Königin in ihrem eigenen Reich. Ähnlich inszeniert Regisseur Benh Zeitlin seine kleine Heldin, grandios von Newcomerin Quvenzhané Wallis gespielt, die in ihrer Rolle als Hushpuppy einen Jahrhundertsturm im Bathtub, einer fiktiven Region in den Sümpfen der amerikanischen Südstaaten, erlebt und diesem mit ihrer Fantasie ein recht eigentümliches Gesicht verpasst. Mit Auszeichnungen sowohl bei den Filmfestspielen von Cannes als auch beim Sundance Film Festival überhäuft, ist „Beasts of the Southern Wild“ ein magischer, imaginativer Blick auf die Welt durch die Augen eines kleinen, starken Mädchens.

Diese Augen erblicken die naturverbundene Welt von Bathtub mit einem nie enden wollenden glitzern und funkeln, einer Fantasie, die Ihresgleichen sucht. Für Hushpuppy beflügelt ein drohender Sturm ihre Imagination. Das Wasser, das über der Bayou-Siedlung zusammenschlägt, verwandelt sich in prähistorische Monster, die aus ihren eisigen Gräbern erwachen und über die Landschaft stampfen. Ohne Mutter und mit einem kranken Vater an ihrer Seite, stellt sich das kleine Mädchen den gigantischen Naturgewalten entgegen.

Quvenzhzé Wallis mit Henry D. Coleman, Lowell Landes, Marc Leblanc, Maria Moore und Pam Harper

Als Adaption des Theaterstücks „Juicy & Delicious“ von Lucy Alibar, stellt „Beasts of the Southern Wild“ wahrlich ein Glanzstück von Regiedebütant Benh Zeitlin und seiner ebenso frischen Darstellerriege dar: Protagonistin Quvenzhané Wallis wurde sogleich nach Erstaufführung von Steve McQueen für dessen nächsten Film „Twelve Years a Slave“ engagiert, wo die Jungdarstellerin bereits in ihrem zweiten Film neben Größen wie Brad Pitt, Michael Fassbender oder Benedict Cumberbatch spielen darf – vielleicht ein kleiner Hinweis auf ihre Leistungen in diesem Film. Als Hushpuppy erlebt sie die Welt mit ihren ganz eigenen Augen, sie erlebt Dinge, die für den größten Teil der Bevölkerung kaum nachvollziehbar sind, ganz gleich ob in der Realität oder als fantasievolle Hirngespinste. Die vielen Unwetter, die die Gegend um Louisiana heimsuchen, wo auch Hurrikan Katrina sein Unwesen trieb, manifestieren sich in Hushpuppys Vorstellungskraft als gigantische Schweine mit Hörnern auf den Köpfen.

Bathtub, dieser kleine charmante Ort an dem Hushpuppy lebt, könnte sich trotz seiner verarmten Umgebung, kaum schöner in Szene gesetzt fühlen. Die Bilder sprechen für sich, die Sonnenstrahlen – solange der Sturm noch auf sich warten lässt – scheinen durch die Baumwipfel, tauchen die Umwelt tatsächlich in ein märchenhaftes Ambiente. Hier hält sich das kleine Mädchen die Tiere und Pflanzen dicht an ihr Ohr, möchte ihnen lauschen, ihren Codes und ihrer Geheimsprache, mit der sie untereinander so kommunizieren, dass sie von den Menschen nicht verstanden werden können. Aber Hushpuppy ist sich sicher, dass sie meistens über das Essen sprechen. Dieser Ort, an dem sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen kann, liegt abgeschnitten von der industriellen Großstadt, die weit von ihnen entfernt empor ragt. Egal wo man sich als Zuschauer hinwendet, es warten kleine Landschaftsportraits, die verzaubern wollen.

Quvenzhané Wallis in dem Club “Elysian Fields”

Die Welt könnte so schön sein, würde sie nicht so viele Probleme für Hushpuppy bereit halten. Der aufziehende Sturm, ein grollendes Gewitter kündigt ihn an, der für Hushpuppy bedeutet, dass riesige Eisbrocken sich irgendwo von einer Landscholle trennen und ins Meer donnern. Hierdurch werden die urzeitlichen Ungetüme befreit, die nun losgelöst über die Landschaft donnern können. Dies kommentiert Hushpuppy stets aus dem Off, die Zuschauer werden Teil ihrer Gedankenwelt, dürfen der Märchenerzählerin zuhören und sich von ihrer kindlich naiven Spreche anstecken lassen. Selbst wenn sie gerade ihre Mutter vermisst, erscheint sie noch mit einem glücklichen Lächeln auf der Leinwand. Sie ehrt das alte Kleid ihrer Mutter, legt es über einen Stuhl als würde sie dort sitzen, feiert ihre eigene, kleine Teeparty mit imaginären Freunden, vor allem aber eben der abwesenden Mutter. Natürlich hat sie auch um ihren Vater Angst, der an einer tödlichen Krankheit zu sterben droht. Die kleine Hushpuppy muss auf eigenen Beine stehen, deshalb reagiert der Vater möglichst oft abweisend, zeigt seiner Tochter wo es im Leben lang geht, wie sie ganz ohne elterliche Fürsorge dennoch überleben kann. Kein einfaches Schicksal.

Die Lage wird sich nicht bessern, nur schlimmer werden. Durch Hushpuppys Augen erleben die Zuschauer den Sturm und seine Folgen, sie folgen dem kleinen Mädchen durch die Katastrophe, die Bilder nach dem Sturm erinnern an Hurrikan Katrina: die Verwüstung, die Überschwemmung, vielleicht kann man deswegen so gut mit dem Mädchen mitleiden, das trotz allen Missständen ihr Lächeln einfach nicht verlieren will. Sie ist stark, sie stellt sich all den Herausforderungen des Lebens. Und irgendwann steht sie dann ihren Fantasiegeschöpfen gegenüber, starrt sie zu Boden, diese starken Tiere, Auerochsen werden sie genannt, diese Naturgewalten, die gegen den Frohmut Hushpuppys keine Chance haben. Wieder einmal siegt David gegen Goliath.

„Beasts of the Southern Wild“ lebt von den Emotionen dieses starken Mädchens gegenüber dem Verlust ihrer Heimat, dem Verlust ihrer Mutter und ihres Vaters, gegenüber allen Widrigkeiten. Sie bleibt stark, sie hat das nötige Kämpferherz und weiß hierdurch den Film gänzlich zu beherrschen. Ein Film wie eine eigene Naturgewalt, ruhig und aufwühlend zugleich, aber immer so fesselnd, dass man miterlebt, mitleidet und sich mit Hushpuppy verbunden fühlt, ganz gleich was gerade vor sich geht.

Denis Sasse

“Beasts of the Southern Wild“

Originaltitel: Beasts of the Southern Wild
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 97 Minuten
Regie: Benh Zeitlin
Darsteller: Quvenzhané Wallis, Dwight Henry, Levy Easterly, Gina Montana

Deutschlandstart: 20. Dezember 2012
Offizielle Homepage: beastsofthesouthernwild.com

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