Elizabeth Sloane nimmt sich was sie braucht. Sie ist eine Frau, die über Leichen geht. Eine Frau, die selbst ihren Sex nur als eine Sache ansieht, den sie geschäftlich und schnell über die Bühne bringen will. Sex als Termin. Der Weg zum Erfolg. Miss Sloane (englischer Originaltitel) wird von Jessica Chastain in Die Erfindung der Wahrheit gespielt, wo sie sich anhören darf, dass Kollegen wie Rodolfo Schmidt (Mark Strong) hinterfragen, ob sie jemals ein normaler Mensch gewesen sei – vielleicht zumindest als Kind?

Elizabeth kann sich das kaum vorstellen. “Ich glaube, ich bin einfach nur eine ganze Menge Arbeit” gibt sie als Antwort. Die Erfindung der Wahrheit kommt von Regisseur John Madden, der zwar wunderbare Wohlfühl-Filmchen wie Shakespeare in Love und zwei Best Exotic Marigold Hotel-Filme gedreht hat, aber mit Der Beweis (2005) und Eine offene Rechnung (2010) auch schon sein Können im ernsten Metier zeigen durfte. Er wird definitiv auch mit dieser Handvoll Arbeit fertig, die seine Miss Sloane nun einmal ist.

In seinem Film stützt er sich fast ausschließlich auf seine Hauptdarstellerin, die als unberechenbare Lobbyistin zu einer Anhörung geladen wird, bei der es um dubiose Machenschaften geht, die während ihrer Zeit als Angestellte bei einer in Washington sitzenden Lobby-Firma geschehen sein soll. Dabei wechselt die Handlung immer wieder zwischen den Anhörungen im Senat, bei denen die unorthodoxe und eventuell sogar illegale Vorgehensweise dieser Frau unter Beschuss gerät – sowie den Ereignissen, die sie überhaupt erst dorthin gebracht haben.

Die Erfindung der Wahrheit
Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) in ihrer Anhörung im Senat.

Jene Ereignisse scheinen den Regisseur allerdings kaum zu interessieren. Er suhlt sich geradezu in dem Schauspiel seiner Hauptdarstellerin. Es ist weniger die politische Kriegsführung, die hier im Mittelpunkt steht und viel mehr eine Charakterstudie, die von Jessica Chastain getragen wird.

Sie spielt ihre Elizabeth Sloane ebenso stoisch-zielstrebige wie die CIA-Agentin Maya, die sie noch in Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty verkörperte. Wo ihre Figur dort aber noch für das Gute und das Menschenrecht eingetreten ist, müssen wir Miss Sloane als böse Schwester betrachten, die zwar über die Grundeigenschaften verfügt, größtenteils aber von Moral und Anstand befreit agiert.

Sie erscheint fast wie eine Serienmörderin, die psychopathisch als Einzelkämpferin gegen die großen bösen Wölfe vorgeht, die sich ihr in den Weg zu stellen versuchen. Aber nicht nur ihre Gegner haben sie zu fürchten, auch ihre Kollegen bleiben zurück, wenn sie sich in ihre Belange einmischen. Sie benutzt die Menschen um sich herum, sie lügt sie an, sie betrügt sie – ohne dabei mit der Wimper zu zucken.

Diese skrupellosen Charaktereigenschaften machen Die Erfindung der Wahrheit so sehenswert, wenn wir uns allein auf Jessica Chastain fokussieren. Allerdings ruft ihr Verhalten manchmal auch gegenteilige Gefühle hervor. Denn so emotionslos wie Miss Sloane vorgeht, so sehr lässt uns ihre Distanz – zu ihren Mitmenschen und zu uns als Zuschauern – auch kalt. Nur ihre Art und Weise zieht uns mit, nicht aber aus emotionalen Gründen, sondern weil diese Frau so herrlich biestig over-the-top durch ihre Filmwelt stampft.

Die Erfindung der Wahrheit
Jane Molloy (Alison Pill) war mal Miss Sloanes Assistentin.

Einzig Co-Darstellerin Alison Pill kann ihr das Wasser reichen, wenn auch nicht in die Abgründe der menschlichen Natur folgen. Dennoch etabliert sie sich als wunderbare Side-Playerin zu Jessica Chastain. Wenn diese beiden aufeinander losgelassen werden, fühlt sich das Drehbuch von Jonathan Perera manches mal wie von Aaron Sorkin (The Social Network, Steve Jobs) geschrieben an – und immerhin haben Pill und Darsteller Sam Waterston (hier als George Dupont) beide in dessen Serie The Newsroom mitgewirkt.

Die Erfindung der Wahrheit ist insofern ein gelungener Film, da der Regisseur und seine Hauptdarstellerin es verstehen, eine furchtbar-unsympathische Figur in den Mittelpunkt zu stellen und uns dabei Spaß haben zu lassen, sie handeln und sich aus diversen Ecken manövrieren zu sehen. Die Handlung und die Problematik in dessen Zentrum mögen zwar verschwimmen, aber Jessica Chastain zeigt dafür eine umso größere Präsenz, der wir gar nicht entkommen können.