Filmkritik

“Ender’s Game” von Gavin Hood

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Ender und Petra beim Kampftraining in Schwerelosigkeit.

Ender und Petra beim Kampftraining in Schwerelosigkeit.

Möchte man sich wirklich mit einem Harrison Ford anlegen? Dieser Mann mit dem durchdringenden Blick, diesem Muffel, der keinen Spaß zu verstehen scheint? Als Indiana Jones und Han Solo ist er sein eigener Herr, muss auf niemanden hören, außer vielleicht auf ‘James Bond’ Sean Connery, den er in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug als seinen Vater anerkennen und respektieren muss. Aber selbst hier herrscht reichlich Konfliktpotential. Konflikten mögen Fords dargestellte Charaktere nur selten aus dem Weg gehen. Als Han Solo bekämpft er das galaktische Imperium, liefert sich aber auch ebenso kleingiftige Streits mit Prinzessin Leia. Für Regisseur Gavin Hood (Tsotsi) kehrt Ford nun nicht nur in die Weiten des Weltalls zurück, sondern legt auch sein Brummbär-Gesicht einmal mehr auf. Bei vielen anderen Schauspielern mag so etwas für abschreckende Abwehr sorgen, bei Ford steckt diese Mimik voller liebgewonnener Filmerinnerungen. Und ebenso amüsant wie seine frühen Wortgefechte mit Chewbacca (Star Wars) sieht er sich nun einem Gegner gegenüber, der ihm überlegen ist: Asa Butterfield, kleiner Junge, Jahrgang 1997, er war Martin Scorseses Hugo Cabret.

Nun ist er Ender Wiggin, ein vorlauter Knirps, den man nicht unterschätzen sollte. Er hat ein gehöriges Problem mit Offiziersgraden, wirkt rechthaberisch, ist es oftmals aber auch. Genau das sorgt in Ender’s Game für wunderbar herrliche Aufeinandertreffen zwischen Harrison Ford und Asa Butterfield. Denn Fords Colonel Hyrum Graff ist für die Ausbildung Enders verantwortlich, dessen Geschichte dem gleichnamigen 1985er Roman des amerikanischen Autors Orson Scott Card entnommen ist. Sowohl die Vorlage als auch der Film können als Science-Fiction, angesiedelt im militärischen Metier angesehen werden. Die Menschheit hat einen vernichtenden Krieg gegen insektenartige Wesen hinter sich, ist aber stets auf der Hut vor einem erneuten Angriff der außerirdischen Feinde. Zu diesem Zweck werden Kinder bereits in sehr jungen Jahren durch eine harte Ausbildung geschickt, um die taktischen Genies unter ihnen zu selektieren und sie auf einen möglichen Krieg vorzubereiten.

Colonel Graff braucht Ender für den Krieg gegen die Außerirdischen.

Colonel Graff braucht Ender für den Krieg gegen die Außerirdischen.

Schon in Hugo Cabret wusste Butterfield mit der Rolle des weltfremden Einzelgängers umzugehen. Lediglich zwei Personen waren es, zu denen er einen guten Kontakt aufzubauen schien: Chloë Grace Moretz‘ Isabelle sowie der Filmemacher-Legende Georges Méliès, gespielt von Ben Kingsley. Letztgenannter ist dieses Mal erneut eine starke Schulter. Kingsley mimt den Kriegshelden Mazer Rackham, dessen Taten nicht nur zum Sieg über die Insektenaliens führten, sondern ihm auch die spätere Bewunderung zahlreicher Kadetten der Militärschule einbrachte, die Tag ein, Tag aus, das Video seiner Heldentat einstudieren müssen. Frau Moretz wird derweil durch eine nicht minder starke Hailee Steinfeld ersetzt, die in dem Western-Remake True Grit mit Brummbär Jeff Bridges dasselbe Spiel spielte, wie nun Butterfield mit Harrison Ford. Gavin Hood hat sich um eine wahre Schar von bemerkenswerten Jungdarstellern bemüht, zu denen sich auch noch Abigail Breslin, die einstige Little Miss Sunshine, gesellt und die gemeinsam zeigen, dass Hollywood keine Angst um seine Zukunft haben muss.

