© Polyband/24 Bilder / Hartes Training in der Shaolin Tagou Schule
© Polyband/24 Bilder / Hartes Training in der Shaolin Tagou Schule

Die neun Jahre junge Xin Chenxi wirkt gar nicht ihrem Alter entsprechend. Sie ist Schülerin an der chinesischen Kampfschule Shaolin Tagou, an der sie dazu ausgebildet wird, irgendwann einmal zu der Kampfelite des Landes zu gehören. Das hat keine martialischen Hintergründe, sondern ist kulturell begründet. Je besser sie wird, desto größer sind ihre Chancen ihrer ärmlichen Herkunft zu entkommen und ein lebenswertes Leben zu führen. Xin Chenxi ist nur eines von vielen „Drachenmädchen“, wie die Dokumentation des deutschen Regisseurs Inigo Westmeier betitelt wurde und in der neben ihr noch zwei weitere Schülerinnen portraitiert werden: die fünfzehn Jahre alte Chen Xi und die siebzehn Jahre alte Huang Luolan. Gemeinsam mit vielen weiteren Schülern – 26.000 – präsentieren sie immer wieder synchrone Bewegungsabläufe auf dem Appellplatz der Schule. Ein imposantes Bild, wie man es sonst nur mit am Computer generierten Vervielfachungen von Komparsen-Darstellern in Hollywood-Blockbustern erlebt. Hier ist es real.

Die Shaolin Tagou Schule befindet sich in China genau neben dem Ursprungstempel des Kung Fu und zugleich weit weg von den Familien der drei Mädchen, die Regisseur Inigo Westmeier hier begleitet. In der Schule müssen sich alle strikt an Formen, Normen und Strukturen halten, die alltägliche Routine muss immer befolgt werden. Die Kinder werden schon früh in den Status eines Erwachsenen erhoben, müssen sich schnell von ihrer Kindheit verabschieden. Xin Chenxi hatte den Glauben hier Fliegen zu lernen. Inzwischen gehört sie zu den härtesten Schülerinnen, trainiert in jeder Sekunde. Nur wenn sie im bevorstehenden Wettkampf den ersten Platz belegt, kommt ihr Vater sie besuchen. Huang kommt aus Shanghai und möchte sich mit diesem harten Leben nicht abgeben, wird aber von ihrem Ziehvater in die Schule geschickt um Zucht und Ordnung zu erlernen. Für sie war die Zeit in der Schule die Hölle, sie ist geflohen um dem Drill und der Disziplin zu entkommen. Chenxi vermisst ihre Eltern. Sie verbringt schon Ewigkeiten in dieser Schule, ihre Eltern haben sie jedoch noch nie besucht.

Die neun Jahre junge Xin Chenxi trainiert hart für ihren Erfolg
Die neun Jahre junge Xin Chenxi trainiert hart für ihren Erfolg

Die Doku von Westmeier ist gespickt mit den unterschiedlichsten Geschichten, ergreift durch diesen Umstand nie selbst Partei für eine Seite, obgleich das relativ einfach wäre. Aber der Regisseur hält sich zurück, bleibt sowohl dem Bild fern, als auch einer deutlichen Aussage – was gut ist. Der Zuschauer kann sich sein eigenes Urteil bilden. Da sind diese Kinder, eingesperrt in einer Schule, die einem Waisenhaus ähnlich scheint. Jedes der Kinder bemerkt, dass es seine Eltern vermisst, die nur selten Zeit haben für einen Besuch. Bei jedem Telefonat mit ihnen wird deutlich, dass reges Desinteresse an den Kindern herrscht. „Wenn Huang als kleines Kind geweint hätte, hätte ich sie weggeben“ sagt ihr Vater, nur der Umstand dass sie ein ruhiges Baby war, hat ihr überhaupt einen elterlichen Platz beschert. Nun wurde sie in die Schule abgeschoben, wo die Gruppentrainer und Mitschüler ihre Ersatzfamilie sein sollen. Damit hat sich die Jüngste im Bunde abgefunden, sie scheint die Wertevorstellungen der Shaolin Tagou zu propagieren, als sei sie eine Werbemaschinerie durchlaufen. Drei unterschiedliche Kinder bieten drei unterschiedliche Sichtweisen auf das zwanghafte Leben innerhalb der Mauern dieser Schule, in der selbst die Trainer nur zweimal in der Woche das Gelände verlassen dürfen, sollten sie einen Lebenspartner und Kinder besitzen – ansonsten ist auch ihnen das Verlassen der Schule verboten, was Flüchtlinge sowohl unter den Schülern wie auch unter den Trainer hervorbringt.

