Filmkritik

“Possession – Das Dunkle in dir” von Ole Bornedal

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© STUDIOCANAL GmbH Filmverleih / Jeffrey Dean Morgan (Clyde)  und Kyra Sedgwick (Stephanie) sorgen sich um ihre Filmtochter Natasha Calis (Emily) in "Possession - Das Dunkle in dir"

© STUDIOCANAL GmbH Filmverleih / Jeffrey Dean Morgan (Clyde) und Kyra Sedgwick (Stephanie) sorgen sich um ihre Filmtochter Natasha Calis (Emily) in “Possession – Das Dunkle in dir”

Wenn ein junges Mädchen aufmüpfig wird, wenn sie sich gegen ihre Eltern auflehnt und böse Streichen spielt, wenn Papa den Satz zu hören bekommt, dass dieses Mädchen nicht mehr Daddys kleiner Liebling, nicht mehr seine Tochter sei, dann hat man es entweder mit der Pubertät oder einem vermutlich ebenso gruseligem Horrorstreifen zu tun. Im Falle von „The Possession“ ist die kleine Emily (Natasha Calis) nicht das Opfer ihrer eigenen Natur, sondern eines Dibbuks – dem jüdischen Glauben nach ein böser Geist, der im Körper seines Wirts ein unnatürliches Verhalten bewirkt. Inszeniert wurde der Film von dem dänischen Regisseur Ole Bornedal, der in seiner Heimat 1994 mit „Nattevagten“ („Nightwatch – Nachtwache“), weltweit 1997 mit dem Remake „Freeze – Alptraum Nachtwache“ seine größten bisherigen Erfolge feierte. Nun erzählt er diese Geschichte, die laut Vorspann auf wahren Begebenheiten beruht, von einer Familie erzählt, die die Ereignisse in „The Possession“ über einen Zeitraum von 29 Tagen wirklich erlebt hat. Wie sehr man diese inzwischen vor jedem Horrorfilm existente Floskel in sein eigenes Empfinden mit einbeziehen möchte, ist persönliche Ermessenssache.

Die kleine Emily – auch Em genannt – ist begeistert als sie auf einem Hausflohmarkt eine antike Kiste findet, die sie sich sogleich von ihrem Vater (Jeffrey Dean Morgan) kaufen lässt. Dieser lebt getrennt von seiner Frau (Kyra Sedgwick), die inzwischen ein neues Leben mit einem neuen Mann (Grant Show) führt. Aber keiner von ihnen schenkt der Obsession der Tochter große Aufmerksamkeit. Immer mehr ist das Mädchen in ihre Kiste vernarrt, verhält sich plötzlich sehr sonderbar und wird immer aggressiver. Ihr Vater findet heraus, dass sie offenbar von einem dieser Dibbuks besessen ist, kann aber seine Ex-Frau nicht von seinem Glauben überzeugen, klingt die ganze Angelegenheit doch zu phantastisch. Aber auch sie bekommt den ungebetenen Parasiten zu Gesicht.

Emily (Natasha Calis) wirkt irgendwann nicht mehr wie sie selbst

Emily (Natasha Calis) wirkt irgendwann nicht mehr wie sie selbst

Das gilt auch für die Zuschauerschaft, die das eigentliche Ungetüm zwar nur einmal kurz am Ende des Films auf die Leinwand zu krabbeln sieht, aber bereits in der Eröffnung zu diesem Haunted Box / Besessenheitshorror die übernatürlichen Schauer erleben darf, die von dem offenbar uralten Relikt ausgehen – zumindest befinden sich mal wieder lateinische Inschriften auf dem Deckel eingeritzt. Somit weiß der Zuschauer vor den Neu-Opfern schon darüber Bescheid, welche Grausamkeiten auf das kleine Mädchen zukommen werden, welche Leiden aber auch ihre Familie zu ertragen haben wird. Hier spielt Jeffrey Dean Morgen, Garant für Nicht-Blockbuster-Performances die dennoch – oder gerade deswegen – überzeugen, aber oftmals in Vergessenheit geraten (in „Watchmen“ war er der schnell für Tot erklärte Comedian, in der Fernsehserie „Supernatural“ der ebenfalls schnell verstorbene Vater der Winchester-Brüder). Hier ist er nun ebenfalls ein Vater, der fürsorglichen Art, auch wenn er seine Kinder nur am Wochenende zu Gesicht bekommt. Der jüngste Spross ist gar schon ohne Besessenheit eher merkwürdig für das vermeintlich normale Volk, sie plagt sich mit offenbar unzähligen Allergien herum, bekommt von der Mutter ein striktes Zucker-Verbot, ist darüber hinaus auch noch überzeugte Vegetarierin und möchte sich für das gute Leben von Tieren an ihrer Schule einsetzen, was ihr laut Vater sicherlich nicht viele Freunde einbringen wird. Aber es ist diese Art von Außenseiter-Mädels die sich besonders gerne der Besessenheit hingeben, können sie hierdurch doch aus ihrem wohlbehüteten und frommen Dasein entfliehen und mal so richtig die Sau raus lassen.

