Wir sind Blätter, jeder ein einzelnes Individuum, aber durch den großen Baum miteinander verbunden. Niemand ist allein, „nicht mal der da“. Ein Fingerzeig auf Leafman Nod. Ein wenig erinnert er an Flynn Rider, den draufgängerischen Dieb aus Disneys „Rapunzel“, nur eben gekleidet in einer grünen Blätterrüstung. Die wird er ablegen. Genervt von den Tätigkeiten als Leafman, verlässt Nod die Schutzeinheit des Waldes, lässt zugleich seinen Ausbilder Ronin zurück, den kurzhaarigen Anführer der Leafman, dem niemals ein Lächeln über die Lippen kommt. Eigentlich verbindet diese beiden Männer eine Freundschaft. Aber diese Verbundenheit möchte sich keiner der beiden eingestehen. Solche Erkenntnisse müssen eben erst einmal durch ein – in diesem Fall – episches Abenteuer zu Tage gefördert werden. „Epic“ heißt der von den Blue Sky Studios („Ice Age“, „Robots“, „Horton hört ein Hu!“, „Rio“) produzierte Animationsfilm, der auf Willam Joyces Kinderbuch „The Leaf Men and the Brave Good Bugs“ basiert. So episch geht es in dem Film von Chris Wedge dann aber gar nicht zu, denn die Geschichte spielt sich im ganz Kleinen ab: Eine Mischung aus Borger und Alice im Wunderland.

Alice heißt hier Mary Katherine, zumindest für ihren entfremdeten Vater, denn der Rest der Welt nennt die inzwischen gar nicht mehr so kleine Dame schlicht MK. Ihr Vater lebt nur mit seinem kleinen dreibeinigen Hund in einem verwahrlosten Haus und verbringt seine Zeit mit Studien über eine Gruppe von winzig kleinen Menschen, die den naheliegenden Wald behüten. MK kommt frisch aus der großen Stadt um mit ihrem Vater zu leben, hält es aber nicht lange aus, glaubt keine seiner merkwürdigen Geschichten über dieses Volk der Leafmen. Doch als sie selbst den Wald betritt, fällt ihr die Königin der Leafmen in die Hände und plötzlich findet sich MK geschrumpft inmitten der Fantasiegestalten ihres Vaters wieder. Diese müssen nicht nur eine neue Königin finden, sondern sich auch gegen die bösen Boggans und ihrem Anführer Mandrake zur Wehr setzen, die den Wald zunehmend mit ihrer Fäule überdecken.

MK mit ihrem Vater.
MK mit ihrem Vater.

Aber gemeinschaftlich kann man sich natürlich gegen das Böse durchsetzen. Freundschaft und Familie werden hier zu Beginn noch in Frage gestellt, nur um dann in Richtung Happy End an allen Enden zusammen geschweißt zu werden. In erster Linie ist es die Beziehung zwischen Mary Katherine, im englischsprachigen Original von Amanda Seyfried gesprochen, in Deutschland von „Türkisch für Anfänger“-Darstellerin Josefine Preuß, und ihrem Vater. Zu Beginn noch zwei kaum miteinander harmonierende Menschen, familiäre Verhältnisse in weiter Ferne, zum Ende Vater und Tochter, die sich aufeinander verlassen können und einander helfen. Gerade dieses Motiv zieht sich durch „Epic“, findet sich in zwei Schnecken (Oliver Welke & Oliver Kalkofe) wieder, die eine schleimische Freundschaft zueinander führen, in den Leafmen Nod und Ronin, die sich zusammen raufen müssen um gegen das Böse angehen zu können, aber auch in eben diesem Bösen selbst: Mandrake und seinem Sohn Dagda, dessen Verlust auf das Konto der Leafmen geht, weswegen selbst das rachsüchtige Handeln des Boggans-Anführers nicht ganz willkürlich erscheint. Sie alle erfüllen das Motto des Films, ganz gleich ob gut oder böse. Niemand von ihnen ist allein, alle haben Freunde oder Familie, auch wenn sie nicht immer daran glauben.

Hinzu gesellen sich hübsche Bilder im Wald, bevölkert von facettenreichen Geschöpfen. Alles was das Herz des Stadtkindes höher schlagen lässt, alles was man mal gesehen haben sollte. Pusteblumen bekommen Gesichter – Sträucher, Büsche, Stöcke und Pilze, sie alle werden von den Blue Sky Studios zum Leben erweckt. Dahinter verbergen sich natürlich die Verniedlichung des Waldes und eine Moral, die schon „Der Lorax“ mit sich brachte, als er der Natur huldigte, die Zerstörwut des Menschen dagegen verteufelte. Die Natur soll aufleben. Tut sie dann auch. In imposanten Bildern, wie dem Libellen-Luftschiff der Königin des Waldes, die in einer Blattkonstruktion – von zahlreichen Libellen getragen und den Leafmen auf ihren Vogelpferden begleitet – beeindruckend durch die Lüfte getragen wird. Es wird aber auch mit der Friedfertigkeit des Waldes gespielt: Eine Maus wird hier zum mordenden Nagetier, ein Maulwurf sorgt ebenso für Angst und Terror. Der Wald wird aus einer anderen Perspektive gezeigt. Wie wäre es, wenn man ganz klein wäre, noch kleiner als eben eine Maus. Dann wären die Gefahren ganz woanders versteckt als der normal große Mensch – in „Epic“ auch Stampfer genannt – es vermuten würde.

Mandrake.
Mandrake.

Was man wiederum vermuten kann, ist, dass Christoph Waltz einen hervorragenden Bösewicht abgibt. Wenn auch nicht in Menschengestalt, sondern als finster zwielichtige Alraune. So leiht er dem Anführer der Boggans, Mandrake, in charmanter Weise seine Stimme – sowohl in der US-Originalversion als auch in Deutschland. Ein wenig musste er hierfür seine zynische Wortwahl zurück schrauben, es wäre einem Kinderfilm nicht angemessen oder verständlich genug gewesen, dennoch bleibt er die Verkörperung der um sich greifenden Fäule. Er spricht gehässig, von oben herab, treibt seine Scherze mit Untergebenen und Feinden und präsentiert sich somit in Waltzscher Form von seiner besten Bösewicht-Seite, bei der es Spaß macht zuzusehen, aber ebenso Freude bereitet, wenn dieses Böse bekämpft wird.

Episch ist „Epic“ nicht unbedingt, allenfalls die kämpferischen Aufeinandertreffen der Leafmen und der Boggans halten für die jüngeren Kinogänger ein „Herr der Ringe“-ähnliches Schlachtengetümmel bereit. Den Blue Sky Studios ist jedoch ein hochgradig unterhaltsamer Film gelungen, der den arg albernden letzten Teil der „Ice Age“-Reihe wieder vergessen macht. Hier wird das Wohl der Natur gepredigt, ein Abenteuer gelebt und damit ein sehenswerter Spaß auf die Leinwände gebracht.

 


Epic_Hauptplakat

“Epic – Verborgenes Königreich“

Originaltitel: Epic
Altersfreigabe: noch nicht bekannt
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 102 Minuten
Regie: Chris Wedge
Deutsche Stimmen: Josefine Preuß, Raúl Richter, Oliver Welke, Oliver Kalkofe, Reiner Schöne

Deutschlandstart: 16. Mai 2013
Im Netz: epic-derfilm.de