Sie alle kommen zu Wort, es werden Trainer angehört, wie sie begeistert über die Schule sprechen, wie sie aber ebenso zugeben müssen, dass es ein harter Weg für die Kinder sei, wenn sie erfolgreich sein wollen. Eigentlich, so scheint es, ist man nie mit ihnen zufrieden. Haben sie eine gute Leistung erbracht, war sie immer noch nicht perfekt. Haben sie es perfekt gemacht, gibt es immer noch mehr zu lernen, noch perfekter zu werden. Auch der Leiter der Shaolin Tagou, Liu Heike, wurde in „Drachenmädchen“ eingebettet, er wirkt wie die extremste Propagandamaschine dieser Doku, erzählt aus europäischer Sicht von fast unmenschlichen Erwartungen an die Kinder. Aber hier ist der Clou, es scheint in der chinesischen Heimat der Schule zwar ebenso ein hartes Thema zu sein, aber die Einrichtung ist angesehen, nicht umsonst die größte Institution dieser Art. Die Kinder kommen oft bereitwillig hierher, wissen um das Ansehen, welches Shaolin Tagou genießt. Eine gute Ausbildung an dieser Schule eröffnet die Möglichkeiten zu einem guten Job, Kung-Fu ist hier tief in den kulturellen Glauben verwurzelt. Deswegen kann man als Zuschauer, sobald man dies begriffen hat, nicht gänzlich negativ urteilen, so sehr die weinenden Mädchen, die sich auf dem Pausenhof gegenseitig ihre Verletzungen zeigen und darüber kichern, auch hierzu anregen. Die Schule ist hart, die Eltern haben durch ihre ganztägige Beschäftigung keine Zeit für ihre Söhne und Töchter, hier wird ihnen eine Heimat geboten, so rau sie auch erscheinen mag, so sehr bereitet sie die Kinder auch auf das Leben vor. Mit etwas anderen Herangehensweisen wie sie in Europa oder auch den USA praktiziert werden würden.

Schöne Landschaften umgeben die Shaolin Tagou
Schöne Landschaften umgeben die Shaolin Tagou

Zu den Tatsachen, die hier offenbart werden, die durchgängig den interessierten Blick auf das Geschehen an sich ziehen, bastelt Westmeier imposante Bilder. Nicht zuletzt die tägliche Choreografie, die auf dem Appellplatz geleistet werden muss. Die Schüler lernen hier wie man korrekt seinen Hocker abstellt, wie man darauf Platz nimmt, wie man zu sitzen hat – sie lernen Gehorsam und Detailreichtum, jede Bewegung muss sitzen, alles andere wäre eine Schmach. Faszinierend ist das Bild an sich. Die Kamera fährt weit über den Appellplatz hinaus, filmt von oben dieses Schauspiel, das an eine kleine Ameisenkolonie erinnert. Tausende von Schülern und Trainern bewegen sich im Gleichschritt, man scheut die Assoziation von gehorsamen Soldaten. Sie kommen auf die Kamera zugerannt, bleiben plötzlich stehen, bilden strukturierte Formationen. Die Einzigartigkeit dieser Szenerie liegt in ihrer Natürlichkeit, hier sind keine Computereffekte am Werk, diese Bilder geschehen wahrhaftig – jeden Tag. Auch wenn die jeweiligen Schülergruppen über das Gelände joggen, kommen so manche schöne Bauten in Sicht. Der nebenstehende Ursprungstempel des Kung-Fu, Shi Yan Zhuang ist dort Mönch, bietet den spirituellen Blick auf die Dinge. Aber so sanft und mitfühlend die Worte von Shi Yan Zhuang erklingen, so zeigt er doch auch das Einverständnis mit den Methoden der nebenstehenden Ausbildungsstätte. Kung-Fu ist hier nun einmal eine bedeutende, hoch angesehene Kultur, nicht nur eine in einer Sportschule zu erlernende Kampftechnik.

„Drachenmädchen“ ist ein einmaliger Blick auf diese Kultur, in den Gemäuern einer scheinbar fremdartigen Schuleinrichtung. Die Mädchen sind auf ihre Art und Weise hier beheimatet, die eine fühlt sich wohl, nimmt die Härte gerne auf sich, die nächste flieht, kann mit ihrem Herzen nur bei Dingen sein, von denen sie wirklich überzeugt ist. Jedes dieser Mädchen bekommt private Momente mit den Eltern zugesprochen, darf sich frei über die Schule äußern. So mögen die Worte des Schulleiters auf der einen Seite stehen, die Worte einer enttäuschten Schülerin aber auf der anderen – der Film mag Propagandanachrichten beinhalten, macht sich selbst aber niemals zu einem Propagandaobjekt.