„I feel funny. I don’t feel like me“ heißt es dann, als Emily ein wenig zu viel Kontakt mit ihrer neuen Holzbox hatte – ein Plädoyer gegen das Holzspielzeug soll dies allerdings wohl kaum sein, dennoch geschehen fortan merkwürdige Dinge. Das kleine Mädchen stopft massig Essen in sich hinein, später wird man wissen, dass sie inzwischen für zwei Personen essen muss. Keine Anzeichen einer verfrühten Schwangerschaft, sondern erneut die Nebenwirkungen eines Dibbuks. Der Vater bekommt noch eine Gabel in die Hand gestochen, während sich das Haus – ganz frisch und neu erworben – einer immensen Mottenplage ergeben muss. Mit genügend Horrorfilm-Erfahrung wüssten die Protagonisten äußerst schnell, dass ihr etwas mit der kleinen Emily geschieht, was nichts mit der natürlichen Entwicklung zu tun hat. Aber ganz gleich ob der leibliche oder der neue Vater, wie auch die Mutter, sie alle bleiben lange Zeit blind vor den Geschehnissen, nehmen das merkwürdige Verhalten zwar wahr, schieben sich aber eher gegenseitig die Schuld hierfür in die Schuhe als nach außerfamiliären Problematiken Ausschau zu halten.

Clyde (Jeffrey Dean Morgan) bemerkt, dass mit seiner Tochter etwas nicht stimmt

Clyde (Jeffrey Dean Morgan) bemerkt, dass mit seiner Tochter etwas nicht stimmt

Dean Morgans Vaterfigur Clyde erkennt zuerst, dass eine gewisse Obsession seine kleine Tochter an die verfluchte Box bindet. Als Emily nun zugibt, dass sie nicht mit der Box, sondern mit der unsichtbaren Kreatur – weiblicher Form – spricht, die sich in der Box verborgen hält, ist das ein ernstzunehmendes Warnsignal. Nachforschungen bei einem Heiligen – nur diese sind in den Staaten der lateinischen Sprache mächtig – ergeben, dass sich auf der Box schlicht die Inschrift „Bitte nicht öffnen“ befindet. Nun beginnt der Exorzismus-Thrill. Ein jüdischer Rabbi wird hinzu gezogen, kennt dieser sich doch am ehesten mit dem Dibbuk, dem jüdischen Glauben entspringend, aus. Nun gewinnt der Film kein neues Motiv hinzu, spult das übliche Programm ab, bei dem die Familie gemeinsam mit dem Rabbi ihre Tochter packen und ihr den handelsüblichen Filmexorzismus verabreichen. Zuvor steht das blasse, unheimliche Mädchen, welches in ihrer Erscheinung schon arg tot ausschaut, noch vor ihrem Stiefvater, der mit der schlichten Nachfrage, ob es ihr okay ginge, ein ganz unväterliches Gespür beweist, für das er dann auch gleich noch das größte Opfer des Films geben darf.

„The Possession“ lebt sicherlich von der gar nicht so un-unheimlichen Atmosphäre, auch Darsteller Jeffrey Dean Morgan gibt sein Bestes, versucht hier schauspielerisches Talent in eine x-Mal durchgekaute Geschichte einfließen zu lassen. Darüber hinaus bleibt der Film jedoch vorhersehbar, wartet mit wenigen Schockmomenten auf. Kleine Kinder, Exorzismus und das unbekannte Übernatürliche, das sich hier in einer Box versteckt hält, reichen noch lange nicht für diese Geschichte aus, um sie wirklich sehenswert werden zu lassen.

Denis Sasse

The Possession_Hauptplakat

“Possession – Das Dunkle in dir“

Originaltitel: The Possession
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 92 Minuten
Regie: Ole Bornedal
Darsteller: Jeffrey Dean Morgan, Kyra Sedgwick, Natasha Calis, Madison Davenport, Jay Brazeau, Matisyahu, Grant Show

Deutschlandstart: 8. November 2012
Offizielle Homepage: possession.studiocanal.de

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