Filmkritik

“Die Nacht der Giraffe” von Edwin

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© NEUE VISIONEN Filmverleih GmbH / Die kleine Lana (Klarysa Aurelia Raditya) wird von ihrem Vater im Zoo ausgesetzt

© NEUE VISIONEN Filmverleih GmbH / Die kleine Lana (Klarysa Aurelia Raditya) wird von ihrem Vater im Zoo ausgesetzt

Nicht erst seit Ang Lees 3D-Literaturverfilmung „Life of Pi“ ist der Zoo ein Motiv für den Spielfilm. Man denke nur an die Animationsfilmreihe „Madagascar“, in der Löwe, Giraffe, Nilpferddame und Zebra einem Zoo entfliehen, oder aber an Cameron Crowes „Wir kaufen einen Zoo“. Tiere und Kinder, das sind bekanntlich die beliebtesten Niedlichkeitsfaktoren des Films. Auch Edwin, indonesischer Filmemacher hat dies erkannt. Nach seinem Regiedebüt „The Blind Pig Who Wants To Fly“ drehte er im Zoo von Jakarta seinen zweiten Spielfilm „Postcards From The Zoo“. Dieser feierte im vergangenen Jahr auf der Berlinale seine Weltpremiere und war damit der erste indonesische Beitrag im Wettbewerb der Filmfestspiele seit fünfzig Jahren. Die Idee entstammt den eigenen Träumereien des Regisseurs, der selbst gerne in einem Zoo gelebt hätte. In den Zoo zu flüchten, sei eine der wenigen Möglichkeiten die Ruhe und Einsamkeit in einer hektischen Stadt wie Jakarta zu genießen. Das zeigt Edwin nun beim offiziellen Deutschlandstart von „Die Nacht der Giraffe“, wie sein Film nun hierzulande heißt.

Die kleine Lana sucht sich ihr Leben im Zoo nicht selbst aus, sie wird dort von ihrem Vater ausgesetzt. Fortan wächst sie umgeben von Tieren, Grenzen und Geräuschen in einer gezähmten Wildnis auf, wird von den Tierpflegern großgezogen. Sie liebt die anmutigen Bewegungen der Nilpferde, das würdevolle Ohrenschlagen der Elefanten und hält die langen Beine und den langen Hals der Giraffe für ein Zeichen von Eleganz. Der Zoo ist ihre ganze Welt, hier hat sie alles was sie braucht. Eines Tages taucht ein junger Mann im Zoo auf, ein Cowboy und Magier, dem sie bei seinen Zaubertricks assistiert. Mit ihm verlässt sie zum ersten Mal den Zoo und lernt die Welt außerhalb der Tiergehege kennen. Doch dann verschwindet der Magier in einer Rauchwolke und lässt Lana allein in dieser Welt zurück.

Lana (Ladya Cheryl) mit dem mysteriösen Cowboy-Magier (Nicolas Saputra)

Lana (Ladya Cheryl) mit dem mysteriösen Cowboy-Magier (Nicolas Saputra)

Den Zoo, diese simulierte Wildnis, zeigt Regisseur Edwin in all seinem Detailreichtum. So inszeniert er seinen Zoo mit zahlreichen Nahaufnahmen von Elefanten, Flusspferden oder der einen Giraffe, die majestätisch bei Tag und Nacht eingefangen wird. Zeitgleich erklärt er dem Zuschauer die Einrichtung Zoo, teilt seine Erzählung immer wieder mit Texttafeln in neue Kapitel ein. Der Zoo als Institution, in der lebende Tiere in Gefangenschaft ausgestellt werden, das Ex-situ-Verfahren – hier werden bedrohte Tierarten dadurch geschützt dass ein Teil der Population aus ihrem Ursprungsgebiet an einen anderen Ort gebracht wird – oder die Begriffserklärungen zur Auswilderung und Umsiedlung, es bleibt nichts unerklärt was für diese Geschichte wichtig wäre. Und das sind diese Begrifflichkeiten insofern, dass sie nicht nur auf die Tiere im Zoo anwendbar sind, sondern auch auf Lana, an der das Zooleben der Tiere in menschlicher Gestalt exerziert wird.

