© Wild Bunch/Central / Ethan Hawke will in „Sinister“ einem sinistren Geheimnis auf die Spur kommen.

Man mag behaupten, dass Regisseur und Drehbuchautor Scott Derrickson einen Streifzug durch die Geschichte des Horrorfilms unternehmen möchte. Mit „Der Exorzismus von Emily Rose“ hat er eine Unterkategorie des Gruselfilms abgearbeitet, die schon den Klassiker „Der Exorzist“ hervorgebracht hat. Nun muss alles schneller gehen, gleich zwei Genres werden in einem Film verpackt, vielleicht hat es auch etwas mit innovativer Amalgam-Filmerei zu tun. In „Sinister“ erzählt Derrickson mit gleich zwei Stilen: dem „Haunted House“-Horror; ein einsames Haus, einst ist hier etwas Schreckliches geschehen, nun muss der Neubewohner unter dem Fluch des Hauses leiden – und dann noch mit der relativ frische „Found Footage“-Horrorvariante, wo Bilder gezeigt werden, möglichst verwackelt, die eine realitätsnahe Atmosphäre vermitteln möchten.

Derrickson kombiniert diese aus Horrorfilmen bekannten Muster, setzt Hauptdarsteller Ethan Hawke in ein verwunschenes Haus, lässt ihn sich Filmaufnahmen ansehen, die das Rätsel nach und nach entschlüsseln sollen. Hawke spielt den Schriftsteller Ellison Oswalt – ein Name der sich laut Co-Drehbuchautor C. Robert Cargill vom Autor Harlan Ellison und Komödiant Patton Oswalt ableiten lässt. Er schreibt Bücher über wahre Verbrechen und ist verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Erfolg. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern zieht es ihn in eine Kleinstadt in Pennsylvania, wo vor Jahren ein Massaker geschah, das bis zum heutigen Tage nicht geklärt wurde. Ihr neues Heim ist ausgerechnet das Haus der Ermordeten, ein wohl kalkulierter Umzug, den der Autor seiner Familie jedoch verschweigt. Seine Frau Tracy (Juliet Rylance) hat die ewigen Umzüge sowieso satt, ihr zwölf Jahre alter Sohn Trevor (Michael D’Addario) wird von Albträumen geplagt und seine kleine Schwester Ashley (Clare Foley) vermisst ihr altes Zuhause. Auf dem Dachboden findet Ellison dann eine Kiste mit alten Super 8-Filmen, die verstörende Szenen enthalten. Je mehr sich der Autor aber mit diesen Aufnahmen beschäftigt, desto mehr beginnt er an seinem Verstand zu zweifeln. Es scheint fast so, als würden übernatürliche Kräfte um sich greifen.

Ethan Hawke als Krimi-Schriftsteller Ellison Oswalt.

Damit wurden alle Zutaten für den herkömmlichen Horrorfilm auf der Leinwand versammelt: Das unheimliche Haus, man fragt sich, warum Familien immer gleich in Schlösser ziehen, die Eigentumswohnung scheint fast ausgestorben. Ein kleines Mädchen, von vornherein in jedem Horrorfilm eine Figur, die den Zuschauern suspekt sein sollte, hinzu kommt ein kleiner Junge mit höchst verstörenden Albträumen, die darauf schließen lassen, dass mit ihm etwas nicht stimmt – vielleicht aber auch nur eine falsche Fährte um von dem Mädchen abzulenken. Ein Polizeichef warnt vor dem Haus, aber Warnungen werden grundsätzlich ignoriert, ansonsten gäbe es keine Filmhandlung; dunkle Räume, ein unheimlicher Dachboden, lange Flure, atmosphärisch wie inhaltlich hält sich „Sinister“ an das Genre, zeigt wenig Innovation. Dann aber wird deutlich, wie wenig hier eigentlich ein Horrorfilm abläuft, viel mehr bekommt man einen Suspense-Thriller zu sehen, sicherlich mit einigen horrenden Bildern, dennoch mehr investigativ als erschreckend.

Die Zuschauer dürfen Ethan Hawke beim Herumsitzen zusehen. In einem gemütlichen Sessel, der Super 8-Film mit brutalen Bildern aus vergangenen Tagen läuft, wirft ein schwarz/weißes Bild an die blanke Leinwand, zeigt Bilder eines Mordes; Menschen an einem Baum hängend, erhängt. Zu diesem Zeitpunkt weiß weder Ellison Oswalt wie dies nur geschehen konnte, noch der Zuschauer. Nur langsam entfaltet sich das gesamte Bild, kulminiert irgendwann in einer Enthüllung, die dann aber auch irgendwie vorhersehbar war. Das soll aber nicht weiter stören, die Durchführung bis zu diesem Moment ist hervorragend, spannend, fesselnd; wieso sollte man sich dann am Ende beklagen? Nicht immer ist der Überraschungseffekt glücklich gewählt, hier ist er zu erahnen, dennoch ein funktionstüchtiges filmisches Vorgehen.

Spielt sie eine größere Rolle als man denkt? Ashley (Clare Foley)

Da sollte man eher auf das Schema der Geschichte schauen, möchte man dem Film etwas ankreiden. Grundsätzlich ist es immer wieder Ethan Hawke vor seiner Filmapparatur, vertieft in diese Bilder. Irgendwann entdeckt er eine ominöse Horrorfigur, die keine größere Rolle einnimmt, außer vielleicht derjenige Dämon zu sein, der für die Gräueltaten die Verantwortung übernehmen sollte. Am Ende allerdings, hat er wenig zu dem Film beizutragen, stiftet allenfalls Verwirrung im Geiste der Hauptfigur. Aus diesem intensiven auf die Bilder starren schreckt Hawke dann ein jedes Mal empor, irgendwo gab es ein Geräusch, einen Schatten, etwas Irritierendes. Er streift angsteingeflößt durch das Haus, mit dem Baseball-Schläger in der Hand will er seine Ängste kompensieren. Es folgt ein Schockmoment, dann ist wieder alles gut. So wird Spannung inszeniert, wenn auch nach vorbestimmten Muster.

„Sinister“ ist solider Grusel, bietet sicherlich den einen oder anderen Moment, in dem sich die Nackenhaare aufstellen. Gerade Ethan Hawke, der ein ambivalentes Spiel zwischen neugieriger Auflösung des Horrors und angsterfüllter Aussicht auf die Erschließung der Zusammenhänge einbringt, trägt einen großen Teil zur Abspaltung des Films von anderen Genre-Vertretern bei. Nicht ganz „Haunted House“, auch nicht ganz „Found Footage“, irgendwas dazwischen, was dennoch ganz gut anzusehen ist.

Denis Sasse

“Sinister“

Originaltitel: Sinister
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 114 Minuten
Regie: Scott Derrickson
Darsteller: Ethan Hawke, Juliet Rylance, Fred Dalton Thompson, James Ransone, Michael Hall D’Addario, Clare Foley, Nicholas King

Deutschlandstart: 22. November 2012
Offizielle Homepage: sinister-derfilm.de