Liesel (Sophie Nélisse) rettet ein Buch aus den Flammen der Nazi-Herrschaft in Brian Percivals Literaturverfilmung "Die Bücherdiebin"
Liesel (Sophie Nélisse) rettet ein Buch aus den Flammen der Nazi-Herrschaft in Brian Percivals Literaturverfilmung “Die Bücherdiebin”

„Jeder muss irgendwann einmal sterben“ erzählt der Tod höchstpersönlich aus dem Off. Er muss es wissen, überwacht er doch seit jeher das menschliche Ableben auf der Welt. Was rein fiktional klingt, erscheint in Die Bücherdiebin, der Verfilmung des gleichnamigen Romans des deutsch-australischen Schriftstellers Markus Zusak nur allzu real. Buch wie Film schicken die neun Jahre junge Liesel Meminger in ein erdachtes Örtchen irgendwo in München, wo die Gräueltaten der Nationalsozialisten mehr und mehr Form annehmen. Hell lodernde Flammen spiegeln sich in Liesels Augen wieder, wenn sie mit der versammelten Dorfgemeinschaft vor einem brennenden Berg aus Büchern steht und die Untat des kulturellen Sterbens mitansehen muss. Aus dem Scheiterhaufen zieht sie ein Buch, welches sie eigentlich gar nicht besitzen dürfte. Sie entreisst es dem Tod. Der Tod kann das nur gut heißen, ist er selbst doch sein größter Kritiker. Er hat alles andere als Spaß bei der Ausübung seiner Berufung. Insofern ist Liesel genau die richtige Person, um vom Tod beobachtet zu werden, sieht er in ihr doch die rebellische Natur, die er selbst gerne aufbringen würde.

Dem Erscheinen des Buches folgten renommierte Auszeichnungen, sowohl in Australien (2007 der Sydney Taylor Book Award) als auch in Deutschland (Preis der Jugendjury 2009 beim Deutschen Jugendliteraturpreis). Der Verfilmung durch Regisseur Brian Percival, der damit von seinem Fernseh-Engagement Downton Abbey ins Kino wechselte, wurde eine sichere Nominierung für die Academy Awards vorausgesagt, nur um dann lediglich für die Musik von John Williams auf der Liste möglicher Oscar-Gewinner aufzutauchen – und hier gegen Steven Prices Musik für Gravity zu verlieren. So sehr man in den weiten des Internets zu lesen bekam, dass es eine Fehlentscheidung wäre, The Book Thief (Originaltitel) zu umgehen, so sehr ist es doch auch nachvollziehbar.

Liesel bei ihren neuen Eltern Hans und Rosa Hubermann (Geoffrey Rush und Emily Watson)
Liesel bei ihren neuen Eltern Hans und Rosa Hubermann (Geoffrey Rush und Emily Watson)

Es fehlt an emotionaler Wirkung. Kaum vorzustellen, vor dem Hintergrund des Schreckens, der durch den Zweiten Weltkrieg herauf beschworen wurde. Die Bücherdiebin allerdings bleibt viel zu kühl, schafft es nicht die Bedrohung durch die Okkupation des kleinen Dorfes darzustellen. Der Film verpasst die Möglichkeit, das große Ganze des Weltkrieges und der Machenschaften der Nationalsozialisten einzusetzen um uns eine Gelegenheit zu bieten, mit Liesel mitzufühlen. Das einzige Indiz für uns sind die omnipräsenten mit Hakenkreuzen gezierten Flaggen, die mit ihrem stechendem Rot das grau-fade Filmbild durchziehen und sich penetrant in den Vordergrund drängen.

Der Film setzt mit einer verzweifelten Mutter (Heike Makatsch) ein, die sich mit ihren beiden Kindern auf dem Weg zu neuen Eltern für ihren Sohn und ihrer Tochter befindet. Das Leben soll für die beiden unter neuem Namen und mit neuen Eltern ein Stück einfacher werden. In der Zeit des drohenden Krieges aber auch sicherer. Der Junge bekommt dieses Privileg nicht mehr zu spüren. Er stirbt in den Armen der Mutter an einer Krankheit (auch das ist dem Zuschauer mehr oder weniger egal), nur das Mädchen Liesel überlebt. Sie kommt bei Hans und Rosa Hubermann (Geoffrey Rush und Emily Watson) unter, einem liebreizenden Märchenonkel und einer eher kratzbürstigen alten Dame.

Liesel lernt zu lesen. Sie liest dem jüdischen Flüchtling Max (Ben Schnitzer) vor
Liesel lernt zu lesen. Sie liest dem jüdischen Flüchtling Max (Ben Schnitzer) vor

Umso einfacher scheint es – und es klingt jedes Mal zuckersüß – „Paapa“ zu sagen, als ein Mama über die Lippen zu bekommen. Geoffrey Rush konnte selbst aus dem bösen Piraten Barbossa eine charmante Figur machen, wie könnte man ihm in einer liebevollen Rolle wie Hans Hubermann also widerstehen. Er zieht mit seinem Charme mehr Emotionen auf sich als die kleine Liesel, um die es hier eigentlich gehen sollte.

Diese kann nämlich zuerst herzlich wenig mit dem vom Scheiterhaufen gestohlenen Buch anfangen. Liesel kann nicht lesen. Aber mit der Hilfe ihres Pflegevaters und dem jüdischen Flüchtling Max, der von der Familie versteckt gehalten wird, erlernt sie die Magie der Worte zu erkennen. Aber ebenso wenig wie Regisseur Brian Percival den Schrecken des Krieges emotional auf den Zuschauer übertragen kann, so minimal ist Liesels Freude über ihre neue Errungenschaft zu spüren. Das Hinabtauchen in die Welten der Literatur bleibt spannungslos. Weder die Freude des kleinen Mädchens über das Lesen können, noch die daraus resultierende Angst, sie könne bei der Lektüre der verbotenen Bücher von den Nazis ertappt werden, werden schlicht nicht erfasst.


Die Bücherdiebin_Plakat”Die Bücherdiebin„

Originaltitel: The Book Thief
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Produktionsland, Jahr: USA / D, 2013
Länge: ca. 132 Minuten
Regie: Brian Percival
Darsteller: Sophie Nélisse, Geoffrey Rush, Emily Watson, Ben Schnetzer, Roger Allam, Heike Makatsch, Kirsten Block, Matthias Matschke

Kinostart: 13. März 2014
Im Netz: Die Bücherdiebin

Bilder © Twentieth Century Fox of Germany GmbH