Filmkritik

“Step Up: Miami Heat” von Scott Speer

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© Constantin Film Verleih GmbH / In “Step Up: Miami Heat” wird gemeinsam auf der Straße getanzt

Die „Step Up“-Reihe kann inzwischen für das Tanzfilm-Genre als ähnlich bedeutend angesehen werden wie „Saw“ für blutige Horrorstreifen. Die jeweiligen Fangemeinden werden sich wohl kaum auf die Qualität der erzählten Geschichten stützen, sollten sich von ihrer Begeisterung für diese Sparten sprechen. Was bei „Saw“ das blutige Bild der Kunst darstellt, wird in „Step Up“ in umfangreich choreographierten Tanzeinlagen zelebriert. 2006 beförderte der erste Teil Channing Tatum in die Köpfe Hollywoods, die beiden Fortsetzungen „Step Up 2 The Streets“ (2008) und „Step Up 3D“ (2010) etablierten Jon M. Chu als Regisseur. Nun sind erneut zwei Jahre vergangen und mit „Step Up: Miami Heat“ sollen neue Gesichter das Franchise übernehmen: Auf dem Regiestuhl hat Scott Speer Platz genommen, seines Zeichen der Lebensgefährte von „High School Musical“-Darstellerin Ashley Tisdale. Seine „Step Up“-Hauptdarstellerin ist Kathryn McCormick, drittplatzierte bei „So You Think You Can Dance?“, der US-Originalversion zu „Let’s Dance“.

Drittplatzierte zu sein reicht McCormick allerdings nicht und sie darf beruhigt davon überzeugt sein, dass sie auch wirklich tanzen kann. Sie spielt die frisch nach Miami gezogene Emily, die ihren Traum von einer professionellen Tanzkarriere verwirklichen möchte. Und kaum in der sonnigen Strandmetropole angekommen, verliebt sie sich Hals über Kopf in Sean (Ryan Guzman), dem Anführer einer Tanzgruppe, die unter dem Namen „The Mob“ aufwändig inszenierte Flashmobs veranstaltet. Aber Emilys Vater, ein reicher Geschäftsmann, droht das Viertel, aus dem die Mitglieder von „The Mob“ stammen, dem Erdboden gleich zu machen, um eine Luxussanierung durchzuführen und das Stadtbild somit zu verschönern. Fortan nutzen „The Mob“ ihre Tanzkünste als Protest gegen den skrupellosen Geschäftemacher.

Kathryn McCormick als Emily mit ihrem Vater (Peter Gallagher)

Damit macht sich „Step Up 4“ ein gar nicht so uninteressantes Motiv zu Eigen, welches leider in der Durchführung viel zu kurz kommt, ausgebaut hätte werden können um noch viel mehr auf die hier aufkeimende Rivalität zwischen Kunst und Wirtschaft hinzudeuten. Ist Kunst nun wirklich die Selbstentfaltung des Individuums und darf diese in der Öffentlichkeit praktiziert werden? Oder ist es ein Ärgernis, eine Störung der menschlichen Privatsphäre, die von jedweder gesellschaftlichen Bereicherung befreit ist? Die halbnackten Körper der Sonnenstadt Miami jedenfalls haben keine Skrupel davor ihre Performances als Kunst zu definieren und setzen dabei die modernen Wege ein um die Gesellschaft an ihrer neuen Form des künstlerischen Schaffens ganz für umsonst teilhaben zu lassen. Als Flashmobs organisiert, tanzt man auf der Straße, im Museum und im Restaurant – auch ein Bürogebäude darf als Tanzparkett herhalten – und lässt sich im Internet auf Videoplattformen feiern. Vielleicht ist es auch gerade deshalb ein Ärgernis für die vom Geld regierte Wirtschaftswelt. Hier gibt es Konsum für lau, keine Zahlungen von Nöten, das Internet und die böse, kostenfreie Kunst vermiesen das Weltbild der Geschäftemacher.

Dann aber weichen diese Züge des Films auch schon wieder der Vordergründigen Liebesgeschichte zwischen dem armen Rebellen aus dem verrotteten Viertel der Stadt und dem angestrengt für ihre Karriere arbeitendem Prinzesschen, die eigentlich nur dem Willen ihres Vaters folgt und sich im Verlauf der Handlung von dem patriarchalen Erziehungsstil emanzipieren muss. Da kommt eine Tanzgruppe wie „The Mob“ natürlich gelegen. Fernab von ihren ebenso prinzessinnenhaften Ballett-Castings, kann sie sich hier dem durchgestylten Tanz der Straße hingeben. Dabei wirken die Chorographien von Jamal Sims, Christopher Scott und Chuck Maldonado auch für nicht Tanz-begeisterte durchaus ansprechend, wenn die Jugendlichen auf einer Straße durch geparkte Autoreihen hüpfen oder als lebende Statuen während einer Ausstellung zum Leben erwachen. Das Finale findet auf einer Großbaute von Containern statt, wo auf, um, in und zwischen den hünenhaft aufgestapelten Kästen getanzt wird, um die versammelte Geschäftswelt der Stadt von der Relevanz und Kraft der Kunst zu überzeugen.

“The Mob” als Polizeikolonne verkleidet

Hieß es also in vorherigen Teilen oftmals noch Tanzcrew versus Tanzcrew, ein Battle der Styles und der Moves, geht es nun um den Zusammenhalt untereinander. Hier treffen nicht tänzerisch talentierte Menschen aufeinander, sondern stellen sich miteinander der Welt, die ihnen skeptisch gegenüber steht. Mit Ballett, Jazz und Hip Hop wird für eine Sache gekämpft, bei der es nicht um den Wettbewerb geht, sondern darum, von den Menschen dort draußen gehört zu werden. Das sich die freiheitsliebende „The Mob“-Gruppe am Ende für einen Werbevertrag an Nike verkauft, wirkt da merkwürdig deplatziert und bestätigt dann doch irgendwie, dass Geld die Welt regiert. Oder hat Nike etwa tatsächlich gehofft, sich mit diesem Schritt ein Image als Unterstützer der Kunst zu erschleichen?

„Step Up: Miami Heat“ bietet Versatzstücke einer gelungenen Gesellschaftskritik, die der Film aber selbst wieder kaputt macht. Zudem traut man dem Publikum keine tiefere Bedeutungsebene zu, sondern erzählt dann doch lieber wieder von dem kleinen Mädchen, das eigentlich ganz andere Träume hat, ihren Prinzen findet und errettet wird. Tanzfreudige Menschen kommen immerhin in den Genuss einiger einfallsreicher Choreographien, die übrigen Zuschauer werden ähnlich starke Nerven wie bei „Saw“ beweisen müssen.

Denis Sasse

“Step Up: Miami Heat“

Originaltitel: Step Up 4: Revolution
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 99 Minuten
Regie: Scott Speer
Darsteller: Kathryn McCormick, Ryan Guzman, Cleopatra Coleman, Misha Gabriel Hamilton, Stephen Boss, Nicole Dabeau, Peter Gallagher

Deutschlandstart: 30. August 2012
Offizielle Homepage: stepup4.de

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