Zuletzt hatte der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook in 2013 mit Stoker noch sein englischsprachiges Filmdebüt gegeben. Für seinen neuen Film Die Taschendiebin ist er nun aber wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Dort hat er schon Filme wie Oldboy (2003), I’m a Cyborg, but that’s okay (2006) oder Durst (2009) gedreht. Die Taschendiebin wurde dabei durch den Roman “Solange du lügst” der walisischen Schriftstellerin Sarah Waters inspiriert. Nur das Setting hat Park Chan-wook aus dem britischen viktorianischen Zeitalter nach Korea unter der Kolonialherrschaft Japans verlegt.

In dem Film engagiert der Betrüger Graf Fujiwara (Jung-woo Ha) die Taschendiebin Sook-Hee (Tae-ri Kim), die sich als Dienerin der wohlhabenden Erbin Lady Hideko (Min-hee Kim) ausgeben soll. Dahinter steckt in Wirklichkeit ein hinterhältiger Plan, um an das Vermögen der weltfremden jungen Frau zu kommen.

Die Taschendiebin ist ein intriganter Film! Und damit ist nicht einmal das Vorhaben von Graf Fujiwara und Sook-Hee gemeint, sondern das Storytelling von Park Chan-wook. Selten haben Twists innerhalb der Handlung so gut funktioniert wie hier. Fool me once…shame on you. Fool me twice…shame on me! Das zeigt nur, wie wunderbar dieser Regisseur erzählen kann. Er zieht uns ganz tief in seine Story rein, nur um uns dann damit vor den Kopf zu stoßen.

Die Taschendiebin
Graf Fujiwara (Jung-woo Ha, links) mit der Taschendiebin Sook-Hee (Tae-ri Kim, rechts)

Daran haben allerdings auch seine Darsteller – vor allem die Darstellerinnen – einen äußerst großen Anteil. Die Taschendiebin wurde von Park Chan-wook in drei Kapitel aufgeteilt. In Kapitel 1 ist es Tae-ri Kim, die großes Schauspiel abliefert, wenn sie sich als Betrügerin an Lady Hideko annähert. Da geschieht mehr als ihr lieb ist, so dass es zu einigen hoch-erotischen Momente zwischen Lady Hideko und der Taschendiebin Sook-Hee kommt.

Am Ende des ersten Kapitels zeigt sich dann auch die Raffinesse von Min-hee Kims Spiel. Das liefert dann den Übergang zu einem zweiten Kapitel, wo eine Rückschau auf die Kindheit Lady Hidekos dargeboten wird, bevor die Handlung mit der in Kapitel 1 bereits erzählten Story wieder aufholt und nochmals aus anderer Perspektive abläuft. Während zu Beginn noch Erotik mit Heimlichtuereien und auch ein wenig Komödie gemischt wird, hält das zweite Kapitel die Thriller-Anteile parat. Hier regiert geradezu der Wahnsinn. Man mag gar nicht glauben, dass es derselbe Film ist, bei dem man eine halbe Stunde zuvor noch amüsiert am lachen war.

Aber im Vordergrund steht immer wieder die Erotik. Die Beziehung dieser beiden Frauen zueinander wechselt von schüchtern verboten zu hingebungsvoller und ungezügelter Lust. Wirklich. Ehrlich. Einige Sexszenen sind purer Porno, allerdings mit ästhetischen Anspruch.

Die Taschendiebin
Sook-He (Tae-ri Kim) liegt Lady Hideko (Min-hee Kim) zu Füßen

Bei Park Chan-wook wird aber schon die erste zarte Andeutung einer solchen Beziehung zum erotischen Kribbeln. Wenn sich Lady Hideko über einen zu spitzen Zahn beschwert, der ihr immer das Zahnfleisch aufschneidet und Sook-He sanft mit einem Fingerhut beginnt den Zahn abzuschleifen. Sie dringt langsam mit ihrem Daumen in den Mund von Hideko ein, als befriedige sie irgendeine orale Lust ihrer Herrin. Das lässt der Regisseur in aller Ruhe geschehen. Wir sitzen und schauen. Wir sitzen und schauen. Der Akt will einfach nicht vorübergehen. Es ist eine ruhige Inszenierung, die aber mit allerhand Spannung aufgeladen ist.

Hier wird auch die Kamera von Chung-hoon Chung (Ich und Earl und das Mädchen) auffällig, die ebenso geschmeidig sinnlich wie die Beziehung der beiden Frauen zueinander agiert. Sie bleibt still angespannt auf einem Moment liegen oder aber schwebt geradezu über den Boden.

Mit Die Taschendiebin ist Park Chan-wook ein modernes Epos der Betrügereien gelungen.