Filmkritik

“Miss Bala” von Gerardo Naranjo

0

Auf jedem noch so beschaulich anmutenden Fleckchen Erde dieser Welt wird heutzutage nach Schönheiten gesucht. Bevor mit Formaten wie „Germanys Next Topmodel“ samt weltweiten Variationen diese Suche auf die Fernsehbildschirme verlagert wurde, fanden – und finden immer noch – regelmäßige Schönheitswettbewerbe statt, die schon zahlreiche „schönste“ Gesichter der Welt hervorbrachten. Im kleinen Rahmen muss es nicht immer gleich der Titel der Miss World sein, der begeistert, sondern ebenso ansehnlich sind zumeist die weiblichen Geschöpfe diverser Länder und Staaten, die sich eines Schönheitstitels bemächtigen. So auch Laura Zúñiga, die es im Jahre 2008 zur Miss Sinaloa gebracht hat, der Schönheitskönigin eines Bundesstaates im mexikanischen Westen. Aber bei aller äußerlicher Schönheit, kann das Innenleben ganz anders aussehen. So wurde Zúñiga später in Polizeigewahrsam genommen, da sie gemeinsam mit Gangmitgliedern in einem Truck, gut gefüllt mit Waffenmunition entdeckte wurde, weit außerhalb von Guadalajara in Jalisco – Waffenschmuggel, kein Kavaliersdelikt – und ihr mit Drogen dealender Freund trug auch nicht sonderlich zur Entschärfung dieser Situation bei. An diesen Vorfall orientiert sich Regisseur Gerardo Naranjo mit „Miss Bala“. Hier wird Darstellerin Stephanie Sigman in der Rolle der Laura Guerrero zur Miss Baja California, gerät durch Umstände, die nicht in ihren Händen liegen auf die schiefe Bahn.

Zuerst plagt Laura nur die Sehnsucht danach, Schönheitskönigin zu werden. Aber genau diese Sehnsucht wird ihr zum Verhängnis. Sie wird zum Opfer einer Gang, die im Norden Mexikos Angst und Schrecken verbreitet, die Bevölkerung unter Druck setzt und Laura zu ihren Zwecken missbraucht, sie wie eine Marionette für ihre Machenschaften einspannt, sie manipuliert und sie somit in den Sog der mexikanischen Schmugglerschaft zieht. Zwar wird Laura dann tatsächlich zur Schönheitskönigin gekrönt, doch ihre unfreiwillige Verwicklung in den brutalen Krieg erschüttert und verändert sie nachhaltig. Schon bald ist sie mehr Kriminelle als Schönheitskönigin und muss auch mit den entsprechenden Konsequenzen rechnen.

Dabei hatte Laura immerzu nur Gutes im Sinn. In armen Verhältnissen lebt sie mit ihrem Vater und ihrem Bruder in einer Hütte, verkauft Kleidung, nimmt nur an dem Schönheitswettbewerb der Miss Baja teil, um zumindest für den Bruder eine bessere Zukunft zu erhoffen. Sie darf teilnehmen, wird aber noch am selben Abend in einem Nachtclub übermannt, das Kartell beginnt eine wüste Schießerei, Menschen werden getötet, auf einmal nimmt der so gut begonnene Tag eine grausame Wendung. Der Wunsch nach schöner Mode, nach dem Schön-aussehen – Lauras Zimmer ist mit Bildern von Blondinen, darunter Marilyn Monroe, verziert – stirbt. An diesem Punkt, wo sie sich in einem Bad zusammenkauert um den Übergriffen zu entgehen, rückt der Titel der Miss Baja in weite Ferne. Stattdessen erregt sie die Aufmerksamkeit des Kartell-Oberhauptes Lino, der sie nicht nur für seine Zwecke missbraucht, sondern ihr auch den Namen „Miss Bala“ gibt, „Miss Pistolenkugel“. Sie hat den Patronenhagel überlebt, sie darf weiterleben, unter dem ganz speziellen Schutze Linos.

Regisseur Naranjo findet einen geeigneten Weg um auf die Hilflosigkeit hinzudeuten, die sich unter der Bevölkerung auftut. Wie es im Abspann heißt, seien zwischen 2006 und 2011 über 36.000 Menschen im mexikanischen Drogenkrieg ums Leben gekommen. Niemand kann etwas gegen diese Ausschreitungen tun, das zeigt auch „Miss Bala“, wo Polizei und Militär aktiv werden, aber einzelne Helden immer wieder zu Opfern werden, die Rache der Kartelle bleibt niemals aus, sie können sich Schusswechsel auf offener Straße erlauben, ziehen unschuldige Leben mit in ihre Auseinandersetzungen hinein. So auch das Leben von Laura, die sich auf einmal hinter dem Steuer eines Kartellwagens wiederfindet, gefüllt mit Leichen, darf sie diesen vor der US-Botschaft abstellen. Später werden ihr noch Geldbündel um den Körper gewickelt, die sie über die Grenzen schmuggeln muss. Aus diesem Krieg gibt es weder ein Entkommen, noch ist ein Ende in Sicht. Selbst eine Schönheitskönigin kann zum Opfer gemacht, kann als Täter dargestellt werden.

Stephanie Sigman spielt ihre Rolle mit angebrachter Einfachheit, ist das Mädchen vom Lande, arm, verzweifelt und anfangs dennoch gut gelaunt, gerade durch die Teilnahme am Schönheitswettbewerb beflügelt, hofft sie auf eine Lösung aus diesem Leben hinaus. Dann wird sie mit der Brutalität ihres Landes konfrontiert, zugleich auch mit der Realität. Sie wird nicht entkommen, ganz im Gegenteil, sie wird nur noch weiter hinein gezogen. Es ist die Schönheit in einer unschönen Welt, Naranjo zeigt, wer am Ende die Oberhand behalten wird.

„Miss Bala“ muss mit dem gewissen Hintergrundwissen genossen werden, ansonsten könnte man den Film für ein schlichtes Actiondrama halten. Die wahre Kunde, die Zahl der Toten dieses Krieges, wird den Zuschauern erst am Ende bewusst gemacht, spätestens hier darf dann auch vermutet werden, dass eine Geschichte mit wahren Wurzeln erzählt wurde. Dann wird der Film nur umso erschreckender, wenn man sie sich noch einmal vorstellt, die schöne Miss Baja California, wie sie auf einem Laufsteg steht, sich präsentiert und im tiefsten Inneren wahrscheinlich gerne dieselbe Floskel von sich geben würde, wie jede andere Schönheitskönigin auch, wenn sie nach ihrem größten Wunsch gefragt wird: Frieden auf der ganzen Welt. In diesem Moment könnte dieser Wunsch für Miss Bala wahrlich von Nöten sein.

Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Login/Sign up