Darsteller Gary Oldman hat sich schon oft in bekannte Persönlichkeiten verwandeln lassen: Sid Vicious in Sid & Nancy, Lee Harvey Oswald in JFK – Tatort Dallas oder Ludwig van Beethoven in Ludwig van B., Oldman war Pontius Pilatus, Dracula und Sirius Black. Immer wieder zeigt er seine Verwandlungskünste, aber noch nie so grandios wie in Die dunkelste Stunde von Joe Wright.

Wright, der ein Händchen für Period Pieces von Stolz & Vorurteil bis Anna Karenina hat, macht Gary Oldman zu Winston Churchill und erzählt von dessen ersten Tagen als britischer Premierminister während des 2. Weltkriegs. Es ist 1940 und Großbritannien ist ein Verbündeter Frankreichs im Krieg gegen Nazi-Deutschland. Churchill wird zum neuen Premier ernannt, ist aber wenig beliebt unter den Parlamentsmitgliedern, vor allem wegen seiner “Blut, Schweiß und Tränen”-Ansprache und dem Unwillen, den Frieden mit Deutschland auszuhandeln, da er die Nazis als nicht vertrauenswürdig ansieht.

Die dunkelste Stunde
Gary Oldman spricht als Winston Churchill zum britischen Volk.

Joe Wright spielt mehrere Ereignisse in der Schaffenszeit Churchills durch, darunter natürlich auch die Dunkirk-Evakuierung, die hier als Krieg der Worte durch den Premierminister gezeigt wird. In Christopher Nolans Dunkirk konnten wir den Krieg ohne Worte an der Front beobachten, während Ihre beste Stunde von Lone Scherfig das Bestreben einer Filmemacherin zeigt, die zu Zeiten Dunkirks die Zuhause gebliebenen Frauen mit Propagandafilmen beruhigen möchte.

Damit sind in kürzester Zeit drei wunderbare Filme entstanden, die an ganz unterschiedlichen Schauplätzen einen Einblick in die Dunkirk-Evakuierung geben. Während Nolan auf seine Bilder setzt und Scherfig die Frauen in den Blick nimmt, setzt Wright seinen Fokus ganz und gar auf Gary Oldman, der so unfassbar gut spielt, dass wir die Nebenrollen – Kristen Scott Thomas, Ben Mendelsohn, Lily James – so gut sie auch sein mögen, einfach nicht beachten.

Er überspielt allerdings nicht nur seine Mitdarsteller, sondern auch die Handlung selbst. Wir sind viel zu fasziniert von Oldmans Churchill, als dass wir uns emotional von den Geschehnissen des Films mitreißen lassen würden. Dafür fesselt uns Gary Oldman viel zu sehr an sein Spiel, das so auf der Theaterbühne als One Man Show stattfinden könnte. Die Kunst ist, dass Oldman nicht gänzlich in der Figur versinkt, es noch viele seiner eigenen Züge zu finden gibt, so dass wir erkennen können, wie er all sein ihm zur Verfügung stehendes Schauspieltalent nutzt, um in dieser Ganzkörper Performance aufzugehen.

Hinter der verblüffenden Arbeit der Maske steckt ein vermutlich wahrer Churchill (das mögen nur die zu urteilen wissen, die ihn wirklich erlebt haben), wie Oldman ihn uns als Menschen zeigen kann. Er brüllt, er schreit, er wütet, ganz selten schimmert seine Ratlosigkeit und Verzweiflung hervor, die er hinter einer Fassade von Willensstärke und Ausstrahlungskraft verbirgt. Nicht weil es ihm unangenehm wäre, sondern weil er das Volk nicht beunruhigen möchte. Und selbst wenn dieser Churchill seine Sekretärin furchtbar behandelt – und dafür von seiner Frau zur Rechenschaft gezogen wird – bleibt dieser Mann immer seinem ruppigen Charisma treu.

Die dunkelste Stunde
Bei seiner Frau (Kristen Scott Thomas) findet Churchill Halt.

Damit überspielt Gary Oldman gar die wunderbare Leistung eines Daniel Day-Lewis, der für Steven Spielberg zu Lincoln wurde und lässt einen Leonardo DiCaprio sowieso weit zurück, der diese Menschlichkeit in J. Edgar von Clint Eastwood gar nicht erst gefunden hat.

Dafür bekommen wir in Die dunkelste Stunde einen Winston Churchill, der niemals in Lethargie verfällt, immer in Aktion ist, durch das Weltgeschehen getrieben wird und keine Ruhe findet. Er ist die Bulldogge, die die Welt retten will. Gary Oldman dabei zuzusehen, wie er genau das spielt, ist eine pure Freude.