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Die Beschissenheit der Dinge

Machen wir einen kleinen Sprung zurück in der Zeit und widmen uns den Filmfestspielen von Cannes des Jahres 2009. Damals lief in der Kategorie ‘Quinzaine des Réalisateurs’ der belgische Film ‘La Merditude Des Choses’ von Regisseur Felix van Groeningen. In dieser Kategorie werden Spielfilme und Dokumentationen gezeigt – aber auch Kurzfilme aus aller Welt – ohne das ein Preis vergeben wird. Sie laufen also außerhalb der Wettbewerbe. Der Regisseur des Filmes machte damals mit einer interessanten Werbemaßnahme auf sich Aufmerksam. So stellten er und vier seiner Darsteller eine Szene seines Filmes nach, als sie nackt auf Fahrräder durch die Straßen von Cannes fuhren. Jetzt, ein Jahr später, können wir uns diese Szene im Original auf der Leinwand anschauen, denn ‘Die Beschissenheit der Dinge’, so der deutsche Titel, erreicht nun endlich auch das deutsche Publikum.

Hier geht es um den 13-jährigen Gunther Strobbe, der gemeinsam mit seinem Vater, einem Säufer und Nichtsnutz und dessen drei ebenso abgewrackten Onkeln Lowie, Pieter und Koen bei seiner liebenswürdigen Großmutter lebt. Während sich die alte Dame abrackert, haben die vier erwachsenen Männer nichts als Unsinn im Kopf und sind mit wenig anderem beschäftigt, als die Ehre der Familie Strobbe in der Dorfkneipe und bei Großereignissen wie einem Nacktfahrradrennen oder dem Weltrekordversuch im Dauerbiertrinken zu verteidigen. Und der kleine Gunther ist immer mit dabei. Auch zwanzig Jahre später, als Gunther ein erfolgloser Schriftsteller geworden ist, der versucht, seine Geschichte zu Papier und sein Leben auf die Reihe zu bringen, wird klar, wie sehr ihn die Vergangenheit noch immer beschäftigt. Und er spürt die Angst, dass er genauso werden könnte wie sein Vater.

Wenn man einen Vergleich ziehen wollen würde, könnte man sagen, dass es Regisseur Felix van Groeningen gelungen ist Figuren zu erschaffen, die von ihrer vulgären Komik an Komödien wie ‘American Pie’ erinnern, in ihrer Dramatik allerdings weitaus komplexer daherkommen. Man muss sich als Zuschauer erst einmal in einen solchen Film einfinden, in dem bereits in den ersten zehn Minuten geflucht, gesoffen, gefickt und sich geschlagen wird. Nur die stets liebreizende Großmutter der Familie Strobbe scheint als Fremdkörper in dieser Konstellation die Rettung zu sein, bricht sie hier doch aus dem Bild der verkommenden Familie aus. Wodurch auch sie allerdings zu einer tragischen Figur wird, da sie sich aufopfernd um die Familie kümmert, ohne die dafür verdiente Anerkennung zurückzubekommen. Dann wäre da natürlich noch der 13-jährige Gunther, dessen Leben vorherbestimmt zu sein scheint. Trotz seiner Minderjährigkeit wird er von seinem Vater, wie auch von seinen drei Onkeln, zu jedem Kneipenbesuch mitgenommen. Hier wird Familienzusammenhalt bewiesen und trotz aller abstoßenden Darstellungen, behalten die Erwachsenen die Vorbildfunktion für den kleinen Gunther. Ein Fingerzeig des Regisseurs an alle die sich in einer solchen Funktion befinden.

Auch wenn sowohl die Großmutter als auch der Vater als tragische Figuren neben Gunther fungieren, so bleibt dieser doch der Hauptprotagonist. Felix van Groeningen nutzt gleich zwei Zeitstränge um von dieser Figur zu erzählen. Dabei muss sich Darsteller Valentijn Dhaenens als erwachsener Gunther mit den emotionalen Hinterlassenschaften herumschlagen, die er als kleiner Junge durch das Zusammenleben mit seiner Familie ertragen musste. Aus dem Off erzählt und kommentiert er die Ereignisse die ihn so sehr prägten. In Bildern, die wirken als würde man durch ein altes Fotoalbum blättern, mal mit Fotos in schwarz/weiß, ein anderes Mal ein wenig verbleicht, ist es Kenneth Vanbaeden, der sich in bester ‘Wunderbare Jahre’ Manier durch die Vergangenheit spielt.

Es ist kein Meisterwerk, was Felix van Groeningen dort auf die Leinwand bringt. Aber es ist ein Film der es schafft die Unterschichten Thematiken, denen man sich sonst eher im Vormittagsprogramm von Privatsendern widmet, für das anspruchsvolle, kleine Programmkino aufzubereiten.

Denis Sasse

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