© Paramount Pictures Germany GmbH / Nilpferddame Gloria, Löwe Alex, Giraffe Melman und Zebra Marty (v.l.n.r.) im dritten “Madagascar”-Film per Wanderzirkus unterwegs.

Mit seinem Filmtitel hat „Madagascar“ nicht mehr allzu viel zu tun. Die vier New Yorker Zoobewohner – Löwe Alex, Giraffe Melman, Zebra Marty und Nilpferddame Gloria – sind in Afrika gestrandet, wollen im dritten Teil der 2005 von DreamWorks Animation gestarteten Reihe nun zurück in ihre Heimat, aus der großen wilden Welt, die fernab der ihnen bekannten Zivilisation liegt und wo sie nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen noch durch zahlreiche Besucher im Zoo zu Teil wurde. Dabei führt sie ihre „Flucht durch Europa“ nach Monte Carlo, Rom und London, einzig eine Endeinstellung, in der erneut einige Kisten nach Madagascar geschifft werden, stellt noch einen Namenszusammenhang dar. Aber darum geht es auch schon lange nicht mehr. Es geht um das Suchen und Finden eines Zuhauses, sei es für die vier Tiere mit ihren zahlreichen Begleitern nun im Zoo, in der Wildnis oder wie in dieser Episode im Zirkus. Irgendwo dort draußen gibt es einen Ort, an dem sich ein jeder Zuhause fühlen darf. Und genau dort wollen Alex, Marty, Gloria und Melman nun endlich wieder hin.

Dabei können sie natürlich nicht auf die Mithilfe von Julien, dem König der Lemuren verzichten, der sich dieses Mal in eine ausgewachsene Zirkusbärendame verliebt. Und auch die vier Pinguine Skipper, Private, Kowalski und Rico, anfangs noch in einem Casino in Monte Carlo gestrandet, gesellen sich zu dem Trupp der heimreisenden Tierkolonne. Allerdings bekommen sie dieses Mal einen menschlichen Gegenspieler serviert. In Form der skrupellosen Tierfängerin Capitaine Chantal DuBois setzt diese es sich zum Ziel, den Kopf von Alex an ihrer Trophäenwand hängen zu sehen. Hierfür nimmt sie die Verfolgung sogar über ihren Zuständigkeitsbereich hinaus auf. Rein zufällig treffen die Flüchtlinge auf einen Wanderzirkus mit dem sie unerkannt die Reise bis hin nach New York antreten können, zeitgleich aber auch dem russischen Tiger Vitaly beweisen müssen, dass sie wahre Zirkustiere sind.

Capitaine Chantal DuBois

Und bei dieser rasanten Flucht wird es ab und an sogar etwas zu bunt. Neben den vier Hauptprotagonisten – und es darf gesagt werden, dass neben Alex alle weiteren Figuren zu Nebencharakteren verkommen, die keine größere Story zugesprochen bekommen – erleben wir das wirre Treiben einer Affenbande, die Eskapaden der Pinguin-Gang, die Liebesgeschichte um den Lemuren-König, die Verfolgung von Capitaine DuBois und die Einführung der neu gefundenen Zirkusfreunde. Hier bleibt durch die Vielzahl an Figuren kaum die Gelegenheit eine durchgängig nachvollziehbare Geschichte zu erzählen. Somit stützt sich „Madagascar 3“ auf die Flucht und das Aufeinandertreffen mit dem Zirkus, mal wird davongerannt und dann dürfen im Zirkuszelt wieder Kunststücke einstudiert werden. Wo „Ice Age“ mit Scrat eine kleine, fast schon Kult verdächtige Nebenfigur erschaffen hat und auch in „Ich – Einfach unverbesserlich“ die kleinen Minions die heimlichen Showstealer waren, wird hier gänzlich übertrieben, die Nebenerzählungen mit lustigen Charakteren zu ausschweifend in Szene gesetzt, als das er überzeugen könnte.

Der Film hätte viel mehr mit den Hauptprotagonisten spielen können, die zu Beginn noch stark in Erscheinung treten. Alptraumhaft erfährt Löwe Alex die Angst davor, in Afrika festzusitzen und dort unendlich alt zu werden. Da hilft ihm auch nicht das Geburtstagsgeschenk seiner Freunde, die eine exakte Schlamm-Nachbildung New Yorks mitsamt dem heimischen Zoo für ihn erstellt haben. Dies schürt nur seine Sehnsucht nach der Heimat, nach seinem Zuhause, wo aber auch seine Mitstreiter gerne wieder hinfinden würden. Diese Heimatsuche fällt im Verlauf der Handlung gerne dem Stillschweigen zum Opfer, kommt nur stellenweise hervor, ebenso wie ein kleines Geplänkel über die Führerrolle innerhalb der Gruppe – ausgeführt zwischen Alex und Marty – oder die Liebesbeziehung von Gloria und Melman, die ebenso willkürlich eingebettet wird, wie die übrigen Problematiken. Für solche tiefschürfenden Motive bleibt hier kein Platz, wenn Verfolgungsjagten im Auto oder in der Luft vollführt werden.