Außer vielleicht wenn es darum geht, neue Bilder auf die Leinwand zu bringen. Denn unweigerlich muss man gleich an mehrere andere Filmgeschichten denken, wenn man Ender’s Game durchlebt. Wo Hoods Sci-Fi startet, mit Rackhams heldenhaften Flug direkt in das Mutterschiff der Aliens, kerzengerade hinein, gefolgt von einer gigantischen Explosion, die dafür sorgt, dass die herumschwirrenden Alienraumgleiter erstarren und zu Boden stürzen, läuft unweigerlich noch einmal das Finale von Independence Day vor dem inneren Auge ab, bei dem Randy Quaid ebendiese Taktik verwendete um ebenfalls die Invasion abzuwehren. Die Militärschule mit dem Training im schwerelosen Raum – beeindruckend inszeniert – mit den Rangeleien unter den Schülern, mit Gruppen wie den Salamandern und den Drachen, erinnert dann wieder an Harry Potters Zauberschule Hogwarts. In Ender’s Game so militärisch angehaucht wie in Joanne K. Rowlings Welt mit Magie umgegangen wird.

Petra ist eine gute Unterstützung für Ender.

Petra ist eine gute Unterstützung für Ender.

Wo Harry Potter die Nähe zum modernen Märchen sucht, vollführt Ender’s Game die Gesellschaftskritik, die immer im Umfeld eines Science-Fiction-Werks zu finden ist. Nicht nur soll Ender den schmalen Grat zwischen Emotionalität und Aggressivität selbst ausfindig machen – und muss sich dramaturgisch natürlich erst einmal ordentlich verlaufen – auch muss er sich mit der Unterscheidung von Simulation und Realität konfrontieren lassen. Sowohl Ender als auch alle seine Mitstreiter werden in Simulationen auf die Realität vorbereitet. Ender bricht allerdings immer dann zusammen, wenn er in der Realität die Auswirkungen seines simulierten Trainings erfahren muss. Dass eine Militärthematik dabei immer ganz dicht an den Auswirkungen der Computerspiel-Shooter entlang streift, dürfte hier klar ersichtlich gegeben sein. Mit einer im Film befindlichen Gedanken-Computerspielebene wird gar mehr oder weniger Bezug auf diese Begebenheit genommen, auch wenn solcherlei Szenarien in Ender’s Game viel mehr dazu beitragen sollen, Simulation und Realität verschwimmen zu lassen.

Mal die ganzen magischen Hogwarts Zauberparallelen außen vor gelassen, die immer wiederkehrenden Bilder aus Independence Day ebenso, ist Ender’s Game bestes Sci-Fi Kino, ernst und gutgemacht, wie es kaum eine andere, mit Teenies bevölkerte Buchverfilmung der Post-Potter/Twilight Jahre zustande bekommen hat. Besonders schön ist es, wenn die Chemie zwischen zwei Darstellern so stimmt wie bei Ford und Butterfield, aber auch wenn Beziehungen wie zwischen Ender und Steinfelds Petra nicht zur Liebesromanze ausgeschlachtet werden. Untermalt mit Musik von Steve Jablonsky, der schon den mittelmäßigen Michael Bay Transformers-Filmen einen gelungenen Soundtrack bescherte, hat sich nach Elysium und Gravity mit Ender’s Game ein weiterer erwähnenswerter Sci-Fi Film des Jahres 2013 enthüllt.

 


Ender's Game_Filmposter

“Ender’s Game – Das große Spiel“

Originaltitel: Ender’s Game
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 114 Minuten
Regie: Gavin Hood
Darsteller: Asa Butterfield, Harrison Ford, Hailee Steinfeld, Abigail Breslin, Ben Kingsley, Viola Davis, Aramis Knight, Suraj Partha

Kinostart: 24.Oktober 2013
Im Netz: enders-game-film.de


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