Das beginnt mit ihrer Ankunft, als einsames Wesen – dieses Motiv wird sich durch ihr Leben ziehen – sie irrt als kleines Mädchen im Zoo umher, von ihrem Vater dort abgesetzt wie ein verstoßenes Tier. Irgendwie aber auch niedlich, wie die kleine Klarysa Aurelia Raditya, die Lana in jungen Jahren spielt, durch den nächtlichen Zoo wandelt, einen Elefanten nachahmt, ziellos umher stampft und sich so bereits bei der ersten Begegnung mit ihrem neuen Zuhause einen wohlfühlenden Überblick verschafft. Es sind unaufgeregte Bilder, die erholsam und beruhigend wirken, wo sich eigentlich ein Drama abspielt. Dieses Mädchen, auch wenn sie zur Frau heranwächst, wird sie immer auf der Suche sein. Sie sucht Halt, sie sucht ein Zuhause, Dinge die sie nicht in einer Person, sondern in dem Zoo als Institution findet. Die Tiere sind ihre Familie, ihr Vater, der mysteriöse Zauber-Cowboy, der in ihr Leben treten wird, es sind Personen die sie alleine lassen werden, von denen sie Enttäuschung erfährt. Diese Frau wird von Ladya Cheryl verkörpert, die erwachsene Lana, die sich scheinbar ruhig in jedem Bild aufhält und beobachtet. Mit ihr kommt der Zuschauer unnatürlich nahe an die Zoobewohner heran, von denen es laut Lana drei verschiedene Sorten gibt: Die Besucher, die Menschen die herkommen um die Tiere anzusehen. Die Tiere selbst, die sich ganz bewusst selbst präsentieren oder sich versteckt halten. Und die Mitarbeiter, offiziell Angestellte oder Vagabunden, die im Zoo leben, kommen und gehen wie es ihnen gefällt, aber ihren Teil zur Funktion der Einrichtung beitragen.

Nicolas Saputra ist der Magier im Cowboykostüm

Nicolas Saputra ist der Magier im Cowboykostüm

So bietet Lana Führungen an, erklärt den Besuchern die Welt der Tiere, besonders die Giraffe hat es ihr angetan, deren merkwürdigen Gang mit längeren Vorder- als Hinterbeinen sie mit zwei Gehstöcken perfekt imitiert. Über die Giraffe weiß sie – so scheint es – alles, die Namensherkunft, Anekdoten über das Puma-ähnliche Fell und die Trinkeigenschaften, die denen des Kamels gleich kommen. Ebenso grazil wie die Giraffe sich fortbewegt, versucht auch Lana ihr Leben zu leben. Im Zoo gestaltet sich das recht einfach, merkt man doch schnell dass sie ein tierlieber Mensch durch und durch ist. Ganz gleich wie gefährlich, jedes Geschöpf wirkt in ihren Armen wie ein Plüschtier. Aber sie weiß sehr wohl, dass selbst die Giraffe mit einem bloßen Tritt mit ihren Hinterbeinen einen ausgewachsenen Löwen töten könnte.

Doch all diese Dinge werden ihr genommen, sie lächelt dabei, die Liebe wird ihr zum Verhängnis. Es ist die Liebe zu einem Cowboy, der auf einmal im Zoo auftaucht und sie mit seinen magischen Zaubertricks verführt. Er lässt leuchtende Bällchen erscheinen und wieder verschwinden, Tücher fliegen und in Flammen aufgehen, er entführt Lana zum ersten Mal in ihrem Leben in die wirkliche Welt, mit seinen unwirklichen Tricks. Diese wirkliche Welt versteht Lana nicht, sie beobachtet, kann sich das Leben aber nur schwer erklären, redet immer dann, wenn sie Parallelen zu den ihr bekannten Verhaltensmustern einer Giraffe ziehen kann. In dieser Welt, fernab des Zoos, sucht sie ihre Rolle, verwandelt sich mal in ein Indianermädchen, dann in eine Masseuse, einmal sogar im Pumakostüm. Kostüme sind es, die sie hier trägt, sie sucht sich, sie sucht ihre Persönlichkeit außerhalb des Zoos. Das muss zum Scheitern verurteilt sein, kein Kostüm trägt sie lange, kostümlos ist sie nur im Zoo, bei ihren Tieren.

„Die Nacht der Giraffe“ erzählt nun also von diesem Menschen, von Lana, die in Freiheit wirkt, als sei sie gefangen, denn ausgerechnet der Ort, an dem die Tiere hinter Gittern verweilen, bedeutet für sie die Freiheit. Vielleicht aber auch nur, weil sie hier aufgewachsen ist, mit der wirklichen Freiheit gar nichts anzufangen weiß. Ein in Gefangenschaft geborenes Tier würde bei der Auswilderung vermutlich ebenso wenig die neuen Lebensumstände verstehen. Gemeinsam mit Lana kann der Zuschauer in diesen Zoo eintauchen, es ist eine gigantische Welt für sich, mit wundervollen Bildern, die – wie im Originaltitel vermerkt – Postkarten aus dem Zoo darstellen könnten.

Denis Sasse

Die Nacht der Giraffen_Hauptplakat

“Die Nacht der Giraffe“

Originaltitel: Kebun Binatang
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: ID / D / HK / VRC, 2011
Länge: ca. 96 Minuten
Regie: Edwin
Darsteller: Ladya Cheryl, Nicolas Saputra, Adjie Nur Ahmad, Klarysa Aurelia Raditya, Dave Lumenta

Deutschlandstart: 17. Januar 2013
Offizielle Homepage: neuevisionen.de

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