Julien (unten rechts) mit den neuen Zirkusfreunden

Zur Unterstützung dieser Rasanz ist es dann auch durchaus möglich, dass die Pinguine einen eigenen Nuklear-ähnlichen Antriebsmotor entwickelt haben, ebenso wie Marty dem Autofahren mächtig geworden sind oder Affen, die einen Flugschiff ähnlichen Ballon steuern können. Wenn Marty später zum Zebra in der Kanone wird, das sich für eine Zirkusattraktion durch die Lüfte schießen lässt – ein Seehund wird ihm folgen – Melman und Gloria einen Tanzakt auf dem Trapez vollführen oder die Tiere gar selbst den Zirkus mit allen Finanzangelegenheiten führen, merkt man als Zuschauer schnell, dass es bei „Madagascar 3“ noch überspitzter und vermenschlichter zugeht, als noch in den vorangestellten Teilen. Ganz gleich ob durch Bewegungsabläufe, Taten und Handlungen, die Glaubhaftigkeit, dass hier Tiere agieren, nimmt immer mehr ab, zwar ein immer wiederkehrendes Bild im Animationsfilm, was natürlich auch nicht verboten werden sollte, aber hier verlieren die Tiere jedoch gänzlich ihre animalischen Züge. Würde man die Figuren mit Menschen ersetzen, es wäre kein Unterschied mehr zu erkennen. Dem entgegen setzt der Film allerdings seine menschliche Tierfängerin, die sich wie ein Spürhund an die Fersen ihrer Beute setzt, wie ein Nashorn durch Wände hämmert und wie ein Krokodil aus dem Wasser lugt.

So sehr man bis zum Ende hin die oberflächliche Handlung auch kritisieren kann, wenn Zoo- und Zirkusbelegschaft dann gemeinsam eine knallbunte Show hervorzaubern und zu der Musik von Katy Perry das Zirkuszelt zum finalen Showdown treiben, fühlt man sich doch wieder bestens unterhalten. Wenn hier auf einmal die Figuren aus Zoo und Zirkus glaubhaft zusammen gewachsen sind, spielt die den vorherigen Teilen nachstehende Handlung gar keine so große Rolle mehr. Hinzu gesellt sich ein finaler Gedanke, der konsequent durch die ersten beiden Abenteuer aufgebaut wurde, wenn Alex, Marty, Melman und Gloria auf einmal wieder vor ihrem Zoo stehen, die Gitter vor Augen, die Wände zwischen ihnen, dann beginnen auch sie noch einmal zu philosophieren, wie sie aus der großen Welt nun wieder in dieses kleine Gehege passen sollen?

„Madagascar 3“ ist kein schlechter Film, aber ein Film dem es an Herz fehlt. So wie dem Tiger Vitaly hier die Leidenschaft für seine Zirkusnummer abhanden gekommen ist, scheint auch den Machern dieser DreamWorks Animation Produktion der Wille abhanden gekommen zu sein, eine liebevoll konstruierte Story zu entfachen. Stattdessen setzt man in diesem Teil auf pure Schnelligkeit, sei es mit Verfolgungsjagten oder durch das schnell abgespulte Programm einer Handlung, die niemals ihr ganzes Potential entfaltet. Und die große Flucht durch Europa bleibt ein drei-Städte-Stopp, der nicht einmal mit gängigen Klischees versucht, die Figuren in landestypische Witze einzubetten. So dienen Monte Carlo, Rom und London lediglich als Kulisse für überall einsetzbare Scherze, auf denen zwar immer noch „Madagascar“ draufsteht, aber kein „Madagascar“ mehr drin ist.

Denis Sasse

“Madagascar 3 – Flucht durch Europa“

Originaltitel: Madagascar 3 – Europe’s Most Wanted
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 94 Minuten
Regie: Eric Darnell, Tom McGrath, Conrad Vernon
englischsprachige Originalsynchro: Ben Stiller (Alex), Chris Rock (Marty), David Schwimmer (Melman), Jada Pinkett-Smith (Gloria), Sacha Baron Cohen (Julien), Cedric the Entertainer (Maurice), Frances McDormand (Chantel DuBois), Jessica Chastain (Gia), Bryan Cranston (Vitaly), Martin Short (Stefano)

Deutschlandstart: 2. Oktober 2012
Offizielle Homepage: Madagascar-film.de