© STUDIOCANAL GmbH Filmverleih / Patrick (Tom Felton, Mitte), Lydia (Julianna Guill) und Greg (Luke Pasqalino) beginnen ein verhängnisvolles Experiment.
© STUDIOCANAL GmbH Filmverleih / Patrick (Tom Felton, mitte), Lydia (Julianna Guill, rechts) und Greg (Luke Pasqalino, links) beginnen ein verhängnisvolles Experiment.

Beruhend auf „wahren Begebenheiten“ heißt es immer wieder, nicht nur in den sogenannten Biopics, in denen die Leben verschiedenster berühmter Personen – zumeist der Weltgeschichte entsprungen – im Mittelpunkt stehen, sondern auch im Horrorfilm. Hier ist das dann meist nur eine kleine Spielerei, die mal durchaus gut funktionieren mag („The Blair Witch Project“), oftmals aber nicht darüber hinweg täuscht, dass es sich um bloße Phantastik handelt. Die Effektivität eines Schriftzuges, der besagt, dass die nun folgenden Szenen dem realen Leben entstammen, ist daher heutzutage kaum noch ernst zu nehmen, so sehr ist dieses Stilmittel nun verbraucht. Das schreckt aber Spielfilm-Regiedebütant Todd Lincoln nicht davon ab, „Apparition – Dunkle Erscheinungen“ ebenfalls mit diesem Mittel zu unterlegen. In den ersten Minuten zeigt er eine Gruppe von Parapsychologen, gefundenes Videomaterial, welches auf das „wahre“ Charles Experiment hinweisen soll, welches angeblich am 21. Mai 1973 stattgefunden hat.

Diese Bilder dienen Todd Lincoln nur dazu, die übernatürlichen Kräfte einzuführen, die sich in „Apparition“ am Kinozuschauer und den beiden Hauptdarstellern Ashley Greene und Sebastian Stan vergehen möchten. Greene, bisher als hellsehende Alice Cullen in den „Twilight“-Verfilmungen bekannt, spielt hier die junge Kelly, die mit ihrem Freund Ben (Stan) in das Haus ihrer Mutter einzieht. Es dauert gar nicht lange, bis die beiden von merkwürdigen Zwischenfällen geplagt werden. Schon bald stellt Ben fest, dass es sich nicht um Zufälle, sondern um eine geisterhafte Erscheinung handelt, die sich in diesem Haus herumtreibt. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an Patrick (Tom Felton), ein Experte auf dem Gebiet der übernatürlichen Phänomene. Aber auch er scheint machtlos gegen den Geist, der offenbar durch ein fehlgeschlagenes College-Experiment in die Welt gelangt ist.

Kelly (Ashley Greene) und Ben (Sebastian Stan)
Kelly (Ashley Greene) und Ben (Sebastian Stan)

Hauptdarstellerin Ashley Greene in allen Ehren, aber an ihre Rolle aus den Stephenie Meyer Vampir/Werwolf-Romanen kommt sie hier nicht heran, was schon eine erhebliche Aussage dem Film gegenüber ist. Sie spielt ein zu Fleisch gewordenes Klischee, das hübsche Mädchen mit mehr als genügend Oberweite, einem eher schluderig aussehenden Freund, mit dem sie voller Inbrunst das „Street Fighter“-Videospiel zockt und Bier trinkt – eine wahre Traumfrau. Die Alptraumfrau ist dann aber in „Apparition“ auch enthalten: Dieses kleine, bleiche Mädchen, das schon durch so viele Horrorfilme – von „The Ring“ bis zu „The Grudge“ – hindurchgekrochen ist. Mit ihren langen schwarzen Haaren vollführt sie unmenschliche Verrenkungen, so auch hier, wenn auch nur einmal kurz in der Ecke einer Abstellkammer zu sehen.

Mal abgesehen von dieser Klischee-Vorstellung, hat sich Todd Lincoln aber einige visuelle Hingucker einfallen lassen, die für die Horrormomente des Films durchaus vorteilhaft daherkommen. Erst ist es nur ein kleiner, binnen weniger Stunden verwelkter Kaktus, der die Aufmerksamkeit der beiden Haus-Neubewohner erregt, dann ist es ein bröckelndes Gesteinsgeschwür in einer Zimmerecke, das etwas merkwürdig anmutet. Dann findet sich Ben auf einmal außerhalb eines Körpers wieder, schaut von oben auf sich selbst – schlafend – herab, kann am Rande beobachten, wie sich der Geist unter die Bettdecke seiner Freundin schleicht und diese langsam zuschnürt, ihr die Luft entzieht. Ben versucht sich zum aufwachen zu zwingen, muss hier hilflos zusehen, wie Kelly zu ersticken droht. Hier entfaltet Todd Lincoln eine Intensität des Horrors, die nicht etwa aus dem nicht Sichtbaren entsteht, sondern durchaus aus dem zu sehenden Grauen, aber der machtlosen Unbeweglichkeit, dem Unvermögen zu Hilfe zu eilen.

Ashley Greene
Ashley Greene

Mit einer ähnlich bildlichen Stärke manifestieren sich zum Ende surreale Räume des Horrors. Ein Blick zur Seite und wieder zurück, ein Augenzwinkern genügt, damit sich die Umgebung verwandelt. Dann ähnelt das Zimmer auf einmal einem schief gemalten Gemälde, ist nur noch ein abstraktes Gebilde. Die Möbel hängen zweigeteilt in Wänden und Treppengeländern, sie ragen schräg aus der Erde hervor. Das Mobiliar hängt invertiert an den Wänden, das Monstrum entfaltet seine ganze Kraft durch diese räumliche Neudekorierung. Die surrealen Bilder kommen nur leider viel zu spät zum Einsatz. Die starke Wirkung des Films entfaltet sich erst am Ende, ein langer trockener Einstieg steht der angestrebten Originalität im Wege. Hieran schwächelt „Apparition“. Der Film sucht irgendwo zwischen Horrorfilm-Klischees, zwischen typischen Schock-Momenten und hübsch erdachten Bildszenarien seine eigene Identität, schafft es aber nicht ein durchgängiges Muster zu etablieren, mit dem man die Zuschauer an den Film binden könnte.

Denis Sasse

Apparition_Hauptplakat

“Apparition – Dunkle Erscheinung“

Originaltitel: The Apparition
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA, 2012
Länge: ca. 82 Minuten
Regie: Todd Lincoln
Darsteller: Ashley Greene, Sebastian Stan, Tom Felton, Julianna Guill, Luke Pasqualino, Rick Gomez, Anna Clark

Deutschlandstart: 13. Dezember 2012
Offizielle Homepage: apparition.studiocanal.de