Kyle Catlett ist der Jung-Erfinder T. S. Spivet in Jean-Pierre Jeunets "Die Karte meiner Träume"
Kyle Catlett ist der Jung-Erfinder T. S. Spivet in Jean-Pierre Jeunets „Die Karte meiner Träume“

Oft möchte man den französischen Filmemacher Jean-Pierre Jeunet auf seinen internationalen Erfolg Die fabelhafte Welt der Amélie reduzieren. Aber der Regie-Autodidakt hat mit noch vielen anderen seiner Werke (Die Stadt der verlorenen Kinder, Micmacs) seinen skurrilen Welten ihren Weg auf die Kinoleinwände ermöglicht. Da verzeiht man ihm Ausrutscher (Alien: Die Wiedergeburt), mit denen er sich eher der Maschinerie Hollywoods anpassen musste als die französische „quirkiness“ nach Amerika bringen zu dürfen.

Vielleicht kann man Jeunet am ehesten mit Wes Anderson vergleichen. Zumindest muten beider Männer Welten weniger wie simple Geschichten fürs Kino an, sondern viel mehr wie komplex-emotionale Märchen, die einen großen Teil ihrer Wirkung durch ihre reine Bildhaftigkeit entfalten.

Spivets Schwester und Eltern ( Niamh Wilson, Helena Bonham Carter, Callum Keith Rennie, v.l.n.r.)
Spivets Schwester und Eltern (Niamh Wilson, Helena Bonham Carter, Callum Keith Rennie, v.l.n.r.)

Für Die Karte meiner Träume hat Jeunet Jungdarsteller Kyle Catlett für sich entdeckt, der frisch aus der Fernsehserie The Following in das Universum des verdrehten Filmemachers kommen durfte. Er spielt den Jungen T. S. Spivet mit ebenso merkwürdiger und liebreizender Mimik, wie einst Audrey Tautou als Amélie. Das Drehbuch von Jeunet und Guillaume Laurant, basierend auf dem Buch The Selected Works of T. S. Spivet (in Deutschland unter dem Filmtitel Die Karte meiner Träume erschienen) von Reif Larsen, lässt Catlett darüber hinaus Raum, eben nicht nur der Junge zu sein, der sich auf eine Reise quer durchs Land begibt, da ihm der Spencer Baird Award für Wissenschaftliche Exzellent verliehen werden soll.

Vielmehr bekommt dieser kleine Mann die Gelegenheit, sich in schwachen Momenten wiederzufinden, auf seiner Reise fern der Familie eben dieser nachzutrauern. Einsam steht er vor einer Telefonzelle und denkt darüber nach, ob er den Kontakt suchen soll. In Erinnerungen schwelgend blättert er in einem Fotoalbum. Jeunet treibt seinen Darsteller dazu an, dass wir sein Heimweh schmerzhaft nachempfinden können.

Ursprünglich kommt Spivet von einer Ranch in Montana, wo er mit seinen Eltern (Helena Bonham Carter und Callum Keith Rennie), seiner Schwester Gracie (Niamh Wilson) und seinem Bruder Layton (Jakob Davies) lebt. Spivet ist hochbegabt und hegt ein besonderes Interesse für die Künste der Wissenschaft. Für die Erfindung seines Perpetuum Mobile soll T. S. vom Smithsonian Institute in Washington ausgezeichnet werden. Nur eine kurze Notiz hinterlassend macht er sich eigenständig auf den Weg quer durch die USA.

T. S. Spivet an seinem Schreibtisch, wo seine wundersamen Ideen entstehen
T. S. Spivet an seinem Schreibtisch, wo seine wundersamen Ideen entstehen

Jeunet hat einen liebreizenden und immer wieder auch zu Tränen rührenden Film geschaffen. Tränen des Mitgefühls, sowohl der Trauer als auch der Freude. Einer der schönsten Momente ist es, wenn der kleine Spivet seinen Preis entgegen nimmt, eine Erwachsenenwelt vor ihm versammelt, die dem zehn Jahre jungen Erfinder anblickt und staunt. Dieser Junge hat ihnen Dinge gezeigt, die sie nicht für möglich gehalten hätten. Dieser Junge hat die Erwachsenen zurück in ihre Kindheit geschickt.

Am Ende geht es weniger um die Faszination der Wissenschaft als um Menschlichkeit. Wie der Film hierher kommt ist großartig, so subtil wie langsam erzählt Jeunet vom emotionalen Missständen und einem leisen Ausbruch. Mit den großen Augen, mit denen Spivet seine Welt wahrnimmt, wäre er Scorseses Hugo Cabret ein guter Freund. Beide Filme vereinen die wunderbare Sicht eines Kindes auf unsere Welt und lassen sie wie ein einziges Märchen erscheinen.

Die Karte meiner Träume
Regie: Jean-Pierre Jeunet, Drehbuch: Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant
105 Minuten, ohne Altersbeschränkung, Kinostart: 10. Juli 2014
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alle Bilder © DCM Filmdistribution