Das ganz normale Schulchaos wurde bereits dreimal mit Fack Ju Göhte in deutschen Landen dargestellt. Wo die Filme von Bora Dagtekin eine überspitzte Slapstick-Nummer in Sachen Lehrer- und Schüleralltag waren, zeigt sich die französische Regisseurin Hélène Angel mit Die Grundschullehrerin eher vom realistisch dargestellten, allerdings nicht minder chaotischen Treiben im Schulwesen fasziniert. Hier fühlt sich Lehrerin Florence (Sara Forestier) wie die einzig erwachsene Person unter Schülern und Kollegium.

Dabei versucht sie ihre herzensgute Art und Weise aufrecht zu erhalten. Sie denkt nur an ihren Beruf, daran wie sie ihre Kinder auf die höheren Klassen vorbereiten kann, wenn sie nicht mehr ihre schützenden Hände über sie hält. Darunter leidet allerdings die Beziehung zu ihrem eigenen Sohn Denis (Albert Cousi), der zu allem Überfluss auch noch in der Schulklasse seiner Mutter sitzt.

Dann landet Sacha (Ghillas Bendjoudi) bei ihr. Er fällt bei den Mitschülern dadurch auf, dass er ein wenig müffelt und keine sauberen Anziehsachen trägt, was wiederum sein überaus aggressives Verhalten anspornt. Florence findet heraus, dass er von seiner Mutter (Laure Calamy) im Stich gelassen wurde. Gemeinsam mit Mathieu (Vincent Elbaz), einem von vielen Ex-Freunden der Mutter, möchte sie dem Jungen helfen.

Die Grundschullehrerin
Mathieu (Vincent Elbaz) hilft Florence (Sara Forestier).

Das bleibt allerdings nicht das einzige Problem, dass Die Grundschullehrerin hier für Florence parat hält. Sie muss sich durch eine hyperaktive 5. Klasse schlagen, hat eine Referendarin an der Seite, die den Kindern mit Angst begegnet und ihre eigenen Fähigkeiten anzweifelt und ihr Sohn Denis möchte mit dem getrennt lebenden Vater für ein Jahr durch Indonesien reisen. Ganz nebenher darf im Lehrerzimmer über die Konditionierung der Schüler für die Arbeitswelt diskutiert werden, während die Methoden und die Gleichgültigkeit mancher Kollegen Florence ebenso Kopfschmerzen bereiten.

Wenn Die Grundschullehrerin etwas zeigt, dann dass der Lehrerberuf alles andere als leichte Arbeit ist. Hier bekommen wir den Stress in seiner puren Form vorgeführt, vor dem wir uns nur allzu gerne retten würden, Florence aus diesem Arbeitsverhältnis gerettet sehen wollen. Aber sie ist ihres Glückes eigener Schmied. Sie stürzt sich mit Begeisterung und faltiger Stirn zugleich auf ihre Tätigkeit, ohne Rücksicht auf Verluste, vor allem ohne Rücksicht auf sich selbst.

Da muss der eigene Sohn irgendwann anmerken, dass er einen Termin mit seiner Lehrerin haben möchte, um ein Gespräch mit seiner Mutter führen zu können. Das Zusammenspiel von Sara Forestier und ihrem Film-Sohn Albert Cousi ist großartig. Man spürt die familiäre Bande und ihre entstandene Distanz. Es ist überhaupt überaus bewundernswert, wie sich Forestier hier zeigt. Sie übernimmt die Rolle der Grundschullehrerin, einer Mutter, einer getrennt lebenden Ehefrau, einer Frau, die den Mutterersatz für ein Problemkind übernehmen möchte. Sie denkt immer zuerst an die anderen und vergisst darüber sich selbst. Das wird äußerst authentisch von der Darstellerin an uns herangetragen.

Die Grundschullehrerin
Sacha (Ghillas Bendjoudi, rechts) mit Denis (Albert Cousi).

Aber eben das liefern auch Denis-Darsteller Cousi und Ghillas Bendjoudi als Problemkind Sacha ab. Es wäre ein einfaches für Die Grundschullehrerin gewesen, hier Gut gegen Böse zu stellen, aber am Ende ist es Hélène Angel gelungen, beide Kinder in der Grauzone zu verorten. Mit beiden Kindern können wir Mitleid haben, beide Kinder können aber auch groben Unsinn verzapfen. Man sagt, die besten Kinder-Darsteller spielen keine Kinder, sondern sind Kinder. Das passt nur allzu gut auf diese zwei Jungdarsteller.

So treibt es uns fast Tränen in die Augen, wenn Sacha Zuhause bei seiner Lehrerin sein darf und sich fasziniert in ein flauschiges Handtuch bettet, als habe er noch nie zuvor in seinem Leben etwas so Sauberes und Weiches in den Händen gehalten. Ebenso aufwühlend ist es, wenn Denis seine Mutter mit all den harten Wahrheiten konfrontiert. Der Junge weiß besser als die erwachsene Frau, dass sie kein Leben lebt, dass sie sich in ihrem Beruf verloren hat.

Die Grundschullehrerin zeigt eine grandiose Darbietung an Schauspiel und erzählt nicht allein vom Lehrer-Dasein, sondern auch von überforderten Müttern, von resignierten Lehrern und abwesenden Vätern. Ein sozialkritisches Drama, dass zwar aus Frankreich kommt, aber mit Leichtigkeit auf deutsche Schulen – oder gar Schulen auf der ganzen Welt – übertragen werden kann.